1968 im Tagesspiegel : Krawall nach ruhiger Demonstration am Kurfürstendamm

Für den 3. Februar 1968 rief das "Komitee der 100" zu eine friedlichen Protestversammlung auf. Es zeigte sich, dass nicht alle Demonstranten gewillt waren, der Aufforderung nach Gewaltlosigkeit nachzukommen.

Nach einer friedlichen Sitzdemonstration von bis zu 1000 Teilnehmern vor der griechischen Militärmission kam es am Nachmittag des 3. Februar 1968 auf dem Kurfürstendamm z u stundenlangen Verkehrsbehinderungen und teilweise massiven Zusammenstößen von Teilnehmern einer  wilden "Demonstration" und Polizisten .
Nach einer friedlichen Sitzdemonstration von bis zu 1000 Teilnehmern vor der griechischen Militärmission kam es am Nachmittag des ...Foto: imago

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Am 4. Februar 1968 berichtete die Zeitung über die Demonstrationen des Vortages.

Zu stundenlangen Verkehrsbehinderungen und teilweise massiven Zusammenstößen von Teilnehmern einer  wilden "Demonstration" und Polizisten kam es gestern Nachmittag auf dem Kurfürstendamm. Bis in die späten Nachmittagsstunden wurde der Kurfürstendamm von den "Demonstranten" so blockiert, dass kein normaler Verkehr möglich war. Die Polizei versuchte vergeblich, die Menschenmenge mit dem wiederholten Hinweis auf die Strafbarkeit der Handlungsweise zu zerstreuen. Dann wurden sowohl kleine Handwasserwerfer - ähnlich gebaut wie Handfeuerlöscher - als auch die üblichen fahrbaren Wasserwerfer eingesetzt. Mehrfach machten die Polizisten auch vom Schlagstock Gebrauch.

Bei den Auseinandersetzungen auf dem Kurfürstendamm wurden nach den endgültigen Ermittlungen der Polizei 24 Personen vorläufig festgenommen. Darunter befinden sich nach Mitteilung der Polizei 17 Straftäter, die des Widerstands gegen die Staatsgewalt, der Sachbeschädigung und des Auflaufs beschuldigt werden. Unter den Festgenommenen befindet sich auch der "Kommunarde" Fritz Teufel. Nach Auskunft der Polizei werden die Festgenommenen nach Feststellung ihrer Personalien und ersten Befragungen wieder freigelassen. Wie die Polizei außerdem mitteilt, wurden sechs Zivilisten und zwei Polizisten bei den Demonstrationen leicht verletzt.

Noch während der Zeit, die für die ausdrücklich als friedlich und gewaltlos angekündigte Demonstration vorgesehen war, zeigte es sich, dass nicht alle vor der griechischen Militärmission erschienenen Demonstranten gewillt waren, der Aufforderung nach Gewaltlosigkeit nachzukommen. Schon um 12 Uhr 20 kam es auf der Kreuzung Uhlandstraße / Kurfürstendamm zu einem wilden "Sitzstreik". Die Polizei beschränkte sich zunächst auf den Versuch, einzelne Teilnehmer wegzutragen, doch die Lücken schlossen sich sofort. Wenig später trifft der Hauptzug der wilden Demonstration am Kurfürstendamm ein, wobei die "Internationale" erklingt.

 Um 12 Uhr 40 werden die "Demonstranten" über, Polizeilautsprecher auf die Strafbarkeit ihrer Handlungsweise hingewiesen. Trotzdem setzt sich auf beiden Fahrbahnen des Kurfürstendammes ein ungeordneter Zug von einigen hundert meist jungen Leuten in Richtung Gedächtniskirche in Bewegung. Eine Polizeikette an der Meinekestraße wird durchbrochen. Der Verkehr bricht zusammen.

 Wie schon im Oktober, als sich nach einer ruhig verlaufenen genehmigten Demonstration gegen das amerikanische Engagement in Vietnam ein Haufen absonderte und die Kreuzung Joachimsthaler Straße / Kurfürstendamm blockierte, wird diese Kreuzung auch jetzt besetzt. Die Störung des Straßenverkehrs wird noch weit empfindlicher, auch BVG-Busse können die Kreuzung nicht passieren. Um 13 Uhr 25 werden die "Demonstranten" aufgefordert, die Fahrbahnen zu räumen. Als Sprecher setzt die Polizei wieder Hauptkommissar Textor ein, der im Oktober mit seinen launigen Durchsagen lange zur Entkrampfung der Situation beigetragen hatte. Doch diesmal hat auch er keinen Erfolg, und diesmal wartet die Polizei nicht so lange wie im Oktober: Um 13 Uhr 33 wird erstmals der Wasserwerfer eingesetzt. Bürgermeister Neubauer, Parlamentspräsident Sickert, Senatsrat Prill und Beamte aus der Polizeiführung sind am Ort des Geschehens.

 Für kurze Zeit wird die Kreuzung frei gemacht, aber wenige Minuten nach 14 Uhr ist sie wieder belagert. In der Menschenmenge werden rote Fahnen gezeigt. Immer wieder ertönen Sprechchöre, die nicht nur "Freiheit für Griechenland" fordern, sondern auch "Hängt Pattakos" (Innenminister des Athener Militärregimes). Unter den "Demonstranten" befinden sich auch Mitglieder der "Kommune".

 Das ständige Hin und Her zwischen "Demonstranten" und Polizei geht nun in einen Belagerungszustand über. Die Polizei nimmt mehrere Personen fest. Die Zahl der eingesetzten Polizisten wird mit 300 angegeben, weitere 500 Beamte werden in Reserve gehalten. Sechs Wasserwerfer stehen der Polizei zur Verfügung. Bei Einsätzen der Wasserwerfer werden auch Passanten oder Schaulustige getroffen. Die Eingänge zur U-Bahn sind am Kranzler-Eck eine Zeitlang geschlossen.

 Aus der Menge der "Demonstranten" werden Feuerwerkskörper geworfen; als ein Autofahrer den Aufforderungen der "Demonstranten" zum Anhalten nicht nachkommt, zerschlagen sie die Windschutzscheibe.

 Kurz vor 16 Uhr setzten sich Wasserwerfer auf beiden Fahrbahnen des Kurfürstendammes in Bewegung und drängten die "Demonstranten" immer weiter zurück. Einige der Krawallmacher zogen zwischen Fasanen- und Uhlandstraße einen Baubuden-Wagen vom Mittelstreifen und stürzten ihn auf der nördlichen Fahrbahn um. Polizisten beseitigten das Hindernis schnell. Gegen 17 Uhr normalisierte sich der Verkehr.

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