1968 im Tagesspiegel : Sputnik - Eine neue Zeitschrift aus der Sowjetunion

Zum Erscheinen des ersten Sputnik-Heftes berichtete der Tagesspiegel am 20. März 1968

Eine Reproduktion der sowjetischen Zeitung "Sputnik"
Eine Reproduktion der sowjetischen Zeitung "Sputnik"Foto: imago

Wie hat der Tagesspiegel das Jahr 1968 begleitet? Wir publizieren regelmäßig einen ausgewählten Text aus der Zeitung von vor 50 Jahren – zur Studentenbewegung, sowie zu anderen Themen, die die Stadt und die Welt bewegt haben. Vor 50 Jahren wurde über die Zeitschrift "Sputnik" geschrieben.

 

Nicht nur "Jasmin", der Titel einer neuen Frauenzeitschrift, klingt dieser Tage blumig in den Ohren, auch der sehr viel technischer anmutende Name "Sputnik" wirbt seit heute um die Gunst des Zeitschriftenkäufers.

"Sputnik", die erste von einem deutschen Verlag herausgegebene Zeitschrift aus der Sowjetunion mit dem Untertitel "Rußland im Spiegel seiner Presse", erscheint im Belser Verlag (Stuttgart-Berlin) - das erste April-Heft zum Preis von 2 DM und mit einem Umfang von 214 Seiten in einer Auflage von 130 000 Exemplaren. Es ist ein russischer Zeitschriftendienst, monatlich zusammengestellt aus 8000 Zeitungen und 4000 Zeitschriften von der Moskauer Presseagentur "Nowosti'' und, wie die Herausgeber betonen, mit dem Anliegen publiziert, hierzulande das Wissen "über den großen Nachbarn im Osten" zu vertiefen, die UdSSR in Selbstdarstellungen zu Wort kommen zu lassen und obendrein "als ein Beitrag zur Verständigung" das "heute gültige Bild des russischen Menschen" zu zeichnen.

Gerade dieses Selbstverständnis, wie es sich in diesem vierfarbig gedruckten Digest bietet, läßt aber den westlichen Leser oft schmunzeln, leicht verwundert über die liebenswürdigen Harmlosigkeiten, gänzlich unpolitischen Berichte und Beiträge - angefangen bei den gewiß bemerkenswerten Delphinen, Plaudereien über Frauenschönheit, Kaviargewinnung und den einst von der Partei als westlich dekadent verfemten Jazz bis zum Briefmarkenhobby, Zeichnen durch Hypnose, zu Vitaminen, Fernunterricht in Russisch und zu den neuesten Rigaer Moden.

Eine bunte Skala unterhaltender Texte, zusammengestellt in dem deutlichen Bemühen, westlichen Lesegewohnheiten zu entsprechen. Das erste Heft läßt allerdings leise Zweifel daran aufkommen, ob die hier gebotene Information über die Sowjetunion tatsächlich von so außerordentlicher Wichtigkeit ist.

Der Vertrag des Verlegers mit Nowosti-Press sieht vor, daß "Sputnik" keinerlei gegen die Bundesrepublik gerichteten Beiträge enthält, wie sich umgekehrt auch der deutsche Verlag verpflichtete, keine Politik gegen die Interessen der Sowjetunion zu betreiben. Das sollte sich eigentlich bei diesem neuen Periodikum, das gleichfalls in englischer, französischer und japanischer Sprache erscheint, beinahe von selbst verstehen.

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