Abschied von Peter-André Alt : "Ich übergebe ein gut bestelltes Haus"

Anfang Juli scheidet Peter-André Alt aus dem Amt des Präsidenten der Freien Universität. Ein Gespräch über beglückende Momente, Zukunftspläne und Queen-Songs als Motto.

Christine Boldt Christa Beckmann
Im Gespräch bleiben: Dank einer guten Arbeitsatmosphäre ließen sich viele Herausforderungen, denen sich Peter-André Alt als Universitätspräsident stellen musste, einvernehmlich lösen.
Im Gespräch bleiben: Dank einer guten Arbeitsatmosphäre ließen sich viele Herausforderungen, denen sich Peter-André Alt als...Foto: Bernd Wannenmacher

Professor Peter-André Alt ist seit Juni 2010 Präsident der Freien Universität. Der Literaturwissenschaftler, der seit 2005 an der Hochschule lehrt und forscht, tritt am 1. August das Präsidentenamt der Hochschulrektorenkonferenz an. Präsident der Freien Universität wird der Mathematiker Professor Günter M. Ziegler.

Herr Professor Alt, in Ihrer Rede, die Sie bei Ihrer Amtseinführung im Juni 2010 gehalten haben, sprachen Sie von zwei Dingen, die man für das Amt eines Hochschulpräsidenten benötige: Wirklichkeitssinn und prognostische Kraft. Entscheidend dabei sei „die Balance beider Vermögen“. Sehen Sie das heute, acht Jahre und zwei Amtszeiten später, noch genauso?

Das scheint mir eine gute Beschreibung dessen zu sein, was man mitbringen muss – und blieb für mich ein Leitfaden. Vielleicht könnte man ketzerisch sagen, dass im Laufe der Amtszeit die prognostische Kraft und die Bereitschaft, sich auf die Zukunft einzulassen, geringer werden, weil der Wirklichkeitssinn Übermacht gewinnt. Dagegen muss man angehen. Denn der Wirklichkeitssinn stellt sich von allein ein, die Zukunfts- und Prognosefähigkeit muss man sich erhalten.

Was betrachten Sie als wichtige Stationen und größte Erfolge Ihrer Amtszeit?

Ein großer Erfolg war, dass wir 2012 erneut das Zukunftskonzept erfolgreich einwerben konnten. Dadurch haben wir erheblichen Gestaltungsspielraum im Rahmen des Exzellenzwettbewerbs gewonnen. Zweitens, dass die beiden Präsidien, denen ich vorgestanden habe, besonders in der Nachwuchsförderung sehr viel geleistet haben. Wenn wir jetzt den nächsten Schritt in den Tenure Track planen – also jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nach einer Bewährungszeit eine Professur auf Lebenszeit ermöglichen –, so ist das gut und folgerichtig. Wir haben allerdings auch jetzt schon eine herausragende Quote von Juniorprofessorinnen und -professoren, die auf Dauerstellen berufen werden. Dass wir insgesamt eine wachsende Universität geworden sind, nachdem wir vorher aufgrund der Neustrukturierung der Berliner Hochschullandschaft nach der Wende jahrelang eine schrumpfende waren, ist ein Erfolg, auf den wir stolz sein können. Drittens ist hervorzuheben, dass wir die Freie Universität auch in der baulichen Infrastruktur sehr gut entwickelt haben – eine Leistung, die manchmal unterschätzt oder einfach nur hingenommen wird, aber keineswegs selbstverständlich ist. Als viertes Feld wäre die Internationalisierung zu nennen: Wir haben uns in der Startphase des Zukunftskonzepts vor rund zehn Jahren proaktiv auf internationale Partner zubewegt. Jetzt kommen herausragende Partner ihrerseits auf uns zu. Ähnliches gilt für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen auf dem Campus Dahlem, die sich um Kooperation bemühen. Diese Schubumkehr zeigt, wie attraktiv die Freie Universität heute ist.

Gut aufgelegt: Peter-André Alt am Mischpult im Postbahnhof. Der Universitätspräsident nahm im Januar 2016 an der „Professorennacht“ teil.
Gut aufgelegt: Peter-André Alt am Mischpult im Postbahnhof. Der Universitätspräsident nahm im Januar 2016 an der...Foto: Bernd Wannenmache

Was hat Sie am stärksten herausgefordert?

Herausfordernd sind Themen, bei denen es darum geht, einzelnen Gruppen in der Universität zu vermitteln, dass sie nicht immer nur gewinnen können, sondern dass es um Beschränkung und Konzentration geht, weil die Mittel knapp bleiben. Nicht nur die Eigeninteressen, vielmehr das Wohl der gesamten Einrichtung zu verfolgen, ist für viele ein Grundproblem. Diese Herausforderung existiert in der Administration genauso wie in der Forschung.

Nach 100 Tagen als Universitätspräsident haben Sie in einem Interview für das Online-Magazin campus.leben der Freien Universität gesagt, Sie seien am meisten davon überrascht, dass es wenig Überraschungen gab – Sie fühlten sich gut auf das Amt vorbereitet. Was hat Sie in den vergangenen acht Jahren dennoch überrascht?

Ich hatte mich damals ein halbes Jahr auf meine neue Aufgabe vorbereitet und die Freie Universität im wahrsten Sinne des Wortes „gepaukt“: Von morgens bis abends habe ich Leistungsberichte gelesen, Gespräche geführt, Szenarien, Konzepte und Handlungsmodelle geschrieben. Was dann im Alltag wirklich überraschend war? Dass man jeden Tag auf Schwierigkeiten stoßen konnte, von deren Existenz man nichts gewusst hat: technische Probleme, Interessenkollisionen, Egoismen. Gefreut haben mich aber Gespräche, die so begannen: „Wir haben am Fachbereich xy folgendes Problem. Und wir favorisieren folgende Lösung, die wir gern mit Ihnen diskutieren würden.“ Die Momente, in denen die Mitglieder unserer Universität – Wissenschaft und Verwaltung, Studierende und technische Bereiche - bereit waren, sich höchst konstruktiv an der Lösung von Problemen zu beteiligen, waren für mich immer wieder begeisternd – und oft auch überraschend.

Wo sind Sie an Ihre Grenzen gestoßen?

Man stößt im Präsidentenalltag zwangsläufig an Grenzen. Das sind physische Grenzen, die dadurch entstehen, dass der Arbeitsalltag sehr lang ist. In der Regel ist man gut trainiert durch die langen Arbeitstage eines Hochschullehrers. Aber in der Präsidentenwoche gibt es einen steten Wechsel von Themen; man ist ständig mit neuen Sachlagen und Lösungserfordernissen konfrontiert. Das kann manchmal dazu führen, dass der Druck steigt. Damit umzugehen habe ich in den vergangenen Jahren gelernt. Anders geht es auch nicht, man muss abschalten können und sich auf elementare Dinge konzentrieren.

Blick zurück: 50 Jahre nach John F. Kennedys legendärer Rede vor dem Henry-Ford-Bau der Freien Universität erinnerte Peter-André Alt an den Besuch des ehemaligen US-Präsidenten am 26. Juni 1963.
Blick zurück: 50 Jahre nach John F. Kennedys legendärer Rede vor dem Henry-Ford-Bau der Freien Universität erinnerte Peter-André...Foto: Bernd Wannenmacher

Wie schalten Sie ab? Worauf konzentrieren sie sich gern?

Auf Literatur – das ist bei einem Germanisten eine naheliegende Antwort. Aber nicht auf Literatur als Gegenstand der Forschung, das wäre ja wieder mit Anstrengung verbunden. Ich meine das Lesen.

Ist Schreiben für Sie eine Entspannung?

Wenn der Text zur Hälfte fertig ist, wird es langsam zur Entspannung. Gleichgültig, ob es sich um kurze oder lange Texte handelt, am Anfang kann das Schreiben sehr anstrengend sein, der Beginn ist am schwierigsten. Lesen und Schreiben gehören für mich als Elemente derselben Reflexionskultur zusammen. Ich bin als Literaturwissenschaftler jemand, der sich nicht nur aufs Lesen beschränkt, ich muss zu meinen Lektüren auch meist etwas aufschreiben.

Sie haben neben dem Präsidentenamt weiterhin publiziert: Sie haben Sachbücher geschrieben und Artikel in Tageszeitungen veröffentlicht. Wie haben Sie das zeitlich geschafft?

Ich habe auf diese Weise eine intellektuelle Balance angestrebt, die mir gutgetan hat. Das Nachdenken über Literatur, historische Konfigurationen oder intellektuelle Bewegungen ist ein ganz anderer Vorgang, bei dem man kreativ sein kann. Man muss zwar Probleme lösen, aber es sind keine Management-Probleme. Man kann sich in ästhetischen oder ideellen Ordnungen bewegen, die ganz anders beschaffen sind als jene des präsidialen Alltags. Das bedeutete für mich eine Entlastung.

Aber eine zeitliche Zusatzbelastung war es doch trotzdem?

Ja, aber das Entscheidende ist, dass ich in den 20 Jahren als Professor gelernt habe, meine Zeit gut einzuteilen. Es ist eine systematisch schwierige Herausforderung, von einer Vorlesung oder einem Seminar – also dem Gespräch in und mit Gruppen –, in den Schreibmodus, den stillen Arbeitsrhythmus zu wechseln, in eine Situation, in der man nachdenkend und produzierend nur mit sich zu tun hat. Diese Übergänge zu bewältigen habe ich schon als Professor ganz gut gelernt.

Wie schalten Sie sonst ab – treiben Sie Sport?

Ich bin im ersten Jahr meiner Präsidentschaft deutlich mehr Fahrrad gefahren. Jetzt mache ich morgens in meinem Arbeitszimmer zu Hause Sport. Beim Sport kann ich übrigens nicht nachdenken, dann strengt mich alles nur noch mehr an. Ich trainiere mit Gewichten, das kann ich am besten in den Alltag integrieren.

Hat Ihnen in Ihrer Funktion als Präsident der Freien Universität manchmal die Wissenschaft gefehlt? Gab es Momente, in denen Sie daran gezweifelt haben, ob es richtig war, das Präsidentenamt zu übernehmen?

In den ersten Jahren hat mir die Wissenschaft gefehlt. Ich hatte mir eine Reputation in meinem Fach erarbeitet und erhielt jetzt zahllose Einladungen zu Vorträgen und Kongressen, die ich plötzlich nicht mehr wahrnehmen konnte. Da blutet einem das Herz, wenn man absagen muss. Außerdem ist es so, dass die intellektuelle Arbeit die Ressourcen und Batterien auflädt; das ist das Schöne daran: Man kann immer wieder neue Ideen entwickeln. Diese Möglichkeit der intellektuellen Regeneration, die einen mit Perspektiven und intellektuellen Möglichkeiten versorgt, habe ich schon vermisst. Und das Rollenbild des Professors hat mir gefehlt. Hier hat man deutlich mehr Freiheiten als in anderen Berufsfeldern. Diese Spielräume, das offene Gespräch mit Studierenden, den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen oder auch das Lehren gibt man nicht gern auf.

Neuer Name: Für die Umbenennung des Bahnhofs „Thielplatz“ der U3 in „Freie Universität“ hatte sich Universitätspräsident Alt stark gemacht. Das Bild zeigt ihn mit der Zehlendorfer Bezirksbürgermeisterin Cerstin Richter-Kotowski und BVG-Mitarbeitern.
Neuer Name: Für die Umbenennung des Bahnhofs „Thielplatz“ der U3 in „Freie Universität“ hatte sich Universitätspräsident Alt stark...Foto: Bernd Wannenmacher

Und empfanden Sie Zweifel an der Entscheidung für das Amt?

Jemand, der nicht zweifelt, macht seine Arbeit nicht gut. Zweifel schließen ein, dass man sich selbst kritisch befragt, ob man die richtigen Lösungen hat. Dass man seine eigenen Grenzen kennt, dass man sich verbessern will. Das ist ein konstruktives Element. Schwierig wird es, wenn der Zweifel nagt. Diese Phase gab es bei mir nie, aber Zweifel durchaus.

Gab es beglückende Momente?

Ja, sehr viele. Das ist das Charakteristische an diesem Amt: Es ist wie im Fahrstuhl, es geht hoch und runter in den Stimmungslagen. Es gibt sehr anstrengende Termine – manche Gremiensitzungen etwa können enormes Druckpotenzial entwickeln. Dann tauchen wieder herrliche Momente auf, wenn man zum Beispiel gemeinsam einen neuen Sonderforschungsbereich feiert. Oder bei Alumni- Treffen in China und Korea, wo mich Menschen angesprochen haben, die in den achtziger Jahren an der Freien Universität Deutsch studiert haben. Jeder Moment, den ich auf der Bühne des Max- Kade-Auditoriums gestanden habe und bei dem ich die Freie Universität repräsentieren durfte, war ein beglückender Moment. Es gab im Präsidium viele gemeinsame Arbeitsrunden, die – weil wir scheinbar unüberwindbare Schwierigkeiten doch lösen konnten – extrem beglückend waren. Ich kann mich an nur wenige Besprechungen erinnern, bei denen nicht auch gelacht wurde. Dass es auch heiter zuging und Ironie erlaubt war, darauf habe ich immer sehr geachtet.

Die Leitbegriffe der Freien Universität stehen im Siegel der Hochschule: Veritas, Justitia, Libertas. Ihr ganz persönliches Motto aber haben Sie wohl verraten, als Sie 2016 bei der Veranstaltung „Mein Prof ist ein DJ“ im Postbahnhof aufgelegt haben. Einer der Songs auf Ihrer Playlist damals war „Don't stop me now“ von Queen …

Offen gestanden habe ich Queen nie so richtig gemocht, ich fand ihre Musik zu pathetisch. „Bohemian Rhapsody“ ist großartig, vieles aber – „We are the Champions“ etwa – ist für meinen Geschmack zu dick aufgetragen. In die Playlist gehörte die Gruppe trotzdem, weil ihre Musik mitreißt. „Don't stop me now“ könnte ich mir tatsächlich als Motto vorstellen, vielleicht habe ich das damals unbewusst ausgewählt. (lacht)

Ist das Motto auch an die Hochschulrektorenkonferenz gerichtet, deren Präsident Sie jetzt werden?

Ja unbedingt, auch die HRK kann mit diesem Motto arbeiten.

Was hat die HRK, was die Freie Universität nicht hat?

Ich werde eine politische Aufgabe wahrnehmen – und Hochschulpolitik gefällt mir, weil man hier klar umrissene Interessen definieren kann. Ich will als Präsident der HRK eine starke Einrichtung vertreten und gegenüber den außeruniversitären Einrichtungen zeigen, wie wichtig das Hochschulsystem ist. Wenn ich mit der Politik verhandele, repräsentiere ich die Interessen der Hochschulen. Das ist eine rationale Grundlage. Und Rationalität gefällt mir, weil sie eine Basis ist für Interaktionsformen, über die man Ziele erreichen kann. Anstrengend finde ich es, wenn sich Motive vermischen, wenn Hintergründe erratisch werden, wenn scheinbar objektive mit ganz subjektiven, egozentrischen Zielen verknüpft werden. Die HRK ist eine Metaorganisation und bietet für jemanden wie mich, der gern theoretisch und in Systemen denkt, die reizvolle Aufgabe, eine enorme Vielfalt von Institutionen auf eine stärkere Kohäsion, auf einen größeren Zusammenhalt auszurichten. Bei meiner neuen Funktion fehlen die operativen Felder weitgehend, also jener Alltag, der hier an der Freien Universität manchmal anstrengend, aber auch wundervoll ist wegen der Vielfalt der Wissenschaftsdisziplinen und ihrer Desiderate. Was ich weniger vermissen werde, das ist die Tendenz, große Linien zu früh durch Detailwut und Bedenklichkeiten zu verwischen, während man doch für die Zukunft klare Antworten zu finden hat. Beides, Konkretion und Vision, miteinander zu vermitteln, war oft schwer. Bei der HRK wird es leichter sein, die großen Linien zu ziehen. Das reizt mich auch intellektuell.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass Sie dort nicht den Kontakt zur Basis verlieren?

Ich werde die Landesrektorenkonferenzen besuchen, in allen 16 Bundesländern werde ich einmal im Jahr erscheinen. Das sind natürlich auch Dachorganisationen, aber sie bilden dann meine Basis. Die HRK, das sind gegenwärtig 268 Hochschulen, die ich nicht einzeln, aber gebündelt auf der Landesebene erreichen kann. Da ist schon genügend Diversität im Spiel, allein durch das föderale System. Ab und an, denke ich, werde ich mich auch mit Günter Ziegler austauschen, meinem Nachfolger. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich den Campus ganz aus dem Blick verliere.

Welche Universität übergeben Sie ihrem Nachfolger?

Eine Universität, in der die Entscheidungsstrukturen gut geordnet sind. Eine Universität, in der eine professionelle Verwaltung dafür sorgt, dass die Arbeitsprozesse gut abgestimmt sind. Eine Universität mit hohem internationalem Renommee, die sich personell erweitert hat, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die für die Freie Universität brennen. Mit einem Campus, der baulich konsolidiert ist. Eine Einrichtung, die überall Anerkennung erfährt und die auch deshalb erfolgreich zu führen ist, weil sie tatsächlich Türen öffnet. Kurz: ein gut bestelltes Haus.