Auslandsaufenthalt : Andere Länder kennenlernen – und sich selbst

Das Erasmus-Programm der EU wird 30 Jahre alt: Austauschstudierende von damals und heute berichten.

Aniko Schusterius
Weiter Blick: Das Auslandsjahr an der Freien Universität habe ihr Selbstbewusstsein gestärkt, sagt Ilayda Yildrim.
Weiter Blick: Das Auslandsjahr an der Freien Universität habe ihr Selbstbewusstsein gestärkt, sagt Ilayda Yildrim.Fotos: Privat

Dass Susanne Schnüttgen heute im Ausland, in Paris, arbeitet, kann eigentlich nicht verwundern. Gleich nach dem Abitur zog es die Norddeutsche in die Ferne – damals zu einem Praktikum in die USA. An der Freien Universität studierte sieEnglisch und Sozialkunde auf Lehramt. Später kam noch ein Abschluss in Politikwissenschaft hinzu. Während ihres Studiums hatte sie gleich zweimal die Möglichkeit, über ein Erasmus-Stipendium an eine europäische Universität zu gehen. Als sie 1988 mit dem damals frisch gegründeten Programm an die Universität von Colchester im Süden Großbritanniens ging, gehörte sie zu den Ersten, die von dem neuen Austauschprogramm profitierten. Ziel des akademischen Austauschs auf Ebene der europäischen Union war es, die Sprachkompetenz der Studierenden zu fördern und ihnen die Möglichkeit zu geben, andere akademische Formen und Traditionen kennenzulernen.

„Mir war immer klar, dass ich einen Teil meines Studiums im Ausland verbringen wollte. Man macht dadurch Erfahrungen, die einen fachlich und menschlich weiterbringen“, sagt Susanne Schnüttgen. Außerdem habe sie interessiert, wie das Studentenleben in anderen Ländern aussieht. Ihre Erinnerungen an England beschreibt sie so lebhaft, als wäre es erst gestern gewesen. Wie sie auf den Campus zog und in einer Wohngemeinschaft mit bis zu zehn Frauen zusammenlebte. „Eine tolle Erfahrung. Wir hatten neun Nationalitäten. Das war nicht nur im Alltag, sondern auch im Studium sehr spannend.“

Selfie in Berlin: Felipe S. Henriques aus Portugal und die Italo-Albanerin Eneida Paco.
Selfie in Berlin: Felipe S. Henriques aus Portugal und die Italo-Albanerin Eneida Paco.Foto: privat

Heute arbeitet Susanne Schnüttgen bei der UNESCO – der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Dort leitet sie das globale Kapazitätenprogramm (Capacity-Building Programme) für die Erhaltung immateriellen Kuturerbes: „Zu meinen Aufgaben gehört zum Beispiel die Weiterbildung unserer Trainer und Berater in den einzelnen Ländern.“ Ihre Hauptarbeitssprachen sind Englisch und Französisch. Noch heute hält sie für die wichtigste Erfahrung ihrer Erasmus-Aufenthalte, dass man im Ausland immer auch als Botschafter der eigenen Kultur unterwegs sei.

Der Anfang in einem fremden Land war nicht einfach

Wenn Ilayda Yildrim von ihrer Zeit in Berlin erzählt, merkt man schnell, wie sehr der Aufenthalt an der Freien Universität ihr Selbstbewusstsein gestärkt hat. Die 22-jährige Studentin der Politikwissenschaft von der Marmara University in Istanbul war ein Dreivierteljahr mit einem Erasmus-Stipendium in Dahlem. Inzwischen ist sie zurück in der Türkei. Ilayda Yildrim entschied sich im zweiten Semester für einen Auslandsaufenthalt. Infrage kamen damals verschiedene europäische Städte. Nach Gesprächen mit ehemaligen Austauschstudierenden und einer Beratung an ihrer Uni entschied sie sich für die deutsche Hauptstadt. „Für die Freie Universität sprachen vor allem der moderne Campus mit freiem WLAN, öffentlichen Arbeitsräumen und zahlreichen Bibliotheken“, sagt Ilayda Yildrim.

Am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität habe sie Kurse in Grundlagen politischer Strukturen und internationaler Beziehungen belegt und sich dank der Orientierungstage zu Beginn des Semesters schnell am Institut und auf dem Campus zurechtgefunden. Hier habe sie erste Kontakte geknüpft, die sich zu Freundschaften entwickelten. Was ihr, wieder zurück in Istanbul, fehlt? Die vielen Bibliotheken und Institute auf dem Campus, die zusammen mit den Verwaltungseinrichtungen eine sehr gute Lernumgebung ergeben, sagt die Studentin.

Auch Filipe S. Henriques studierte im Rahmen des Erasmus-Programms zwei Semester lang Politikwissenschaft an der Freien Universität. Eigentlich wollte er immer nach Barcelona: Den Portugiesen hatte der Film „L’ Auberge Espagnole“ inspiriert, in dem ein französischer Student von seinem bewegten Auslandsaufenthalt in der katalanischen Hauptstadt erzählt. Dass es Berlin und die Freie Universität geworden sind, habe vor allem mit der Lehre zu tun, die sehr an den Studierenden orientiert sei, sagt Henriques.

Eine der Ersten: Susanne Schnüttgen (heute in Paris) war 1988 mit Erasmus in England.
Eine der Ersten: Susanne Schnüttgen (heute in Paris) war 1988 mit Erasmus in England.Foto: Jens Köster

Doch der Anfang in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht beherrschte, war nicht einfach. Besonders der Kontakt zu Einheimischen und deutschen Studierenden sei ihm durch die Sprachbarriere manchmal sehr schwergefallen: „Aber es hat mich selbstständig und ein Stück weit erwachsener gemacht, durchzuhalten“, sagt der 25-Jährige. Durch sein Studium an der Freien Universität habe sich auch sein politischer Blick erweitert. Er habe viel Neues über Ost-West-Politik gelernt, was ihn akademisch weiterbringe. Später möchte er für die europäische Union arbeiten, da ihn der europäische Integrationsprozess sehr interessiert.

Studierende sollten einen möglichst langen Auslandsaufenthalt machen

Astrid Franke ging zur Zeit der deutsch-deutschen Vereinigung 1990 mit einem Erasmus-Stipendium nach Schottland. Die heutige Professorin für Anglistik an der Universität Tübingen steckte damals mitten im Lehramtsstudium für Biologie und Amerikanistik. Sie erinnert sich, dass die Bewerbung keinen großen bürokratischen Aufwand erforderte, lediglich ein Bewerbungsschreiben und einige persönliche Dokumente seien nötig gewesen. Als ihr ein Austauschplatz an der University of Edinburgh angeboten wurde, freute sie sich sehr, da ihr dort das Kursangebot in ihren zwei Studienfächern am meisten zusagte.

Neben den Lehrveranstaltungen kam Franke vor allem in Societies – Freizeitgruppen an britischen Universitäten – mit anderen Studierenden in Kontakt. „Ich war in zwei verschiedenen Societies, für Heißluftballonfahrt und für Folk-Dance.“ Durch die gemeinsamen Freizeitaktivitäten sowie die Tutorien in Kleinstgruppen und bei Experimenten an der schottischen Universität sei der Kontakt zwischen den Studierenden enger gewesen als in Berlin, sagt Astrid Franke. Noch heute erinnert sie sich gern an die Zeit. Ihren Studierenden rät sie zu einem möglichst langen Auslandsaufenthalt, weil es schon etwa ein halbes Jahr dauere, bis man sich eingelebt habe.

Inzwischen gehen jedes Jahr etwa 700 Studierende der Freien Universität über „Erasmus+“ ins Ausland. Das Anliegen des Programms hat sich dabei im Kern nicht verändert: Nach wie vor geht es darum, andere Länder kennenzulernen, ihre Sprache und Kultur – und darüber auch sich selbst.

Weitere Informationen: www.fu-berlin.de/studium/international/studium_ausland/erasmus

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