Bauprojekte an der FU : Neuer Glanz am alten Standort

Zwei Grundsanierungen und ein Neubau: Am Institut für Chemie und Biochemie der Freien Universität gibt es gleich drei Großbaustellen.

Marion Kuka
Lichtdurchflutet und modern wird sich das Gebäude in der Takustraße 3 nach der Sanierung präsentieren.
Lichtdurchflutet und modern wird sich das Gebäude in der Takustraße 3 nach der Sanierung präsentieren.Foto: Sweco GmbH

Ein bisschen ist es wie eine Operation am offenen Herzen. Die Chemie der Freien Universität Berlin wird baulich komplett saniert – während der Lehr- und Forschungsbetrieb für rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und 1300 Studierende weiterläuft. Damit das Kunststück ohne viel Knirschen gelingt, hält Diane Hessler Bittl die Fäden zusammen. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der Technischen Abteilung der Freien Universität koordiniert sie alle Bauprojekte am Fachbereich Biologie, Chemie, Pharmazie, also auch die Sanierung. „Ich vermittle zwischen den künftigen Nutzern – also den Forschenden und Lehrenden – und den Architekten und Baufirmen“, sagt die Ingenieurin.

Das bedeutet auch, dass sie immer über alles Bescheid wissen muss und ständig unterwegs ist: zu Besprechungen, Begehungen und anderen Terminen. Mit Frank Wolkers, der in der Technischen Abteilung der Freien Universität für Planung und Steuerung der Chemie-Bauprojekte sowie für die Koordinierung mit der Senatsverwaltung als Bauherr und Geldgeber zuständig ist, tauscht sie sich fast täglich aus. Derweil hält ihre Kollegin Petra Angrick ihr im Büro den Rücken frei.

Die Häuser, in denen das Institut für Chemie und Biochemie der Freien Universität untergebracht ist, stammen zum großen Teil aus den 1960er und 1970er Jahren. Das macht sich vor allem im hohen Energieverbrauch bemerkbar. Durch eine umfangreiche Sanierung werden nun die Gebäude in der Arnimallee 22 und der Takustraße 3 auf den neuesten Stand gebracht – baulich, anlagentechnisch und energetisch. Bauherr ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen. Zusätzlich entsteht in direkter Nachbarschaft der Forschungsneubau „SupraFAB“, der vom Land Berlin zusammen mit dem Bund finanziert wird.

Seit einigen Monaten laufen Vorlesungen im Probebetrieb

Auf ihrem Rundgang durch „Bauabschnitt 1“ in der Arnimallee 22 grüßt Diane Hessler Bittl jeden: Sie kennt eigentlich alle, die hier zu tun haben, mit Namen. Mit den Mitarbeitern einer Firma bespricht sie schnell noch ein paar Details zur Ausstattung der Seminarräume mit Beamern und Monitoren. Das Gebäude soll in wenigen Wochen fertig an die Freie Universität übergeben werden. Die Fassade strahlt schon in Weiß und Gelb. Wege, Beleuchtung und Grünanlagen werden gerade gestaltet, im Inneren bekommen die Räume im Untergeschoss und im ersten Stock den letzten Schliff. „Die Studierenden dürfen sich auf einen Standard freuen, an den bisher nicht zu denken war“, sagt Diane Hessler Bittl und weist auf eine Sitzgruppe, in deren Nähe demnächst auf Monitoren die Wartenummern für Termine in den Studien- und Prüfungsbüros angezeigt werden. Mit Beginn des Sommersemesters werden außerdem 80 neue Labor-Praktikumsplätze in Betrieb genommen.

Neubau Suprafab

Der Grundstein für den Forschungsneubau in der Altensteinstraße 23 a wurde im September 2018 gelegt, die Fertigstellung ist für Ende 2020 geplant. Die Abkürzung SupraFAB steht für „Supramolekulare Funktionale Architekturen an Biogrenzflächen“. Hier werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Biologie, Chemie und Physik mit nanophysikalischen Methoden etwa die Wirk- und Funktionsmechanismen komplexer Proteinstrukturen auf Zelloberflächen erforschen. In speziell ausgestatteten Räumen werden Großgeräte für höchstauflösende optische Mikroskopie und Elektronenmikroskopie, für zeitaufgelöst bildgebende und spektroskopische Verfahren sowie zur Nanostrukturierung von Oberflächen zur Verfügung stehen. Die Baukosten sind mit rund 41 Millionen Euro im Landeshaushalt veranschlagt, der Bund übernimmt davon im Rahmen der Hochschulbauförderung bis zu 18,8 Millionen Euro.

Das Gebäude ist schwingungsarm konzipiert: Damit die sensiblen Messungen nicht durch äußere Einflüsse verfälscht werden, steht es auf einer einen Meter dicken Bodenplatte. Im Keller wird ein Sauberraum mit gefilterter Luft für die Nanostrukturforschung eingerichtet, weitere Räume bieten klimatisch perfekte Bedingungen für mehrere Großgeräte. Dazu gehört ein innovatives,hochauflösendes 300-kV-Kryo-Transmissionselektronenmikroskop für die Charakterisierung von strahlenempfindlichen Proben. Die Mittel für das neue Gerät in Höhe von 4,6 Millionen Euro wurden 2017 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Anteil der Freien Universität Berlin an einem gemeinsamen Antrag von Freier Universität und Charité bewilligt.

Mit dem High-Tech-Mikroskop können vor allem Eiweißmoleküle im Auflösungsbereich weniger Angstrom – ein Angstrom entspricht 0,1 Nanometern – im nativen, also im funktionellen Zustand schockgefroren, dreidimensional rekonstruiert werden. Diese Methode hilft den Forscherinnen und Forschern, die Struktur und Funktion einzelner Proteine und Proteinkomplexe zu verstehen, die etwa für die Interaktion von Viren oder Bakterien mit Zellmembranen relevant sind.

Dr. Diane Hessler Bittl kennt alle Details und löst jedes Raumproblem.
Dr. Diane Hessler Bittl kennt alle Details und löst jedes Raumproblem.Foto: Bernd Wannenmacher

Im Erdgeschoss laufen bereits seit einigen Monaten Vorlesungen im Probebetrieb: Der große Hörsaal mit 600 Plätzen ist einer der geräumigsten auf dem Dahlemer Campus. Daneben liegen zwei kleinere Räume mit 200 und 100 Plätzen. Sie werden nicht nur dem Institut für Chemie und Biochemie für Veranstaltungen zur Verfügung stehen, sondern auch anderen Fachbereichen. Die Hörsäle sind mit modernster Technik ausgestattet: Wer Einschränkungen beim Hören hat, kann sich etwa die Audiosignale von Vorträgen oder Filmen über WLAN und Smartphone- App direkt an das Hörgerät senden lassen. Um eine Lehrveranstaltung auf Video aufzuzeichnen, genügt ein Knopfdruck.

In großen mobilen, verglasten Schränken können die Dozentinnen und Dozenten gefährliche Versuche vorführen, ohne dass dabei jemand zu Schaden kommt. „Die Gase für Schau-Experimente kommen direkt aus der Leitung“, sagt Diane Hessler Bittl. Die toxische Abluft verlasse den Saal über einen mobilen Abzug. Um eine weitere Innovation zu demonstrieren, lässt sie ein paar Schutzscheiben aus dem Pult fahren. Falls erforderlich, erhöhen die versenkbaren Abtrennungen während der Vorlesung mit einem Handgriff die Sicherheit. Was ihre Kolleginnen und Kollegen für gute Forschung und Lehre benötigen, weiß die Chemie-Ingenieurin aus eigener Erfahrung: Sie hat am Karlsruher Institut für Technologie promoviert. Zusammen mit der Verwaltung des Fachbereichs Biologie, Chemie, Pharmazie werden Diane Hessler Bittl und Petra Angrick selbst mit ihrem Büro in das sanierte Gebäude in der Arnimallee 22 einziehen. Ebenso haben fünf Professorinnen und Professoren der Physikalischen und Theoretischen Chemie samt ihren Arbeitsgruppen angefangen, die Umzugskisten zu packen.

Wegen der veralteten Technik ist der Energieverbrauch hoch

Mit dem Umzug fällt gleichzeitig der Startschuss für den nächsten Bauabschnitt: Direkt gegenüber, in der Takustraße 3, wird nun der dreistöckige Gebäudekomplex mit den markanten gelben Türmen saniert, in dem seit 40 Jahren Generationen von Chemiestudierenden gelernt haben. Nach der Grunderneuerung sollen Lehre und Forschung auch hier unter den modernsten Bedingungen stattfinden. Schadstoffbelastungen und die hohen Betriebskosten des Hauses sind weitere Gründe. Wegen der veralteten Technik und Gebäudehülle ist der Energieverbrauch sehr hoch. „Das Gebäude wird bis auf den Rohbau zurück- und dann wieder neu aufgebaut“, sagt Frank Wolkers. Nur die weithin sichtbaren gelben Kacheln, die innen wie außen die Türme und Treppenhäuser zieren, sollen als architektonisches Markenzeichen erhalten bleiben. Die Sanierungskosten von rund 118 Millionen Euro trägt der Berliner Senat, Fertigstellung und Übergabe sind für Ende des Jahres 2025 geplant.

In der Technikzentrale des frisch sanierten großen Hörsaals lassen sich Lehrveranstaltungen auf Knopfdruck mitschneiden.
In der Technikzentrale des frisch sanierten großen Hörsaals lassen sich Lehrveranstaltungen auf Knopfdruck mitschneiden.Foto: Bernd Wannenmacher

Im Zuge der Rund-um-Erneuerung werden auch gleich die Aufgabenbereiche im Inneren räumlich effizient geordnet: Lehre im Erdgeschoss, Forschungsgruppen der Organischen und Anorganischen Chemie im ersten und zweiten Stock, Technik im dritten Stock. Eine Besonderheit wird der neue Praktikumsbereich sein: Hier entstehen 270 moderne Laborarbeitsplätze, an denen Studierende der Chemie und anderer Disziplinen praktisch ausgebildet werden.

Während der Bauarbeiten wird ein Teil der Takustraße gesperrt; für die erste Bauphase müssen drei Viertel des Gebäudes geräumt werden. Nicht alle davon betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden schon jetzt ein dauerhaftes Domizil in der Arnimallee 22. Diane Hessler Bittl hatte sich zwar zum Ziel gesetzt, dass jede Abteilung nur einmal umziehen soll, doch dieses Ziel hat sie nicht ganz erreicht: „Zwei Arbeitsgruppen werden Zwischenstation in Modulbauten einlegen müssen, und die Praktikumsplätze der organischen Chemie wandern vorläufig in das Hochhaus in der Fabeckstraße 34/36“, sagt die Referentin für Bau- und Projektplanung. In steter Abstimmung mit allen Beteiligten findet Diane Hessler Bittl für jedes Raumproblem eine Lösung. „Immer in die richtige Richtung streicheln“, das ist ihr Motto für den Ausgleich zwischen allen Interessen.

Nicht nur Leitungen und Geräte brauchen Schutz

Die großen und teuren Forschungsgeräte wechseln nur einmal ihren Standort: Sie bleiben in der Takustraße 3 in Betrieb, bis der erste Sanierungsabschnitt abgeschlossen ist und sie innerhalb des Gebäudes in die neuen Räume umziehen können. Auch das geht nicht ganz ohne Herausforderungen über die Bühne: Während der Bauarbeiten darf es nicht zu Stromausfällen kommen, weil sonst langwierige Reihenexperimente gefährdet wären. „Diese großen Magnete dort müssen dauernd laufen“, sagt Diane Hessler Bittl und zeigt auf ein Gerät, das dazu dient, mit einer ähnlichen Technik wie die in der Medizin verwendete Magnetresonanztomographie die Struktur von Molekülen zu analysieren. „Die Magnete werden mit Helium gekühlt, einem Gas, das leider knapp, teuer und äußerst flüchtig ist. Um es wiederzuverwerten, wird es aufgefangen, über eine Rohrleitung hinüber ins Physikgebäude geleitet und dort wieder verflüssigt.“ Unzählige solch verzwickter Infrastrukturen müssen während der Bauarbeiten im anderen Gebäudeteil funktionsfähig gehalten werden.

Moderner Standard: Die Sanierung des Chemiegebäudes in der Arnimallee 22 ist fast abgeschlossen.
Moderner Standard: Die Sanierung des Chemiegebäudes in der Arnimallee 22 ist fast abgeschlossen.Foto: Bernd Wannenmacher

Nicht nur Leitungen und Geräte brauchen Schutz: Die Fassade des Gebäudes beherbergt Fledermäuse und Nester verschiedener Vogelarten. „Deswegen haben die Architekten ein ökologisches und ornithologisches Gutachten erstellen lassen. Brutperioden sind im Zeitplan berücksichtigt, und die Tiere werden nach der Sanierung wieder Nistplätze finden können“, sagt Diane Hessler Bittl.

Am Ende führen viele kleine Schritte zum großen Ziel: „Die Chemie-Sanierung ist ein wichtiger Teil der Standortentwicklungsplanung der Freien Universität“, sagt Projektleiter Frank Wolkers. Damit werde der Standort der Naturwissenschaften um die Fabeck- und Takustraße gestärkt. Martina Sick, die Verwaltungsleiterin des Fachbereichs, hebt hervor: „Mit den Baumaßnahmen schaffen wir einen räumlich konzentrierten, modernen Campus für die Chemie und angrenzende Disziplinen. Forschungsgruppen und Lehre können sinnvoll angeordnet werden, um künftig lange Wege zu vermeiden. Dadurch entsteht eine Infrastruktur, die Spitzenforschung beflügelt.“ Bis es soweit ist, muss Diane Hessler Bittl allerdings noch einige Kilometer Weg zurücklegen – bei Baustellenbegehungen, zu Besprechungen und Problemlösungs-Terminen.