Literatur im Zeitalter der Illustrierten : Am Beispiel Fontanes

Literaturwissenschaftlerin Madleen Podewski untersucht komplexe Text-Bild-Beziehungen in Journalen und Illustrierten des 19. Jahrhunderts.

Jennifer Gaschler
„Die Gartenlaube“ ist der Prototyp der „Illustrirten Familienblätter“. Die Zeitschrift erschien von 1853 bis 1944.
„Die Gartenlaube“ ist der Prototyp der „Illustrirten Familienblätter“. Die Zeitschrift erschien von 1853 bis 1944.Foto: Deutsches Textarchiv/Wikimedia

Vor dem in dem großen und reichen Oderbruchdorfe Tschechin – halben Wegs zwischen Küstrin und Frankfurt – um Michaeli 20 eröffneten Gasthaus und Materialwaarengeschäft von Abel Hradscheck (so stand auf einem über der Thür angebrachten Schilde) wurden Säcke, vom Flur her, auf einen mit zwei magern Schimmeln bespannten Bauerwagen geladen“, beginnt Theodor Fontanes Kriminalnovelle „Unterm Birnbaum“. Die Fortsetzungsgeschichte erschien 1885 in der Zeitschrift „Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt“. Protagonisten sind das trickreiche Ehepaar Abel und Ursel, das durch einen Mord seine Schulden zu vertuschen versucht. Wer in der Erzählung nicht vorkommt, ist Vroni – und doch nimmt die junge Frau eine zentrale Position ein: Ein Holzstich zeigt sie in ländlicher Tracht mittig auf der Zeitschriftenseite, auf der das erste Kapitel abgedruckt ist.

Ein Zusammenhang zwischen der Abbildung und Fontanes Erzählung scheint also nicht zu bestehen. „Aber warum wurde dann dieses Bild ausgewählt? Was macht das mit der Erzählung, wenn der Textfluss unterbrochen wird? Wie hat umgekehrt der Text die Seitengestaltung beeinflusst?“ Diese Fragen stellt die Literaturwissenschaftlerin Madleen Podewski im Rahmen ihres Forschungsprojekts „Literatur im Zeitalter der Illustrierten: Stationen komplexer Text-Bild-Beziehungen im 19. Jahrhundert“, aus dem derzeit eine Publikation entsteht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Vorhaben der Privatdozentin drei Jahre lang, angesiedelt ist es im Arbeitsbereich für Neuere deutsche Literatur von Professorin Jutta Müller-Tamm am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität.

Das Layout, der Schrifttyp und das Format wurden kaum beachtet

„Die Literaturwissenschaft hat Zeitschriften viel zu lange als reines Transportmedium verstanden – und nicht als Format mit eigenem Beziehungsaufbau oder als Zeitdokument“, stellt Madleen Podewski fest. Die dort veröffentlichten Erzählungen, Reiseberichte und Lyrik seien nur isoliert betrachtet, gewissermaßen „herausgeschnitten“ worden. „Visualisierungen oder andere Textelemente auf den Seiten wurden als irrelevant außer Acht gelassen“, sagt die Wissenschaftlerin. Sie zeigt auf das Titelblatt der „Gartenlaube“, das neben dem Bild einer lesenden Familie im Grünen sogenannte Paratexte aufweist – das sind Begleitinformationen – wie den Preis der Illustrierten. Ebenso wenig beachtet worden seien in literaturwissenschaftlichen Betrachtungen bisher das Layout, der Schrifttyp oder das Format der Zeitschrift. Auch der nachfolgende Artikel eines anderen Autors, ein Reisebericht über eine Bootsfahrt, sei bisher nicht Teil einer klassischen Analyse des Fontane-Texts gewesen, konstatiert die Wissenschaftlerin beim Durchblättern. Bei der Wahrnehmung von Fontanes Kriminalgeschichte durch die Leser spiele all das jedoch eine Rolle – und sollte deshalb auch bei einer literaturwissenschaftlichen Analyse nicht übersehen werden.

„Es geht in meiner Forschung nicht so sehr um die Erzählung ‚Unterm Birnbaum’ als vielmehr um die Zeitschrift an sich“, betont die Privatdozentin und plädiert für ein Verständnis des Mediums als Gesamtpaket: „Journale sind besondere zeitgeschichtliche Gefüge, in denen sich ganz eigene Dynamiken entfalten. Also sollten wir auch alles in die Analyse dieses Mediums einbeziehen, bis auf die letzte Werbeanzeige auf der Rückseite des Blattes.“ Mit der Begrifflichkeit des französischen Philosophen Michel Foucault ließen sich Illustrierte und Magazine deshalb auch als „kleine Archive“ verstehen, sagt Madleen Podewski: als eigene Formen der Wissensorganisation. Eine solche ganzheitliche Methodik überschreite allerdings die rein literaturwissenschaftliche Betrachtungsweise; die erforderliche interdisziplinäre Forschung reiche vielmehr hinein in die Bereiche der Visual Culture Studies (Visuelle Kultur), Soziologie und vor allem der Wissensgeschichte.

„Direkt unter einer Ghettoerzählung fand sich eine Zahnpasta-Werbung“

Seit Beginn der 2000er Jahre interessiert sich die Literaturwissenschaft vermehrt für die Funktion von Journalen als Medien mit internen und externen Vernetzungen. Madleen Podewskis Faszination für das Forschungsgebiet wurde durch eine Anzeige in einer deutsch-jüdischen Zeitschrift aus dem frühen 20. Jahrhundert geweckt. Dort fiel ihr die unmittelbare Nachbarschaft einer Reklame und einer tragischen Erzählung auf: „Direkt unter einer Ghettoerzählung fand sich eine Zahnpasta-Werbung“, sagt sie. „Derart Verschiedenes lässt sich nicht mehr nur literaturwissenschaftlich betrachten.“

Madleen Podewski nimmt im Rahmen ihrer Forschung vier Zeitschriften in den Blick, die die Entwicklung der Illustrierten im 19. Jahrhundert repräsentieren: „Das Pfennig-Magazin der Gesellschaft zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse“ (1833-1852), „Europa. Chronik der gebildeten Welt“ (1835-1844), „Die Gartenlaube“ (1853-1937) und die „Berliner Illustrirte Zeitung“ (1891/92-1945). Kulturgeschichtlich sei die Zeitschriftenentwicklung sehr interessant, sagt die Wissenschaftlerin, weil sich so veränderte Seh- und Lesegewohnheiten ableiten ließen: „Hätte man Leserinnen und Lesern des 18. Jahrhunderts eine der typischen modernen Illustrierten der Weimarer Republik wie ‚Die Dame. Illustrierte Modezeitschrift’ vorgelegt – sie hätten sich in diesem visuellen Überangebot verschiedenster Elemente nicht zurechtgefunden.“ Auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei man noch behutsam mit Bebilderungen umgegangen. So habe etwa das „Pfennig-Magazin“ Text und Bild zu Beginn seines Erscheinens direkt aufeinander bezogen, als müsse die Daseinsberechtigung der Illustration verbal unterstrichen werden. In der Zeitschrift „Europa“ dagegen seien Schauspielerporträts, Stadtansichten, Karikaturen und Ähnliches separat ans Heftende platziert worden. Text-Puristen hätten damals kritisiert, dass die Bebilderung die Fantasie beim Lesen beschränke. Spätestens in den 1870er und 1880er Jahren sei es zu einer wahren Illustrationsflut gekommen, sagt Madleen Podewski: „Wenig später sind Formate wie die ‚Berliner Illustrirte Zeitung' auf den Markt gekommen, bei denen – ähnlich wie in Unterhaltungszeitschriften heute – Fotos klar den Inhalt dominieren.“

Durch das Hochdruckverfahren kamen Bild und Text sich näher

Diese Entwicklung habe auch etwas mit einer Revolution im Druckhandwerk zu tun. Noch im 18. Jahrhundert arbeiteten Graphiker mit Kupferstichen, einem Tiefdruckverfahren, bei dem die zu druckenden Bereiche in eine Kupferplatte eingeritzt wurden. Schrift wird dagegen seit Gutenbergs Erfindung in einem Hochdruckprinzip mit erhabenen Buchstaben gedruckt. So waren für illustrierte Texte immer mindestens zwei Arbeitsschritte nötig. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Brite Thomas Bewick die Xylographie erfand: das Einkerben einer harten Holzplatte mit den präzisen Werkzeugen der Kupfer-Graveure. Nun sparte man die gewünschten Linien für Schrift oder Zeichnungen aus; durch die Härte der Platte waren sehr feine Schattierungen und viele Abzüge möglich. „Entscheidend war, dass dadurch im Hochdruckverfahren die gesamte Zeitungsseite auf einmal produziert werden konnte. Das ist einer der Gründe, warum sich Text und Bild plötzlich so nahekamen.“ Die Druckstöcke oder die Druckvorlage – die Klischees – gaben die Verlage kommerziell untereinander weiter, auch deshalb diente das Bildmaterial dann oftmals nicht mehr der Illustration eines bestimmten Textes.

Das „Tausch-System“ der Verlage hat Folgen

Durch die vereinfachten Produktionsbedingungen beim Druck und das Tausch-System der Verlage konnten zudem nicht mehr nur unterhaltende Texte bebildert werden, sondern auch pädagogische wie Kinderbibeln oder Medizinbücher.

Auf dieser Wissensgrundlage seien deshalb neue Überlegungen zu Zeitschriften möglich – und auch die Seite in „Die Gartenlaube“, auf der Vroni abgebildet ist, lasse neue Fragen zu, sagt Madleen Podewski: „Wie nimmt der Betrachter die Abgebildete wahr? Wird sie individuell oder als Milieu-Studie gezeigt? Ahmt die Illustration die Wirklichkeit nach oder abstrahiert sie?“ Diese Fragen ließen sich schließlich auf Fontanes Kriminalerzählung „Unterm Birnbaum“ übertragen, was zu Untersuchungen führe von Schnittmengen oder Kontrasten.

Abel Hradscheck, der Inhaber des Gasthauses und des „Materialwaarengeschäfts“ aus Fontanes Erzählung, wurde „von der Hand Gottes getroffen“: Er starb – nachdem er einen Mord verübt hatte, über den seine Frau aus Gram gestorben war – unter mysteriösen Umständen. Damit endet die in der Zeitschrift abgedruckte Erzählung. Bebildert ist diese Episode mit einem Jungen, der von Hühnern und Hund um Brot angebettelt wird. Direkt darauf folgt ein Reisebericht „Aus der Schwäbischen Türkei“. Welche Verbindungen sich aus solchen Zusammenstellungen ergeben, bleibt noch zu analysieren.