Nachhaltige Hochschule : Gemeinsam für ein besseres Morgen

Vor drei Jahren gründete die Freie Universität mit vier Partnern die University Alliance for Sustainability. Das Netzwerk hilft, Unis nachhaltiger zu gestalten.

Anne-Sophie Schmidt
Auf Sonnenfang: Auf dem Dach der Rost- und Silberlaube stehen Solarmodule mit einer Kapazität von rund 350 kWp. Insgesamt verfügt die Freie Universität über neun Dachsolaranlagen mit einer Kapazität von rund 675 kWp.
Auf Sonnenfang: Auf dem Dach der Rost- und Silberlaube stehen Solarmodule mit einer Kapazität von rund 350 kWp. Insgesamt verfügt...Foto: Bernd Wannenmacher

Die Idee wurde im Stau geboren, auf dem Weg zu einem Nachhaltigkeitskongress in China 2014: Ein internationales Netzwerk von Universitäten müsste es geben, das alle Akteurinnen und Akteure einer Universität anspricht. Gemeinsam müsse man für den Erhalt einer lebenswerten Welt mit Zukunft eintreten, darin waren sich Andreas Wanke, Leiter der Stabsstelle für Nachhaltigkeit und Energie der Freien Universität Berlin, und die Vize- Präsidentin der Hochschule, Brigitta Schütt, damals einig. Wenige Monate später war die Netzwerk-Idee „made in China“ Wirklichkeit geworden: Dank der finanziellen Förderung durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst gründete die Freie Universität noch im Jahr 2015 mit ihren damals vier strategischen Partnern die University Alliance for Sustainability (UAS). Zum Nachhaltigkeits-Netzwerk gehören seitdem neben der Freien Universität die Hebrew University of Jerusalem, die Peking University, die Saint Petersburg State University und die University of British Columbia.

Das ideelle Leitbild der Alliance lehnt sich an die 17 Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung an. So soll es etwa um die Bekämpfung von Hunger und Armut gehen, um mehr Bildung, Gesundheit, saubere Energie und Geschlechtergerechtigkeit.

Da jede der fünf Hochschulen in der Realisierung des anspruchsvollen Vorhabens unterschiedlich weit fortgeschritten ist, dient der Verbund zunächst dem Austausch von Ideen, Wissen und Erfahrungen. Die Freie Universität beispielsweise ist sehr erfolgreich im Bereich Energieeinsparung. So wurde der CO2-Ausstoß der Hochschule in den vergangenen 17 Jahren mit gezielten Maßnahmen um 36 Prozent gesenkt. Zu diesem Erfolg beigetragen hat ein neu entwickeltes Prämiensystem. Das Prinzip ist einfach: Wer Energie einspart, wird belohnt. Wenn ein Fachbereich es schafft, in seinen Gebäuden weniger Energie zu verbrauchen als zuvor festgelegt, bekommt er 50 Prozent der eingesparten Summe ausgezahlt.

In den Teams arbeiten Angehörige verschiedener Uni-Bereiche zusammen

„Das Prämiensystem wirkt, weil wir gleichzeitig eine Organisationsstruktur mit sogenannten Umweltteams eingeführt haben“, sagt Andreas Wanke. An jedem Fachbereich arbeiten seit 2007 Teams aus Verwaltung, Lehre und Forschung, Betriebstechnik und Hausverwaltung zu Fragen der Energie-, Wasser- und Abfalleinsparung zusammen. Gemeinsam diskutieren sie etwa, wie man in den Semesterferien und am Wochenende Energie in den Hörsälen einsparen kann oder wie man verhindern könnte, dass im Winter Fenster lange offen stehen bleiben. Seit ein paar Monaten werden die Umweltteams in sogenannte Nachhaltigkeitsteams umgewandelt. Sie beschäftigen sich mit Fragen wie: Lassen sich auf dem Campus zusätzliche Trinkwasserspender aufstellen? Wie kann das Essensangebot gemeinsam mit dem Studierendenwerk nachhaltiger gestaltet werden, sodass beispielsweise mehr regionale Zutaten verwendet werden? Und was kann die Universität tun, um die Gesundheit und Mobilität ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu fördern?

Stabsstellenleiter Andreas Wanke sagt: "Das Prämiensystem und die Nachhaltigkeitsteams haben sich bewährt".
Stabsstellenleiter Andreas Wanke sagt: "Das Prämiensystem und die Nachhaltigkeitsteams haben sich bewährt".Foto: Bernd Wannenmacher

Im Bereich der Lehre lernt die Freie Universität wiederum von ihrer kanadischen Partnerin. Die University of British Columbia bietet schon seit sechs Jahren ein Modul namens „SEEDS“ an, bei dem interdisziplinär zusammengesetzte Teams aus Studierenden, Verwaltungsangehörigen und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gemeinsam Projekte entwickeln, um den Campus nachhaltiger zu gestalten. Sie organisieren ein Buffet aus übrig gebliebenem Essen der Uni- Mensen, eine Möbelbörse und bauen Nistkästen für Bienen und Hummeln.

Vom kommenden Wintersemester an wird es ein ähnliches Modul an der Freien Universität geben. Im Studienbereich „Allgemeine Berufsvorbereitung“ (ABV) werden Studierende lernen, Nachhaltigkeit zu managen, zu kommunizieren, zu erforschen oder zu gestalten. In den Modulen werden sie sich eingehend mit den einzelnen Nachhaltigkeitszielen beschäftigen und anschließend ein konkretes Projekt zu deren Umsetzung entwerfen. In bisherigen Pilotseminaren haben Studierende unter anderem Vorschläge erarbeitet, wie die Grünflächen auf dem Campus durch Bienen- und insektenfreundliche Pflanzen nachhaltiger gestaltet werden könnten. Andreas Wanke war von den kanadischen Ideen gleich angetan: „So wird der Campus selbst zum Gegenstand von Forschung und Lehre. Die Studierenden lernen die Strukturen ihrer Universität besser kennen und sammeln erste Berufserfahrung. Forschung und Verwaltung verzahnen sich, neue Verbindungen und Kontakte entstehen.“

Studentische Kreativität und Forschung gemeinsam nutzen

Nachhaltige Bildung ist eines der großen Ziele der University Alliance for Sustainability, dazu gehört auch die Vermittlung von Wissen in Verbindung mit sozialen Fähigkeiten. Im interdisziplinären Umfeld der Projektgruppen sollen die Studierenden genau das lernen. „In dem ABV-Modul geht es darum, studentische Kreativität und die Forschung zu nutzen, um die Freie Universität in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz nach vorn zu bringen“, sagt Katrin Risch, Projektkoordinatorin der UAS. „Die Studierenden lernen, dass hinter jedem einzelnen Problem Verwaltungsprozesse stehen, die man zunächst verstehen und um die man sich kümmern muss.“ Durch die Pilotseminare seien aber auch schon Herausforderungen deutlich geworden; manchmal habe es zwischen Studierenden aus unterschiedlichen Disziplinen „gewaltig geknirscht“. Katrin Risch sieht das positiv: „Genau das wollen wir erreichen: Die Studierenden sollen sich klar darüber werden, wenn sie ein Problem nur aus dem Blickwinkel ihrer eigenen Disziplin betrachten. Und lernen, dass die Sicht aus einer anderen disziplinären Perspektive genauso berechtigt ist.“

Aktivitäten, die den Campus nachhaltiger gestalten, sind aber nur eine Säule der UAS, wenn auch eine wichtige. Mehr Nachhaltigkeit soll ebenso durch gemeinsame Forschung und Lehre und durch Austauschaufenthalte an den Partneruniversitäten erreicht werden. Der seit 2016 immer im Frühjahr veranstaltete Spring Campus zeigt die Früchte dieses Austausches. Wenn sich die fünf Universitäten der Allianz an der Freien Universität zu der Konferenz treffen, werden die Ergebnisse von Kooperationen und gemeinsamen Forschungsprojekten präsentiert und weitere Universitäten eingebunden – am diesjährigen Spring Campus beteiligten sich 30 Universitäten aus 15 Ländern. Nina Kolleck, Professorin für Bildungsforschung an der Freien Universität, leitete mit ihrem Kollegen David Tindall, Umweltsoziologe an der University of British Columbia, einen Workshop zur Rolle von sozialen Netzwerken für die Klimaschutzpolitik. Die Zusammenarbeit sei „extrem fruchtbar“ gewesen, sagt sie. „Die Nachhaltigkeitsforschung wird durch die University Alliance immens aufgewertet. Durch die Arbeit in der UAS kommen auch andere Professorinnen und Professoren der Freien Universität auf mich zu. So fördert die Allianz nicht nur die internationale Zusammenarbeit, sondern führt auch zu neuen Kooperationen zwischen verschiedenen Fachbereichen innerhalb der eigenen Hochschule.“

Grüner Lern- und Begegnungsort: Im Unigardening-Projekt an der Freien Universität treffen sich Studierende und Beschäftigte zum gemeinsamen Gärtnern.
Grüner Lern- und Begegnungsort: Im Unigardening-Projekt an der Freien Universität treffen sich Studierende und Beschäftigte zum...Foto: Karola Braun-Wanke

Das Projekt erfordert einen langen Atem

Wenn fünf Universitäten auf drei verschiedenen Kontinenten zusammenarbeiten, bringt das aber auch Herausforderungen mit sich. Um ein Thema durchzusetzen, bedürfe es großer Überzeugungsarbeit, sagt Andreas Wanke. Gerade am Anfang eines neuen Projekts müsse man sich um viele Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen Disziplinen und Verwaltungsbereichen bemühen und sie für sich gewinnen. Und man brauche einen langen Atem: Häufig wechselnde Gesprächspartnerinnen und -partner, auch bedingt durch den turnusgemäßen Wechsel der Vizepräsidenten alle vier Jahre, hätten schon so manche bereits getroffene Verabredung wieder versanden lassen. Noch dazu seien die offiziellen Kooperationspartner, die am Tisch verhandeln, oft nicht diejenigen, die das Projekt am Ende auch konkret umsetzten. „Man braucht immer Leute, die sich in der Verwaltung darum kümmern, dass die Projekte weiterlaufen“, weiß Andreas Wanke aus Erfahrung.

Eine weitere Herausforderung sind länderspezifische Umweltprobleme sowie unterschiedliche Konzepte von Nachhaltigkeit an den Partneruniversitäten. In Sankt Petersburg konzentriere man sich zum Beispiel auf Abfallmanagement und Energieeffizienz, sagt Andreas Wanke. In Vancouver dagegen stünden Gesundheit und das Wohlbefinden der Universitätsangehörigen im Fokus. In Peking wiederum hätten das Problem der Luftverschmutzung und Möglichkeiten nachhaltiger Stadtentwicklung einen hohen Stellenwert. Der Stabsstellenleiter der Freien Universität nimmt es gelassen: „Die Themenschwerpunkte sind heterogen, aber die Welt ist es ja auch. Diese Vielfalt öffnet den Blick und macht auch Lernprozesse auf unserer Seite möglich.“ Dass die Allianz trotz mancher Hürden vor allem eine Bereicherung ist, betont auch Xue Ling, Professor an der School of Government der Peking University: „Die UAS ist die erfolgreichste Kooperation zwischen der Peking University und der Freien Universität. Wir sind überzeugt davon, dass dank der UAS unser Morgen deutlich besser wird.“

Für den Kampf gegen den Klimawandel und die Ausbeutung der Umwelt braucht es die Wissenschaft, das machte beim diesjährigen Spring Campus auch Maja Göpel deutlich, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen: Die Wissenschaft liefere Weltsichten, Visionen und neue Paradigmen, die wichtig für die gesamte Gesellschaft seien. „Wir brauchen auch an den Unis eine längerfristige Orientierung. Uns ist der Gemeinschaftssinn verlorengegangen. Wir müssen verstehen, dass alles miteinander zusammenhängt, dass es einen Effekt auf das Ganze hat, wenn man einen kleinen Teil herausnimmt.“

Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, ist wichtig, dass "wir verstehen, dass alles miteinander zusammenhängt". Auch ein kleiner Beitrag im Kampf gegen globale Umweltveränderungen habe einen Effekt auf das große Ganze.
Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung, ist wichtig, dass "wir verstehen, dass alles...Foto. Bernd Wannenmacher

Die University Alliance for Sustainability stehe für diesen ganzheitlichen Ansatz, sagt Andreas Wanke: „Die Universität wird zu einem lebendigen Labor und zu einer Lerngemeinschaft für mehr Nachhaltigkeit.“

UNIVERSITÄT SPART NOCH MEHR CO2

Im Rahmen des diesjährigen Spring Campus haben die Freie Universität und das Land Berlin eine neue und weitreichende Vereinbarung zum Klimaschutz abgeschlossen. Darin verpflichtet sich die Hochschule, ihren Ausstoß an klimaschädlichem Kohlendioxid bis 2027 um weitere zehn Prozent zu reduzieren. Wesentlicher Bestandteil der Vereinbarung ist die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in Lehre, Forschung und Wissenstransfer. Außerdem soll die Erzeugung und Nutzung von Solarenergie gefördert werden und der Campus fahrradfreundlicher werden, zum Beispiel durch ein Leihradsystem oder Duschmöglichkeiten auf dem Campus.

Die bis Ende 2027 angestrebte Senkung des Kohlendioxidausstoßes um zehn Prozent umfasst eine Einsparung von 4250 Tonnen CO2 gemessen am Vergleichsjahr 2016. „Die Freie Universität Berlin hat ihren Energieverbrauch seit 2001 flächenbereinigt bereits um etwa 28 Prozent gesenkt und damit Maßstäbe in der deutschen Universitätslandschaft gesetzt“, betonte die Kanzlerin der Freien Universität, Andrea Bör, bei der Unterzeichnung des Abkommens. Schon im Jahr 2011 hatte die Freie Universität als erste Hochschule Berlins eine Klimaschutzvereinbarung mit dem Land getroffen. Die Hochschule unterstützt damit das Vorhaben des Berliner Senats, bis 2050 klimaneutrale Stadt zu werden – im Vergleich zum Jahr 1990 will Berlin 85 Prozent an CO2 einsparen.

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