Radikalisierung im Internet : Die Vorzeichen des Terrors

Der Psychologe Herbert Scheithauer erforscht, wie sich junge Menschen im Netz radikalisieren.

Leonard Fischl
Stilles Gedenken. Am 19. Dezember 2016 steuerte der Terrorist Anis Amri einen Lkw in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt.
Stilles Gedenken. Am 19. Dezember 2016 steuerte der Terrorist Anis Amri einen Lkw in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wo verläuft die Grenze zwischen einem tiefgläubigen und einem radikalisierten, gewaltbereiten Muslim? Wo hört Gottesfürchtigkeit auf, wo fängt Ideologie an? Ab wann ist ein Mensch bereit, den Pfad des friedlichen Dialogs zu verlassen? Und ab wann ist er bereit, für seine vermeintlichen Überzeugungen sogar einen Menschen zu töten?

All diese Fragen stellt sich aktuell Professor Herbert Scheithauer, Psychologe am Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft und Angewandte Entwicklungspsychologie der Freien Universität Berlin. Er hat zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von 14 europäischen Partneruniversitäten das Projekt „Prophets“ (Preventing Radicalisation Online through the Proliferation of Harmonised ToolkitS) initiiert. Ziel ist es, in den kommenden zwei Jahren zu untersuchen, wie sich junge Menschen im Internet radikalisieren und zu Gewalttätern werden. Zudem will das Team um Herbert Scheithauer einen Präventionsansatz entwickeln, um riskante Entwicklungen frühzeitig erkennen zu können.

„Radikale Einstellungen sind zunächst nichts Gefährliches“, erklärt Scheithauer. „Wir haben viele Menschen in unserer Gesellschaft, die intensiv einem Glauben oder einer politischen Idee nachgehen. Aber die kämen nicht auf die Idee, zu ihrem Nachbarn zu gehen und zu sagen: Du wirst sterben, wenn du nicht meine Überzeugungen annimmst.“ Damit es so weit kommt, müssten besondere Bedingungen herrschen und eine spezielle Verwundbarkeit der Persönlichkeit vorliegen. Menschen, die schwere Gewalttaten begehen, hätten oft bestimmte Entwicklungswege durchlaufen, die sie von anderen Menschen unterschieden, sagt der Entwicklungspsychologe. „Wir wollen herausfinden, wie diese Wege aussehen, um künftig die Radikalisierung von Menschen besser verstehen, und vielleicht sogar ein Gewaltrisiko vorhersehen und Gewalttaten verhindern zu können.“ Vieles spräche dafür, dass sich Menschen mit einer kriminellen Vergangenheit leichter zu fanatischer Gewalt hinreißen ließen. Sie seien anfälliger für Ideologien und Gewaltvorstellungen.

Gewaltrisiken frühzeitig entdecken

Das Forscherteam will sich dem Ziel des Berliner Teilprojekts in mehreren Schritten nähern: „In der ersten Phase wollen wir herausfinden, wie sich Radikalisierungen entwickeln. Dazu wollen wir uns alte Fallbeispiele anschauen und sie rückblickend bewerten.“ Hierzu möchte Herbert Scheithauer unter anderem Interviews mit inhaftierten Gewalttätern führen und mithilfe von Fragebögen herausfinden, welche Rolle das Online-Verhalten bei ihrer Radikalisierung spielte. „Der Verlauf einer Radikalisierung in Online-Medien und sozialen Netzwerken wie Facebook ist für uns besonders interessant. Wir wollen wissen: Wie verhalten sich Jugendliche, die sich inforlge der Nutzung von bestimmten Online-Medien radikalisieren? Wie präsentieren sie sich auf ihren Internet-Profilen? Wie verändert sich ihr Verhalten? Woran können wir diese Verläufe ablesen?“ In einem weiteren Schritt will Scheithauers Team einen Ansatz zur Prävention erstellen: „Wir wollen Expertise in der Früherkennung aufbauen, die insbesondere in der Schule zum Einsatz kommen soll.“

Der Präventionsansatz soll sich an denjenigen des bereits getesteten „Netwass“-Projekts anlehnen; die Abkürzung steht für „Networks Against School Shootings“. Das Projekt unterstützt Lehrkräfte an deutschen Schulen dabei, krisenhafte Entwicklungen bei Schülern zu identifizieren. „Wir wollen die Ergebnisse dieses Projekts erweitern. Denn es hat sich in diversen Studien gezeigt, dass es Parallelen gibt zwischen Amokläufern an Schulen und Gewalttätern, die mit Bezug zum Djihad Terroranschläge begehen“, sagt Herbert Scheithauer. „Die Erfahrungen mit Netwass haben gezeigt, dass eine Früherkennung von krisenhaften Entwicklungen für die Präventionsarbeit gut funktioniert. Wir haben viele positive Rückmeldungen von Schulen bekommen. Nun wollen wir diese Erkenntnisse auf den neuen Präventionsansatz übertragen.“ Der Psychologe will die Schulen zu einem richtigen Umgang mit gefährdeten Jugendlichen motivieren. Es gehe nicht darum, Schülerinnen und Schüler zu stigmatisieren und sie als mögliche Gewalttäter zu verunglimpfen, sondern krisenhafte Entwicklungen rechtzeitig zu entdecken. Zudem sollen mit den Jugendlichen, aber auch mit Lehrenden und Eltern, Gespräche über Werte geführt werden. Der lange Bart eines Schülers müsse nicht unbedingt ein Warnzeichen sein, betont Scheithauer. Wenn aber ein Schüler einer Lehrerin plötzlich nicht mehr die Hand geben oder sich nicht neben ein Mädchen setzen will, sollte eine Lehrkraft zunächst einmal hellhörig werden.

Was Jugendliche zu Tätern werden lässt

„Aber auch diese Signale müssen nicht unbedingt Zeichen einer gewaltbereiten Radikalisierung sein“, sagt Scheithauer. „Es gibt keine eindeutige Antwort darauf, welche Symptome darauf hinweisen, dass ein Jugendlicher sich radikalisiert. Es existieren unterschiedliche Entwicklungswege zu einer Tat. Mobbing und eine subjektive Unrechtserfahrung könnten ein Grund sein, ebenso Scham oder Erniedrigung. Aber das sind nur mögliche Anhaltspunkte für eine Erklärung.“

Die häufig vertretene Hypothese, Attentäter seien oft Opfer von Mobbing gewesen und eine spätere Gewalttat sei eine Art Racheakt, gebe es auch im Zusammenhang mit Terrorismus, erläutert Scheithauer. „Neueste Untersuchungen zeigen aber, dass dies nicht immer zutrifft. Daher wollen wir kein Profiling betreiben oder verdächtige Personen auf Grundlage eines Fragebogens dingfest machen“, erklärt der Wissenschaftler. „Vielmehr wollen wir herausfinden, wann sich eine Person in einer subjektiv erlebten krisenhaften Situation befindet und sein Verhalten ein Risiko für die Gemeinschaft darstellt. Bei einem sinnvollen Präventionsprogramm geht es um ein Hilfsangebot, nicht um Vorverurteilungen.“

Im Internet: www.prophets-h2020.eu und www.netwass-projekt.de

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