Von Tisch zu Tisch - die Restaurantkritik : Chinesisch essen unter asiatischen Stammgästen

Das bekannte China-Restaurant "Selig" ist auch nach einem Umzug seiner Linie treu: rustikal, kunstlos, preisgünstig.

Das China-Restaurant "Selig" am Kaiserdamm bietet rustikale Küche zu bescheidenen Preisen.
Das China-Restaurant "Selig" am Kaiserdamm bietet rustikale Küche zu bescheidenen Preisen.Foto: Mike Wolff

Die chinesische Küche hat in Deutschland ein paar Probleme, die sie mit der italienischen teilt. Zum einen verdecken diese großen Herkunftsetiketten, dass sich hinter ihnen eine Fülle von grundverschiedenen Regionalküchen verbirgt, die kaum auf einen gemeinsamen Nenner passen. Zum anderen verwehren wir diesen Küchen die Weiterentwicklung, weil bei jeder Abweichung vom angeblich festgeschriebenen Zubereitungskanon die Stilpolizei herbeirauscht und den Koch mit den Rezepten seiner Großmutter konfrontiert. Jeden italienischen Kenner erheitert, wie deutsche Durchblicker ihre angelernte Religion des „Al dente“ sogar konsequent nach Süden tragen. Die Folge ist, dass wir, anders als Italien, selbst kein einziges stilbildendes, avantgardistisches italienisches Restaurant haben.

Bei der chinesischen Küche ist die Lage ähnlich vertrackt. Zwar finden sich Elemente ihrer verschiedenen Regionalküchen immer wieder in panasatischen Konzepten, schließlich ist auch Tim Raue für seine Variante der Peking-Ente berühmt. Aber die stilrein chinesischen Restaurants in Deutschland verweigern sich durchweg solchen Verlockungen und bleiben ganz von allein stur am Boden ihrer Tradition. Das wäre okay, wenn neben der geschmacklichen Geläufigkeit auch überdurchschnittliche Produktqualität erkennbar wäre, aber die ist bei den typischen China-Niedrigpreisen kaum zu finanzieren. Jeder, der mal für viel Geld eine gute, frische Ente gekauft hat, wird sich wundern, wenn ihm eine komplette Brusthälfte fertig zubereitet mit Beilagen für 9,60 Euro serviert wird...

Eine Brusthälfte von der Ente mit Beilagen für 9,60 Euro sollte skeptisch stimmen

Dieses Unbehagen hat mich auch beim Essen im „Selig“ nicht ganz losgelassen. Das an der Kantstraße bekanntgewordene Restaurant ist vor ein paar Jahren an den Kaiserdamm gezogen – in viel größere Räume, die an eine schummrige Pizzeria erinnern, die mit roten Papierlampen und ein paar Mao-Bildern auf chinesisch getrimmt wurde. Das mag man oder eben nicht, und auch der in einem eigenen Universum rotierende Service tut wenig zur Eingewöhnung Fremder: Weit mehr als die Hälfte der Besucher schienen uns asiatische Stammgäste zu sein. Für sie gibt es in der bebilderten, recht rätselvoll übersetzten Karte auch Qualle und Kutteln, Gerichte, denen wir fernblieben.

In der Küche aus der Region Lanzhou geht es feurig zu

Die Selig-Küche beruft sich auf die Küche der Region Lanzhou. Was immer das bedeuten mag: Hier geht es recht feurig zu, der Schärfegrad der Gerichte ist in der Karte vermerkt und wird beim Bestellen auch noch einmal warnend abgefragt. Bei der gebackenen Frühlingsente mit Selig-Spezialsalat (viel Gurke) ist das kein Thema, wenn gleich ein Dip ein wenig Chili-Schärfe mitbringt (wie gesagt: 9,60 Euro). Das schmeckt würzig und knusprig, allerdings waren wir überrascht, dass der Salat die Zunge seltsam ertauben ließ. Als das Entenfleisch in Reispapier mit Gurken und Lauch („Bauer Ente“) kam, war das aber wieder vorbei. Die gekochten Dumplings mit Schwein (zehn Stück 8,60 Euro) fanden wir geradezu typisch für das Restaurant: Die kunstlos aus recht dickem Teig gewickelten Teilchen waren nichts fürs Auge, schmeckten aber köstlich. In einer Art Feuertopf (Tang Tang, 11,60 Euro) fanden wir Schweinebauch, Spitzkohl und eine ordentliche Menge Chilis, das war kräftig scharf, ließ sich aber gut dosieren. An Peking-Ente, rein technisch, erinnerte „Hamburg“ (Hamburg?), kleingehacktes, ebenfalls gut scharfes Rindfleisch, das wir uns am Tisch selbst mit Lauch und Gurken in Pfannkuchen einwickeln mussten (12,60). Die Rechnung fällt bescheiden aus, lässt sich auch durch Bier oder einen der wenigen Weine kaum nennenswert in die Höhe treiben.

Das ist also eine rustikale, preisgünstige Küche. Ich würde aber für bessere Produkte und genaueres Handwerk gern mehr bezahlen. Nur: wo?

Selig, Kaiserdamm 3. Charlottenburg, Tel. 91 49 36 69, täglich 12-24 Uhr

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.