Von Tisch zu Tisch - die Restaurantkritik : Mit Sinn für den großen Auftritt

David Kikillus kocht im "The NoName" makellos – aber wie lange bleibt er in seinem spektakulär gestylten Restaurant in Mitte?

Fesselndes Ambiente. Das Restaurant NoName in der Oranienburger Straße.
Fesselndes Ambiente. Das Restaurant NoName in der Oranienburger Straße.Foto: NoName /promo

Als Berliner Restaurantkritiker ist man Überraschungen ja gewohnt. Aber mit dem erneuten Auftauchen von David Kikillus in der Stadt hätte ich nun doch nicht gerechnet. Der ist, branchenbekannt, ein herausragender Koch, aber, sagen wir, nicht mit der Gabe der Sesshaftigkeit gesegnet. Sein letzter Auftritt in Berlin, eine Kooperation mit dem auch nicht ganz einfachen Cristiano Rienzner, hielt zirka zwei Wochen. Danach tingelte Kikillus um die halbe Welt.

Das soll erklären, warum ich ein paar Monate gewartet habe und immer noch skeptisch bin, ob das Konzept des „The NoName“ so aufgeht; später im Jahr will der Investor mit Kikillus ja auch noch „The Knast“ im alten Lichterfelder Frauengefängnis aufmachen. Auf den dicken Servietten ist dieser Name auch schon eingeprägt, ein etwas seltsamer Effekt.

Der lange, hohe Raum gleich neben der Synagoge ist komplett in bodenlange weiße Gardinen eingehüllt, unter der Stuckdecke hängen Jugendstil-Leuchter. Auf der hinteren Wand ist das riesige Porträt einer gefesselten Schönen zu sehen, die per Beamer wechselnd illuminiert wird, das kann man spektakulär nennen.

Mit dem herrschenden Regionaltrend hat Kikillus nichts am Hut

Ach ja, das Essen. Der Chef, der sich im Internet als Hamlet mit Tattoos präsentiert, ist ein besessener kulinarischer Feinmechaniker, der mit dem herrschenden Regionaltrend nichts am Hut hat. Gute Idee – das ist eine angenehme Abwechslung, denn nach dem 86. Saiblingsfilet auf Niedertemperatur mit Gurken und Molke darf es wirklich mal wieder eine Auster oder eine dicke Garnele sein. Kikillus dekliniert das strikt durch, das ist nicht puristisch, sondern erinnert in den vielen Details an die verflossene „Molekularküche“, deren Stickstoffschwaden hier tatsächlich noch wabern.

Komischerweise wirkten die aufwendig gefertigten Appetithäppchen, darunter ein Scheibchen Wagyu-Rind mit Kaviar und Wachteleigelb, aromatisch stark gebremst, möglicherweise ein Problem der Kühlung. Dann aber ging die Sonne richtig auf beim Austern-Dreierlei mit Tatar, gefülltem Kohlrabi-Raviolo und einer grünlichen Austern-Sphäre, das brachte pures, jodiges Meeresaroma auf die Zunge; die eisigen Sanddornperlen im Sanddornsud machten das Ganze zwar highly instagramable, schmeckten aber unauffällig. Noch einmal gelang ein solcher Geniestreich bei der dicken, roten Carabineiro-Garnele, die zusammen mit einem in Spargel eingewickelten Garnelentatar kam, ergänzt um geschredderte Hühnerhaut, einen Hühnersud und einen Hauch, nur einen Hauch Jalapeño-Schärfe. Toll!

Schon bei der Reservierung wird der volle Menüpreis fällig

Nach einem Intermezzo mit einem intensiven Estragon-Kamillensorbet flog eine kräftig und typisch schmeckende Taubenbrust heran, deren Garzustand Rätsel aufgab: nicht weich wie oft, auch nicht zäh, aber doch von seltsam elastischer Festigkeit. Die Innereien im kleinen gebackenen Knödel blieben blass, und auch die Begleitung mit einem zäh gebratenen Auberginenscheibchen, Auberginenpüree und etwas schwarzem Knoblauch riss es nicht so richtig. „Cranberry“ hatte die Karte versprochen, das war ein winziger stilisierter roter Deko-Vogel... Tolles Dessert: Mandelmilchcreme mit Pistazieneis und Rhabarber. Überflüssiges Dessert: Fourme d’Ambert mit Birne und Haselnussschnee, beides vom Käse total dominiert. (Nur Menüs 85/105 Euro)

Restaurantleiter Steve Hartzsch ist eine bekannte Größe in der Stadt und beherrscht sein Handwerk, die Weinkarte ist riesig und ziemlich unbarmherzig kalkuliert. Warum war es so leer? Ich könnte mir vorstellen, dass das Reservierungsprinzip mit voller Vorkasse (!) für den Menüpreis viele abschreckt, zumal dann an Ort und Stelle nichts mehr geändert werden darf. Gästefreundlich ist das nicht. Aber Skeptiker können auch einfach mal so ihr Glück versuchen.

The NoName, Oranienburger Str. 32, Mitte, Telefon 28 87 77 88, geöffnet Di – Sa ab 18 Uhr, the-noname.de

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