Magazin Landpartie 2019 : Kuchenparadies im Feuerwehrhaus

Im "Café Alte Wache" ist alles liebevoll kleinteilig und selbstgemacht, der Kuchen hilft sogar gegen Höhenangst.

Jürgen Kiontke
Das Café in Beelitz hat es inzwischen selbst zur touristischen Attraktion gebracht.
Das Café in Beelitz hat es inzwischen selbst zur touristischen Attraktion gebracht.Foto: Jürgen Kiontke

Wir haben uns genug gegruselt auf der Wipfelstrecke über den Beelitz-Heilstätten. Der Schreck sitzt uns noch in den Gliedern. "Baumkronenpfad" - wenn etwas schon so heißt, dann könnte man davon ausgehen: Eine gewisse Höhe ist ja einkalkuliert - aber gleich 23 Meter? Die erlittene Höhenangst will nun bewältigt werden, das Herz sitzt immer noch in den Füßen. Reden hilft da nicht, konkrete Maßnahmen müssen her. Noch zitternd fahren wir nach Beelitz rein.

Das verschlafene Örtchen ist für seinen Spargel weltbekannt, aber der wird uns heute nicht retten. Das Zentrum mit der Kathedrale ist unser Ziel. Aber unser Besuch gilt heute nicht der Kirchengemeinde Sankt Marien mit ihren Hostien, sondern der Kuchengemeinde im Café Alte Wache mit ihrem mindestens ebenso göttlichen Gebäck.

"Wir sind Trödelfreaks" sagt die Betreiberin Jeanette Behnke

Unsere Hohepriesterin heißt Jeannette Behnke. Die gelernte Floristin hat ihr kleines Paradies vor zwei Jahren im alten Feuerwehrhaus auffällig liebevoll mit vielen antiken Lampen, Tischen und Stühlen eingerichtet. Hier gibt es Spitzendecken aus Holland zu kaufen, und hier steht was und da auch noch, sogar die Toilette ist ein wirklich irres Sammelsurium! "Wir sind Trödelfreaks", sagt die supernette Chefin. Seit neuestem brauche sie eine Lesebrille, die Augen haben unter "abendlichem Ebay-Kleinanzeigen-Anschauen" gelitten. "Denn dies soll kein Café sein wie überall, die Leute sollen reinkommen und den Mund nicht mehr zukriegen."

Entdeckung im Zentrum von Beelitz: Ein liebevoll gestaltetes Sammelsurium mit hausgemachten Leckereien.
Entdeckung im Zentrum von Beelitz: Ein liebevoll gestaltetes Sammelsurium mit hausgemachten Leckereien.Foto: Jürgen Kiontek

Mit angemessener Maulsperre bewe­gen wir uns zum Kernstück der Alten Wache: dem Kuchenschrank. Von oben nach unten warten Waldfrucht-Schmand-Torte, Heidelbeer-auf Dinkel­boden, Nougat-Sahne und ­Himbeer-Weiße-Schokolade-Törtchen auf Kundschaft. Die Preise liegen zwischen 2,60 und 3,20 Euro, dazu Milchkaffee für 2,50 Euro. Ob man ausnahmsweise auch zwei Stücke auf einmal...?

"Ohne Mama geht es nicht"

Mit besonderen Kundenwünschen wird hier respektvoll umgegangen. Das hat Folgen: Über einen Mangel an Gästen kann sich Behnke, die das Café gemeinsam mit ihrer Mutter betreibt, nicht beklagen. Sprichwörtlich Mundpropaganda hat zur Bekanntheit der Alten Wache maßgeblich beigetragen. "Wir geben uns ein bisschen Mühe", sagt Behnke. Und: "Ohne Mama geht es nicht." Mutter Ilona Schwieder, die bis zu ihrer Rente im "Kartoffelzentrum" in Beelitz arbeitete, ist die gute Seele des Cafés, der Dienst am Kuchen Mission. "Ick muss det machen", sagt sie.

Alle Kuchen backen die beiden selbst, auch wenn sie keine gelernten Konditorinnen sind. Hier kommt solides Haushaltswissen zum Tragen: "Es sind Kuchen, keine Torten."

Auch das Frühstück ist der Burner im Feuerwehr-Café, die Aufstriche stellt Behnke selbst her, sie werden auf Etageren serviert. Wie wäre es mit dem "Alte Wache Feinschmecker-Frühstück" für 11,90 Euro, das die feinen Aufstriche mit italienischen Antipasti und frischgebackenem Brot kombiniert?

Antike Lampen, Stühle, Tische und Geschirr findet man hier überall.
Antike Lampen, Stühle, Tische und Geschirr findet man hier überall.Foto: Jürgen Kiontek

Das Café ist Behnkes Lebenstraum. Als junge Frau hatte sie sich auf den Beruf der Gärtnerin gefreut, aber als die Ausbildungszeit beginnen sollte, kam ihr die Wende dazwischen. Die meisten Ostbetriebe wurden dichtgemacht, viele Menschen standen auf der Straße. Behnke begann mit einer überbetrieblichen Ausbildung, die sich als Glücksfall entpuppte. Durch Praktika bekam sie viele Einblicke. Sie hatte eine lange berufliche Vita hinter sich, als Bürgermeister Bernhard Knuth fragte, ob sie nicht den Kirchplatz im Innern von ­Beelitz beleben wollte. Sie mietete die Alte Wache, restaurierte sie und begann mit dem Kuchenbacken. Heute vertreibt sie dort auch Pralinen der Marke Lauenstein sowie Weine von Gärtner und Söhne. Und im Sommer gibt es natürlich Limetten-Zitrone-Eis und andere Sorten, die Kugel für einen Euro.

Die Alte Wache ist ein Café, das für seine Betreiberinnen zur Passion geworden ist. Dieser besondere gastronomische Ort, der Beelitz beleben sollte, ist nun selbst zum Zentrum der Stadt vor den Toren Berlins geworden. Und auf die nächste Höhenangst im Südwesten Brandenburgs freuen wir uns jetzt schon.