Faires Gold : Goldgräberstimmung

Die Bedingungen, unter denen Gold abgebaut wird, erfüllen oft nicht einmal ökologische und soziale Mindeststandards. Schmuckproduzenten haben sich endlich auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit gemacht.

Ingolf Patz
Das Model Toni Garrn auf der Berlinale mit Ohrringen von Chopard.
Das Model Toni Garrn auf der Berlinale mit Ohrringen von Chopard.Foto: Michele Tantussi/Reuters

„Wo bekommst du eigentlich dein Gold her?“ Diese simple Frage am Rande der Oscarverleihung 2013 hat eine nachhaltige Veränderung der Schmuck- und Uhrenbranche angestoßen. Gestellt wurde sie von Livia Firth, Filmproduzentin, Ökoaktivistin und Ehefrau von Schauspieler Colin Firth. „Na, von der Bank!“, antwortete Caroline Scheufele, künstlerische Leiterin und Co-Präsidentin des Schweizer Schmuckriesen Chopard. „Noch als ich den Satz aussprach, wusste ich wie dumm diese Antwort war“, sagt sie. Als unabhängiges Unternehmen mit hoher vertikaler Integration kontrollierte Chopard zwar vom Entwurf bis zur Distribution alle Abläufe selbst – aber wo und wie das begehrte Edelmetall gewonnen wurde, darüber hatte sich Caroline Scheufele bis dahin keine großen Gedanken gemacht.

Menschenrechtsverletzungen sind beim Goldabbau an der Tagesordnung

Was sie herausbekam, war ernüchternd. Durch Krisen und aus Angst vor Währungsverfall ist Gold heute so nachgefragt und teuer wie nie. Entsprechend hoch ist der Goldpreis, und die Verfahren zur Gewinnung sind effizient. Es lohnt sich, immer mehr Vorkommen mit geringerem Goldgehalt auszubeuten. Der industrielle Bergbau wird von internationalen Unternehmen organisiert. Die Umstände, unter denen das geschieht, sind meist furchtbar.

Gravierende Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung, Zwangsumsiedelungen und Enteignungen keine Seltenheit. Im Tagebau und unter Tage werden große Mengen Gestein abgebaut und zermahlen. Mit Cyanid werden nicht nur kleinste Goldpartikel, sondern auch Schwermetalle wie Arsen, Uran oder Blei herausgelöst. Es entsteht toxischer Schlamm. Laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe werden aus einer Tonne Gestein durchschnittlich 0,82 Gramm Gold gewonnen. Für einen herkömmlichen Goldring von zehn Gramm (750 Feingehalt) entstehen somit mehr als neun Tonnen chemisch belasteter Schlamm.

Edel, hilfreich und gut. Ohrringe aus Smaragden, Diamanten und Fairmined Gold von Chopard.
Edel, hilfreich und gut. Ohrringe aus Smaragden, Diamanten und Fairmined Gold von Chopard.Foto: promo

Im lokalen Kleinbergbau wird häufig mangels Alternativen selbstorganisiert, ohne Arbeitsverträge und Schürflizenzen für ein minimales Einkommen geschürft. Ohne Schutzmaßnahmen lösen die Goldschürfer das Gold mit Quecksilber aus dem Gestein. Durch anschließendes Erhitzen verdampft das Quecksilber, übrig bleibt das Gold. Das Quecksilber vergiftet die Schürfer und das Wasser, es verteilt sich über die Luft in einem weiten Umkreis.

Weil das Ganze illegal abläuft, gehören häufig Gewalt und Ausbeutung zum Alltag der Goldschürfer. Gold hat wie die sogenannten Blutdiamanten immer wieder Bürgerkriege befördert. Der Kampf um die Minen gerät zum Selbstzweck, mit dem Ertrag werden neue Kampfhandlungen finanziert. Da die Bodenschätze illegal ausgeführt werden, trägt der Goldabbau nicht zur Entwicklung eines Landes bei. Nach einer Studie des Bonner Südwind Instituts für Ökonomie und Ökumene werden nahezu 95 Prozent des im Kongo geförderten Goldes ins Ausland geschmuggelt.

„So etwas Grausames sollte nicht etwas so Schönem wie Schmuck anhaften“, sagt Caroline Scheufele und hält sich an ihrer langen Goldkette fest. Sie entschied, den Golderwerb bei Chopard umzukrempeln – mit der Hilfe von Livia Firths Agentur Eco-Age, die Firmen bei der nachhaltigen Umstrukturierung unterstützt. Unter dem Titel „The Journey to Sustainable Luxury“ machte sie die Umwälzung öffentlich und benutzte sie natürlich auch zur Vermarktung. Man sollte sich von ihrer Erzählung, wie sie die ersten Kilos Faires Gold wie ein Baby vor sich hertrug, nicht täuschen lassen. „Nachhaltiger Schmuck hat nichts mit Gefühlen zu tun. Es handelt sich um eine langfristige Business-Entscheidung. Die Regierungen werden bald ihre natürlichen und menschlichen Ressourcen schützen müssen. Wer dann bereits nachhaltig produziert, ist im Vorteil“, stellt Livia Firth klar.

Mit ihrer Konsequenz schockte Caroline Scheufele die Konkurrenz

Die ersten Schritte zur Nachhaltigkeit wurden auf jenem Terrain gemacht, auf dem sich beide Damen auskennen – den roten Teppichen der Filmfestivals. Die Green Carpet Collection brachte Oscarpreisträgerinnen Julianne Moore und Marion Cotillard ethisch zum Glänzen. Es folgten einzelne Uhren- und Schmuckkollektionen, die aus fair gewonneneen Gold gefertigt waren. Doch nicht nur Chopard sollte nachhaltig werden, Caroline Scheufele wollte eine ganze Branche verändern. Im Mai 2018 schockte sie die Konkurrenz: Ab Juli würde Chopard 100 Prozent ethisches Gold verarbeiten. Scheufele hatte bewiesen, dass sich auch ein großes Traditionshaus nachhaltig umstrukturieren lässt. Auf ihrem Weg zur Nachhaltigkeit hatte sie mit Vorsprung einen Meilenstein erreicht, die Konkurrenz konnte nur mit Versprechungen gegenhalten.

Ziel erreicht? Nein, sagt Scheufele. Nun stehe die Arbeit an fair geschürten Steinen und die Umsetzung der „UN Global Goals for Sustainability“ an. Auch am Erreichten kann noch geschliffen werden. Human Rights Watch mahnt Carolin Scheufele bei allen verdiensten mehr Transparenz zuzulasse. Die Menschenrechtsorganisation hat unter dem Hashtag #BehindTheBling einen Post hinterlegt, der es schön zusammenfasst: „Thanks @chopard for supporting responsible, small-scale gold mines. But please (...) tell your customers what you are doing to ensure your jewelry is free of human rights abuses.“ Kurzum: So viel erreicht und doch nur ein Anfang. Alle müssen nachvollziehen können, dass Schmuck ohne jegliche Menschenrechtsverletzungen entsteht.

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