Naziverbrechen in Berlin : Die späte Ehrung für „Euthanasie“-Opfer in Wittenau

Seit Jahrzehnten ringt Irmela Orland darum, den Hinterbliebenen von Opfern der Nazi-„Euthanasie“ in Berlin einen Gedenkort zu schaffen. Endlich hat sie Erfolg.

Jutta Herms
Die Rechercheurin. Irmela Orland treibt der Friedhof um, seit sie vor 30 Jahren auf ihn aufmerksam wurde.
Die Rechercheurin. Irmela Orland treibt der Friedhof um, seit sie vor 30 Jahren auf ihn aufmerksam wurde.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Paul Gidius stoppt seinen Gehwagen neben einem Baum, der am Stamm eine knorrige Ausbuchtung hat, „hier ist es“, sagt er. „Das ist der Baum, den ich mir immer gemerkt habe, und hier, hier etwa muss sie liegen.“ Er deutet auf eine Fläche rechts – ein Dickicht aus Efeu, jungen Bäumen und Gestrüpp. „Sie“, damit meint Paul Gidius seine Mutter, in den vergangenen Jahren hat er erlebt, wie ihr Grab nach und nach darunter verschwunden ist. Den knorrigen Baum gab es schon, als er das erste Mal hier stand, zehn Jahre war Gidius alt, heute ist er 84. Zusammen mit seinen drei Geschwistern war er damals hier.

Erst viel später erfuhr er, dass es ein Sammelgrab ist, in dem man die Mutter im Frühjahr 1945 verscharrt hatte. Dass Hunderte hier unter der Erde liegen.

Es liegt auf dem Gelände der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik im Berliner Ortsteil Wittenau, 1880 als Berlins erste „Irrenanstalt“ eröffnet. Ein verwildertes, nicht mehr als solches erkennbares Sammelgrab auf einem einstigen Klinikfriedhofsareal, vor dem nun ein bis heute um seine Mutter trauernder alter Mann steht, die wohl deshalb starb, weil die Nationalsozialisten es sich zur Aufgabe gemacht hatten, „lebensunwertes Leben“ zu töten. Der auch deshalb seinen Frieden nicht findet, weil es Behörden gab, Politiker, Krankenhausbetreiber und eine desinteressierte Öffentlichkeit, die jahrzehntelang Schicksale wie das von Gidius kaum zur Kenntnis nahm.

Die juristische Aufarbeitung der Morde lief ähnlich. Weniger als zehn Prozent der deswegen eingeleiteteten Strafverfahren führten zu Urteilen, und unter denen gab es viele Freisprüche. Die historische Auseinandersetzung dagegen ist vergleichsweise engagiert, auch Gedenk- und Informationsorte gibt es zahlreiche, so wie die auf dem Bonhoeffer-Gelände. Die Ausstellung heißt „totgeschwiegen“. Totgeschwiegen wie das Grab von Gidius’ Mutter, so muss er es empfinden.

30 Jahre Ruhezeit waren vergangen

Gidius, dessen Augen trotz sehr ernster Mine wach hinter der Brille hervorblitzen, holt ein Foto hervor. Es zeigt den Friedhof in den 1980er Jahren. Man erkennt einen von Bäumen gesäumten Weg, mit Efeu bewachsene Gräber, Rasen – heute nur das verwilderte Stück Wald. „Unerträglich“, sagt Gidius, und seine Hände scheinen die Griffe des Gehwagens zerquetschen zu wollen. Dass ihr Grab nicht mehr zu finden sei, „wie konnte man es zulassen?“, sagt er.

1995 ließ die Klinikleitung den Friedhof entwidmen, beantragte, ihn auflösen zu dürfen. Die zuständige Senatsverwaltung stimmte zu, 30 Jahre Ruhezeit waren vergangen, und weil die Klinik dafür sorgte, dass 39 „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“, Gebeine unter anderem von Soldaten, auf eine Kriegsgräberstätte verlegt wurden. Seitdem ist der ehemalige Anstaltsfriedhof offiziell kein Friedhof mehr. Wohl niemandem wollte 1995 auffallen, dass hier „Euthanasie“-Opfer liegen könnten.

Dabei hatte in den 1980er Jahren eine Arbeitsgruppe ans Licht gebracht, dass sich die Wittenauer Heilstätten, wie die Anstalt damals hieß, in hohem Maß an den Morden an psychisch Kranken und Behinderten beteiligt hatten. Mehr als 3000 Menschen wurden von hier aus in Tötungsanstalten deportiert, dort vergast oder mit tödlichen Spritzen ermordet. In den Heilstätten selbst starben laut der Arbeitsgruppe 4607 Menschen zwischen Anfang 1939 bis zum Kriegsende.

„Man hat damals“, bei der Friedhofsentwidmung, „nicht eins und eins zusammengezählt“, sagt Irmela Orland. Dass Wittenauer Patienten deportiert und dann ermordet worden waren, sei vielen der damals Handelnden bewusst gewesen. Doch niemand habe sich gefragt, wie jene 4607 Menschen in der Klinik selber gestorben seien. Und niemand habe sich gefragt: „Wo sind die Leichen dieser Menschen geblieben?“

Sie weinte. Die Nachbarn brachten sie weg

Irmela Orland, 67, ist Lehrerin und Pfarrerin im Ruhestand. Der Anstaltsfriedhof treibt sie um, seit sie vor 30 Jahren auf ihn aufmerksam wurde. Orland kann damals nicht verstehen, dass da dieser vergessene Friedhof ist und „dass niemand etwas macht“. Also macht sie selber. Zusammen mit ihren Schülern.

Mit ihnen recherchiert sie in Archiven und Kirchenbüchern, befragt Experten und Zeitzeugen. Gemeinsam suchen sie nach verborgenen Spuren auf dem zuwachsenden Gelände, finden heraus, wo sich Sammelgräber, wo Einzelgräber befinden müssen. Mit einem Künstlerpaar werden Holzkreuze gesägt und weiß angestrichen, und eine Woche lang wird das Waldstück wieder zu einem Friedhof.

Als Irmela Orland 2014 hier eine Gedenkfeier organisiert, lesen Schüler Namen von Bestatteten vor. Auch den von Paul Gidius’ Mutter, er habe weinen müssen, sagt er, als er ihn hörte.

Im Frühjahr 1945 erhält seine Mutter, Else Gidius, die Nachricht, dass ihr Mann gefallen ist. Sie weint und weint. Nachbarinnen, die der NS-Frauenschaft angehören, bringen sie nach Wittenau. Ihre Kinder besuchen sie dort. „Sie hat sich gefreut“, sagt Gidius, auch darüber, dass die Todesnachricht ein Irrtum war. Der Vater war nicht gefallen, er war in Gefangenschaft. Zu ihrem ältesten Sohn habe sie gesagt: „Günter, hol mich hier raus, sonst komme ich hier nie mehr raus.“ Einige Tage später, am 18. April 1945, ist Else Gidius tot, 23 Tage nach Einlieferung. 36 Jahre war sie alt.

Die vier Kinder sind auf sich allein gestellt. Regelmäßig besuchen sie das Grab der Mutter. 18/381, diese Zahl hat man ihnen genannt, Reihe 18, Grab 381. Seit der Friedhof zuwächst, überlegt Gidius immer wieder, seine Mutter auf einen richtigen Friedhof umbetten zu lassen. Doch weil sie in einem Sammelgrab liegt, geht das nicht. Am liebsten wäre ihm, man würde es öffnen: „Dass man mal sieht, wie die Toten da drin liegen. Und die würden, wenn sie reden könnten, wahrscheinlich sagen, endlich seht ihr mal, wie die uns hier reingeworfen haben.“

Der Friedhof soll unberührt bleiben

Als Irmela Orland sich vor zehn Jahren erstmals an Politiker im Bezirk Reinickendorf wendet, zu dem Wittenau gehört, geht sie in Ausschüsse, in Sitzungen des Bezirksparlaments. Erfährt sie Desinteresse und Abwehr. Man habe sie als Hobbyhistorikerin gesehen, erst mal sehen wollen, wie wissenschaftlich ihre Erkenntnisse sind. Doch langsam wuchs das Bewusstsein, dass die Entwidmung des Friedhofs ein Fehler war.

2012 fällt die Bezirksverordnetenversammlung Reinickendorf erstmals einen Beschluss – der Ort soll Gedenkstätte werden. Das Bezirksamt soll sich dazu an den Besitzer des ehemaligen Klinikgeländes wenden, den Krankenhauskonzern Vivantes. Vivantes lehnt ab. Man könne der Forderung „leider“ nicht entsprechen, „da es sich hier nie um einen gewidmeten Friedhof handelte, alle Kriegsgräber umgebettet worden sind, die ehemalige Begräbnisstelle heute bewaldet und als solche nicht mehr auffindbar ist“.

2015 einigen sich die Bezirksverordneten erneut auf einen Beschluss zum ehemaligen Friedhof. Dieses Mal erklärt Vivantes, dass „aufgrund der anstehenden Verkaufsüberlegungen keine Entscheidung über die Anbringung einer Gedenktafel und die Kennzeichnung der Gedenkorte seitens des Konzerns getroffen wird“. Auf einen Beschluss im Jahr 2016, das Bezirksamt solle sich dafür einsetzen, den ehemaligen Friedhof auf den Lageplänen zu kennzeichnen, die sich auf dem einstigen Klinikgelände befinden, folgt eine ähnliche Antwort. Der Verkauf ist bis heute nicht abgeschlossen.

Sicher scheint zu sein, dass eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft den Zuschlag erhalten und bauen wird. Der ehemalige Friedhof soll davon unberührt bleiben und in den Besitz von Land oder Bezirk übergehen. Bezirksamtsvertreter betonen heute seine Schützenswürdigkeit. Dass allerdings Bezirksbürgermeister und Stadträte immer echten Willen mitbrachten, scheint fraglich: Alleiniger Vivantes-Anteilseigner ist das Land Berlin.

Eine hohe Sterberate

Irmela Orland hätte es in der Vergangenheit leichter gehabt mit ihrer Überzeugungsarbeit für den ehemaligen Friedhof, könnte man auf dem Friedhof Gräbern Namen zuordnen. Doch das ist nicht möglich. Patientenakten aus der Zeit der Wittenauer Heilstätten sind in hoher Zahl vorhanden – verschwunden ist jedoch ein Friedhofsbuch, das die Namen der Toten den Grablagen zuordnet; bis in die 1980er Jahre war es noch da.

Ein wesentlicher „Knackpunkt“ sei in den vergangenen Jahren auch immer die Frage gewesen, ob tatsächlich „Euthanasie“-Opfer auf dem Friedhof liegen, sagt sie. Wie kamen jene 4607 Menschen, die hier gestorben sind, ums Leben? Wurde ein Teil von ihnen durch überdosierte Medikamente getötet, wie so viele Menschen in anderen Anstalten auch?

Dafür gebe es keine Belege, sagt Thomas Beddies, Historiker am Institut für Geschichte der Medizin an der Charité. „Was wir haben, ist eine hohe Sterberate für diese Zeit. Wir wissen aber nicht, ob in den Wittenauer Heilstätten aktiv getötet wurde.“ Sicher wisse man, dass viele Patienten, vor allem ältere, durch zu wenig Nahrung und Vernachlässigung gestorben seien. Bewusst sei damals ihr Tod in Kauf genommen worden.

Paul Gidius sagt, er traf mit seinen Geschwistern beim Besuch des Grabes kurz nach dem Krieg einen Friedhofsmitarbeiter. Der habe, erzählt er, den Kindern gesagt, gegen Kriegsende hätten sich die Leichen auf dem Friedhof gestapelt. „Und er hat gesagt, die hätten alle eine Spritze bekommen.“

Zwei Mal 10000 Euro

Trotz der unzulänglichen Beweislage geht Historiker Beddies von „Euthanasie“-Opfern auf dem Anstaltsfriedhof aus. Und zwar ermordete Kinder. Rund 80 wurden zwischen 1942 und 1945 in der „Kinderfachabteilung“ Wiesengrund, einer der Wittenauer Hauptanstalt angegliederten Abteilung, getötet. Deren Todesumstände seien „nahezu gesichert“. Die Kinder starben an medizinischen Experimenten, an Überdosierung von Medikamenten, an Nahrungsentzug. Beddies geht davon aus, dass sich Gebeine von Kindern „in zweistelliger Zahl“ auf dem ehemaligen Friedhof befinden.

Mitte September haben die Reinickendorfer Bezirksverordneten für die Jahre 2020 und 2021 jeweils 10000 Euro für den einstigen Anstaltsfriedhof in den Bezirkshaushalt eingestellt. Mit dem Geld soll die Gestaltung der Fläche zu einem Gedenkort begonnen werden. Für Irmela Orland ist es „ein Anfang“. Sie hofft, dass sie und ihr Freundeskreis einbezogen werden. Man wünsche sich, so Orland, die Installation einer Informationstafel auf dem einstigen Friedhof und Hinweisschilder an den zentralen Eingängen zum früheren Klinikgelände. Zudem, als ersten Schritt, die Befreiung des einstigen Friedhofs vom gröbsten Dickicht. Voraussetzung für das alles im kommenden Jahr: Der Verkauf des Geländes muss abgeschlossen sein.

Paul Gidius sagt: „Ich freue mich, dass jetzt diese 10000 Euro da sind. Aber um einen würdigen Gedenkort aus dem Friedhof zu machen, ist es ja wohl zu wenig.“ Vor allem wünsche er sich auch, dass seine Mutter und die anderen dort liegenden Menschen als „Euthanasie“-Opfer anerkannt werden. „Ob ich das noch erlebe?“, sagt er noch.