Professoren im Interview : Der ideale Forschungsantrag

Zwei Leibniz-Preisträger, Bénédicte Savoy und Helmut Schwarz, diskutieren die Situation der Universität gestern, heute und morgen.

Patricia Pätzold
Die Professoren Savoy und Schwarz über die Zukunft von Hochschulen, Lehre, Forschung und den zu bewältigenden Verwaltungsapparat.
Die Professoren Savoy und Schwarz über die Zukunft von Hochschulen, Lehre, Forschung und den zu bewältigenden Verwaltungsapparat.David Ausserhofer

Der Leibniz-Preis, ein Millionenbetrag, eine enorme Anerkennung. Was empfanden Sie, als Sie den Preis bekamen?

Helmut Schwarz: Natürlich war ich überglücklich über die große Anerkennung meiner Leistung, denn schließlich gehörte ich nie zum Establishment meines Faches. Außerdem ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Ich war plötzlich auch auf dem Wochenmarkt ein „berühmter“ Mann. Mein Metzger hielt mir stolz die „Bild“-Zeitung mit meinem Konterfei entgegen und dachte, ich sei nun sehr reich (lacht). Reich war ich ja nun auch – reich an Möglichkeiten für die Forschung.

Bénédicte Savoy: Ich war vor allem unglaublich erleichtert. Mir war sofort klar, ich könnte nun meinem wunderbaren, kreativen Team Perspektiven bieten, Planungssicherheit und die mögliche Umsetzung ihrer Forschungsideen. Nur drei von 19 Leuten im Team haben eine feste Stelle, meine eingeschlossen. Für alle anderen muss immer wieder Geld für befristete Projekte besorgt werden. Das bindet bei allen enorm viel Energie, die nun der Forschung zugute kommen wird.

Sie beide engagieren sich für den Nachwuchs. Wer hat Sie selbst gefördert?
Schwarz: In der Schule hatte ich, außer in Deutsch, leider fast nur miserable Lehrer. Doch meinem Doktorvater Ferdinand Bohlmann habe ich viel zu verdanken. Er schenkte mir Vertrauen, ließ mich bereits als Doktorand Mitarbeiter betreuen und anleiten, nach dem Motto: „Zeig’, was du kannst!“ Das hat mich geprägt, auch für die Arbeit mit meinen Doktoranden, die ich beispielsweise früh unter eigenem Namen publizieren ließ.

Savoy: Für mich waren besonders die Jahre am Centre Marc Bloch in Berlin prägend, damals unter der Leitung des französischen Historikers Étienne François. Dort habe ich an der Schnittstelle zwischen vielen Disziplinen das wissenschaftliche Denken gelernt. Und dass auch geisteswissenschaftliche Forschung eine gesellschaftliche Relevanz haben kann und soll. Ein Glücksfall war für mich die Erfindung der Juniorprofessur. Ich gehörte zu den ersten, die von diesem Experiment der deutschen Wissenschaftslandschaft profitieren konnten.

Schwarz: Ja, diese Idee war ein Glücksfall. Aber die Realität einer Juniorprofessur lässt kaum mehr jemanden „fliegen“: acht Stunden Lehre – viel zu viel! Maximal zwei Stunden wären richtig! Mitarbeit in der Verwaltung – meine Güte, die jungen Leute sollen forschen, müssen publizieren. Diese hoffnungsvollen jungen Menschen mit Aufgaben einzudecken, die wenig zu ihrer wissenschaftlichen Qualifikation beitragen, halte ich für vollkommen verkehrt!

Savoy: Das liegt aber auch in der Verantwortung der Kollegen. Es darf nicht sein, dass die Arbeitskapazitäten in andere Kanäle, in Verwaltung oder Zuarbeit für andere Projekte umgeleitet werden. An meinem Institut haben die Kollegen erkannt, dass nur Freiraum gute, innovative Ideen und deren Umsetzung provoziert. Ich musste zunächst vier, später sechs Stunden lehren – und ich hatte Gelegenheit, auch im Ausland zu forschen und zu lehren.

Prof. Dr. Bénédicte Savoy lehrt das Fach Kunstgeschichte der Moderne an der TU Berlin.
Prof. Dr. Bénédicte Savoy lehrt das Fach Kunstgeschichte der Moderne an der TU Berlin.David Ausserhofer

Was kann man besser machen?
Schwarz: Der kürzlich erschienene Imboden-Bericht über die Exzellenzinitiative lobt einerseits, was die Universitäten in Deutschland unter den gegebenen Umständen leisten, benennt aber auch die Baustellen. Beispielsweise kommt in Deutschland ein Professor auf 60 bis 80 Studierende bei einer enorm hohen Lehrbelastung. Bei guten internationalen Universitäten, mit denen wir uns vergleichen lassen sollen, liegt das Betreuungsverhältnis bei etwa eins zu zehn. Derzeit kommen trotz der prekären Lage aber immer noch mehr als zwei Drittel der höchstzitierten Forschungsarbeiten aus den Universitäten, bewundernswert! Die Bundesländer müssen begreifen, dass die Universitäten vorrangig gestärkt werden müssen – oder konzedieren, dass wir diesen Anschluss nie finden werden.

Savoy: Trotz all der Herausforderungen und Belastungen möchte ich aber auch einen Stab für die Lehre brechen. Sie bietet die Chance, im Dialog mit jungen Leuten Gedanken zu gestalten. Ihre Unverbrauchtheit und ihre Neugier sind überlebenswichtig. Für mich als Einzelforscherin waren die Lehrverpflichtungen daher eine einzigartige Möglichkeit, Forschung und Lehre sinnvoll zu verbinden – und zur Teamplayerin zu werden.

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