Jubiläum in der Fasanenstraße : Brüche und Kontinuitäten

Die Berliner Hochschule für Musik, die 1975 in der damaligen Hochschule der Künste aufging, feiert in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag.

Dietmar Schenk
Teilnehmer des Meisterkurses von Carl Flesch im Jahre 1922 vor dem Gebäude der damaligen Musikhochschule in der Fasanenstraße.
Teilnehmer des Meisterkurses von Carl Flesch im Jahre 1922 vor dem Gebäude der damaligen Musikhochschule in der Fasanenstraße.Foto: Archiv der UdK Berlin

Die Berliner Hochschule für Musik, die vor 150 Jahren, im September 1869, eröffnet wurde, hat niemals ein unkompliziertes Jubiläum gefeiert. Im Revolutionsjahr 1919, 50 Jahre nach der Gründung, reichte es nur zu einem mageren Konzert, das zu den Zeitläufen nicht recht passte. Der 100. Jahrestag wurde von Studentenprotesten in West-Berlin überlagert. Und heute? Da muss man erst erklären, was die UdK Berlin mit der „alten“ Berliner Musikhochschule eigentlich zu tun hat: 1975 ging diese nämlich in der Hochschule der Künste, der heutigen UdK Berlin, auf. Die Fakultät Musik der UdK Berlin ist eine Musikhochschule ihrer Funktion, aber nicht dem Namen nach.

Der in Ungarn geborene Geiger Joseph Joachim, ein Schüler Mendelssohns und Freund Brahms’, wurde 1869 vom preußischen Staat beauftragt, eine Schule für „ausübende Tonkunst“ aufzubauen. Die kleine Musikschule besuchten im ersten Semester wenige angehende Geiger, Cellisten und Pianisten, darunter Clara Schumanns Tochter Eugenie; daraus entstand die „Königliche akademische Hochschule für Musik“. Anfangs war sie im Palais Raczynski untergebracht – genau dort, wo heute der Reichstag steht. Nach einer Zwischenstation in der Potsdamer Straße zog die Hochschule 1902 in einen Neubau in Charlottenburg, Fasanenstraße 1. Das Unterrichtsgebäude nutzt die Fakultät Musik der UdK Berlin heute noch. Bis zu Joachims Tod im Jahr 1907 war die Hochschule ein Hort des romantischen Klassizismus.

Mit der Abdankung des Kaisers 1918 wurde das renommierte Institut zur „Staatlichen“ Hochschule. Ein sozialistischer Musikreferent im preußischen Kultusministerium, Leo Kestenberg, setzte mutige Reformen durch und verwandelte sie in eine Experimentierstätte für Neue Musik. Direktor wurde nun der Komponist Franz Schreker, einer der vielen Wiener im Berlin der 1920er Jahre. 1927 wurde Paul Hindemith, der führende Komponist der jungen Generation, berufen.

1933 begann der Exodus jüdischer und politisch missliebiger Lehrender

Mit der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 fand ein Exodus jüdischer und politisch missliebiger Lehrender statt. Den Konzertsaal trafen im Zweiten Weltkrieg Bomben; 1954 trat ein Neubau an seine Stelle. Die Hochschule war nun eine Landeseinrichtung im Westteil Berlins. Die „Staatliche Hochschule für Musik und darstellende Kunst“, wie sie zuletzt hieß, leitete von 1953 bis 1970 der in China geborene Komponist Boris Blacher.

Was zeichnete nun die „alte“ Berliner Musikhochschule aus? Woran lohnt es sich, zu erinnern? Sie war gegründet worden, um auf dem Weg der „Erziehung“ in der Musikkultur wirksam zu sein; so jedenfalls nannte Joseph Joachim dieses Anliegen, und die Soireen des Joachim-Quartetts, die den „Geist der Hochschule“ verkörperten, stellten ein Highlight im Berliner Konzertleben dar. In der Zeit der Weimarer Republik war die Hochschule dann der Nukleus für eine ganze Reihe von institutionellen Angliederungen, die den Bildungsauftrag der Hochschule neu akzentuierten. Unter ihnen befanden sich der Staats- und Domchor, der ehemalige Hofchor der Hohenzollern und die erste staatliche Schauspielschule, die es in Deutschland gab.

Eine zweite Besonderheit war der beträchtliche jüdische Anteil an der Hochschulentwicklung. Es ist eine interessante Facette preußischer Kunstpolitik, dass 1869 mit Joseph Joachim ein getaufter Jude für die Leitung einer staatlichen „Unterrichtsanstalt“ ausgewählt wurde. Die Bewunderung und Verehrung für den berühmten Virtuosen war zu seinen Lebzeiten riesig. Als weitere Musiker jüdischer Herkunft, die mit der Hochschule aufs Engste verbunden sind, können der Violinist Carl Flesch, der Cellist Emanuel Feuermann und der Pianist Artur Schnabel genannt werden. Der Dirigent und Chorleiter Siegfried Ochs hatte den Berliner Philharmonischen Chor gegründet. Erich Moritz von Hornbostel betreute das Berliner Phonogramm-Archiv. Curt Sachs leitete die Sammlung älterer Musikinstrumente, das heutige Musikinstrumenten-Museum. Kurt Singer, der spätere Vorsitzende des Jüdischen Kulturbundes, betreute eine ärztliche Beratungsstelle, und Leopold Jessner baute die Schauspielschule auf. Die erwähnten Einrichtungen gehörten in der Weimarer Zeit zur Hochschule.

Bemerkenswert war die große internationale Vernetzung

Ein drittes Merkmal war die erstaunliche internationale Vernetzung – nicht zuletzt die große Zahl ausländischer Studierender. Die Namen reichen von der japanischen Violinistin Ando Ko bis zu Wladyslaw Szpilman, dem Pianisten in Polanskis bekanntem Film. Nimmt man die Privatschüler wichtiger Lehrer hinzu, so gehört beispielweise auch Arthur Rubinstein als Schüler Heinrich Barths dazu. Bei dem ersten Kompositionslehrer, Friedrich Kiel, fand sich ein polyglotter Schülerkreis ein, darunter der spätere polnische Ministerpräsident Ignaz Paderewski und der Komponist der norwegischen Nationalhymne, Rikard Nordraak.

Genauso bemerkenswert und, gemessen an gängigen Preußen-Klischees, unerwartet war die Reform der Hochschule in der Weimarer Republik. 1927 wurde eine Rundfunkversuchsstelle eröffnet, die sich mit den technischen Medien des Grammophons, des Rundfunks und des Tonfilms auseinandersetzte. Das ebenfalls neu eingerichtete Seminar für Musikerziehung war eine höchst innovative, sozialpolitisch engagierte Einrichtung. 1930 wurden mit der „Neuen Musik Berlin“ die Donaueschinger und Baden-Badener Musikfeste an der Berliner Hochschule fortgeführt. Wichtige Komponisten der 1920er Jahre, unter ihnen Kurt Weill, Student bei Engelbert Humperdinck, und Ernst Krenek, Schüler Schrekers, studierten an der Berliner Hochschule.

In ihren besten Zeiten war sie eines der bedeutendsten europäischen Konservatorien. Angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts weist die Geschichte jedoch Brüche auf. Mit den skizzierten Eigenheiten gehört die Hochschule für Musik jedoch mit zum Faszinierendsten, was die Musikgeschichte Berlins zu bieten hat.

Der Autor arbeitet fächerübergreifend über Archivgeschichte und -theorie und ist Leiter des Archivs der UdK Berlin.