Seminar „Weltuntergang“ : Kunst frisst Ressourcen

Wie macht man Kunst ohne Strom? Ein Seminar an der Fakultät Gestaltung beschäftigt sich mit einem Gedankenspiel in einer neuen Welt.

Moritz Hartmann
Auch Selina Lauts Performance „Praying Mantis“ ist im Rahmen des Seminars „Weltuntergang“ entstanden.
Auch Selina Lauts Performance „Praying Mantis“ ist im Rahmen des Seminars „Weltuntergang“ entstanden.Foto: Christina Huber, © Filminstitut der UdK Berlin & Display Berlin

Ada und ihr Mann sind gerade in ein Haus im Wald gezogen, als er stirbt. Eigentlich wollten sie noch viele gemeinsame Jahre in ihrem neuen Heim verbringen. Ihre Trauer überwindet Ada schließlich durch stundenlange Spaziergänge im Wald mit ihrer Nachbarin Elsa, schweigend.

Dies ist die Handlung des Films „Photoirritation“. Der Film ist mit melancholischer Klaviermusik unterlegt, eine Opernsängerin singt traurige Arien, die gegen Ende des Films aber mehr und mehr Hoffnung und Zuversicht transportieren.

Die drei Künstler*innen Häly Heinecker, Hedi Yatouji und Clarissa Undritz haben „Photoirritation“ bisher noch nicht in einem Kinosaal gezeigt, sondern in der Ausstellung „Weltuntergang“ im Ausstellungsraum Display in Berlin-Schöneberg. Denn der Film besteht bisher bewusst nur aus der Filmmusik und dem Script.

Nur wenige Batterien haben die Apokalypse überstanden

„Photoirritation“ ist im fakultätsübergreifenden Seminar „Weltuntergang“ von Constantin Hartenstein entstanden, künstlerischer Mitarbeiter am Filminstitut der UdK Berlin. Der Ausgangspunkt der Lehrveranstaltung war ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn in 70 Jahren alle Ressourcen der Erde aufgebraucht sind, und es keinen Strom mehr gibt?

Wenn nur ein paar wenige batteriebetriebene Geräte die Apokalypse überstanden haben? Constantin Hartenstein will mit dieser Versuchsanordnung thematisieren, was der Klimawandel für die künstlerische Arbeit bedeutet: „Gerade Film ist besonders ressourcenintensiv, sowohl in der Produktion als auch in der Präsentation. In Museen laufen die filmischen Arbeiten oft den ganzen Tag lang ununterbrochen in den Ausstellungsräumen”, erklärt er.

In der Ausstellung bei Display sind keine Filme im eigentlichen Sinn zu sehen. „Die Studierenden zeigen eher filmische Überlegungen. Es werden Filmbilder erzeugt, aber durch ganz andere Medien”, erklärt Hartenstein. Insgesamt sind Werke von 13 Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Studiengängen entstanden.

Filmbilder, mal ganz anders

Das Script haben Heinecker, Yatouji und Undritz in der Ausstellung gezeigt – in Form eines kleinen Booklets und auf einer weißen Plane. Die weiße Plane erinnert an eine Kinoleinwand und stellt wieder einen Bezug zum Medium Film her. Auch die Klaviermusik, die Yatouji komponiert hat und der Gesang von Undritz sind in der Ausstellung zu hören – aus einem kleinen Lautsprecher, eines der Objekte, das den Weltuntergang überstanden hat.

Dass sie ohne Strom auskommen mussten, haben die Studierenden weniger als Einschränkung empfunden, sondern eher als interessantes Experiment. Da Heinecker, Yatouji und Undritz in unterschiedlichen Studiengängen studieren, fühlen sie sich ohne Strom in ihren Künsten auch unterschiedlich eingeschränkt.

Yatouji, der am Jazz Institut Berlin Komposition studiert, sagt: „Keine Elektrizität zu benutzen, macht den Prozess herausfordernder. Es schränkt dich ein und so kannst du Dinge erschaffen, die du sonst nicht erschaffen würdest.”
Während Undritz als Gesangstudentin sowieso immer live singt, ist es bei Heinecker anders: Heinecker studiert Kunst und Medien und macht im Studium regelmäßig Filme.

Bei der Arbeit mit der Kamera, beim Schnitt und bei der Projektion ist Heinecker normalerweise auf Strom angewiesen. In Bezug auf das aktuelle Projekt sagt Heinecker: „Es kann auch etwas Besonderes sein, nur das Script zu lesen. Der Film entsteht in deinem Kopf.”

Der Film entsteht im Kopf

Yatouji ergänzt: „Genau, in einem richtigen Film, ist alles da. Es gibt keinen Platz mehr für Imagination.” Platz für Imagination gibt es viel bei „Photoirritation“: Wie die Hauptdarstellerin Ada aussieht, was in ihr vorgeht, als sie erfährt, dass ihr Mann gestorben ist, in was für einem Haus sie lebt: All das ist in dem Film nicht zu sehen.

Die Musik ist ein Mittel, um eine Atmosphäre und Emotionen zu transportieren, was über das Script so nicht möglich wäre. Heinecker erklärt: „Der Unterschied zwischen einem Script und einem Roman ist, dass ich im Script keine internen Gefühle beschreiben kann.“

Häly Heinecker hofft, dass das Script von „Photoirritation“ irgendwann zu einem richtigen Film wird – mit Kamera, Licht, Schnitt und einem Screening mit Leinwand und Projektor. Die Filmmusik gibt es ja bereits.

Die Arbeiten des Seminars werden zur Demonstration KUNST RAUM STADT in der Fensterfront der Fasanenstraße 1b erneut gezeigt.