Von Tisch zu Tisch - die Restaurantkritik : Ein Klassiker für Weinfreaks, die gute deutsche Küche lieben

Die "Kurpfalz-Weinstuben", eine Berliner Institution mit 80-jähriger Tradition, tasten sich in die Gegenwart – als Weinparadies mit sehr solider Küche.

In den Kurpfalz-Stuben in Charlottenburg wird Tradition gepflegt, und das schon seit mehr als 80 Jahren.
In den Kurpfalz-Stuben in Charlottenburg wird Tradition gepflegt, und das schon seit mehr als 80 Jahren.Foto: promo

Vermutlich habe ich hier schon öfter beklagt, dass es in Berlin praktisch kein ordentliches Restaurant mit mehr als 20 Jahren Tradition gibt. Die Stadt ist ein kulinarisches Laboratorium, wie es in Deutschland kein zweites gibt, aber das heißt eben auch, dass nichts bleibt, weil auch das perfekte Gericht einen Monat später nur noch im Gedächtnis des Gastes und auf Instagram-Fotos existiert. Nun mein Geständnis: Ich habe beim Rückblicken immer die Kurpfalz-Weinstuben vergessen. Die gibt es seit 1935, da kommen nur noch ein paar Sehr-Alt-Berliner Kneipen ran. Hier wurde immer ganz beachtlich bodenständig und ohne Experimente gekocht, jedenfalls in der langen Ära des Wirts Rainer Schulz, der aus dem Pfälzer Saumagen in Verbindung mit Pfälzer Weinen aus der Lage Kallstadter Saumagen einen richtigen Kult gemacht hat.

Einen Hochqualitäts-Schwips gibt es nirgendwo günstiger

An dieser ikonischen Verbindung haben auch die neuen Betreiber Vincenzo Berényi und Sebastian Schmidt nicht viel geändert. Das allzu staubige Gerümpel wurde entfernt, aber der kuriose Charme der verwinkelten Weinstube (Deutschland, 2. Hälfte 20. Jh.) ist geblieben, und mit ihm die funzelige Dunkelheit und die zweckmäßigen Möbel. Ach, und auch all die Weine sind noch da, die Jahrgänge rauf und runter vor allem aus Deutschland. Und falls es irgendein anderes Restaurant gibt, das zum Beispiel den 2009er Spätburgunder Kirschgarten von Philip Kuhn, ein Großes Gewächs, für 42 Euro anbietet, bitte ich dringend um Nachricht. Für Weinfreaks ist das hier nach wie vor eins der raren Berliner Paradiese, einen Hochqualitäts-Schwips gibt es nirgendwo günstiger, gute Offene auch nicht.

Bürgerliche Küche, die mitnichten zurückgeblieben ist

Auch das Essen ist einzigartig – auf seine Weise. Schmidt, der schon ein paar Berliner Stationen hinter sich hat, könnte ganz anders. Doch er hält sich strikt in den Grenzen der bürgerlichen Küche von 1989, sicher nicht einfach in Zeiten, in denen Kreativität schon Grundlage jedes Azubi-Vertrags ist. Doch hier muss es natürlich den Saumagen geben, ganz normal mit Kartoffelwürfeln, schön locker in einer festen Hülle, die tatsächlich echt sein könnte; dazu kräftige, gebundene Jus und Püree, das ist alles bestens.

Die Idee dahinter, die aus Eitelkeitsgründen so selten umgesetzt wird, lautet: Konventionell kochen, aber so gut, dass es auch Leuten schmeckt, die in Avantgardegewittern gestählt sind, sich davon aber mal erholen möchten. Deshalb gibt es hier sogar wie damals gekochte Miesmuscheln, aber sie schmecken wie heute, weil der Zitronen-Knoblauch-Sud saftige Kraft hat. Die roten und gelben Beten mit eingemachtem Kürbis, Walnüssen und Gorgonzola-Creme besaßen nicht diesen Retro-Charme, zumal der Kürbis das Einwecken störend hart überstanden hatte. Darüber tröstete die Kalbsleber mit Quitten, Zwiebelmarmelade und Kartoffelpüree hinweg, die dem Berliner Klassiker genau das richtige Quantum Moderne voraushatte.
Und auch das Hirschragout – vielleicht einen Tick zu fest – ruhte in sich und einer köstlichen Schmorsoße, begleitet von Moosbeeren, Wirsing und kleinen Mandelknödeln (Hauptgänge um 20 Euro).

Marillen-Quark-Strudel - besser als Oma ihn je hinbekommen hätte

Wir beschlossen, schon gut gesättigt, den Abend mit einem herrlich knusprigen Marillen-Quark-Strudel mit Pflaumen und Madeira-Schaum sowie Grießflammeri mit Heidelbeeren, Zimtstreuseln und Portweineis – Omas Küche, nur dass die das nie so gut gekocht hat. Wer mag, kann hier übrigens neben den Klassikern auch die richtigen Klassiker wie Handkäs mit Musik, eine Winzervesper oder Flammkuchen bestellen – oder das komplette „Pfälzer Blatt“ mit Saumagen, Wurst und Leberknödel auf Kraut. Wir haben diese Sachen nicht probiert, aber es ist kein Grund ersichtlich, weshalb sie nicht genauso schmecken sollten. Ein Berliner Unikat!

Kurpfalz-Weinstuben, Wilmersdorfer Str. 93 (Adenauerplatz), Charlottenburg, Di-So ab 18 Uhr geöffnet, kurpfalz-weinstuben.de

Dieser Beitrag ist auf den kulinarischen Seiten "Mehr Genuss" im Tagesspiegel erschienen – jeden Sonnabend in der Zeitung. Hier geht es zum E-Paper-Abo. Weitere Genuss-Themen finden Sie online auf unserer Themenseite.

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