Das Provisorische bleibt der Mythos von Berlin

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Einrichtungstrend : Die unglaubliche Karriere der Europalette
Der Gemeinschaftsgarten „Himmelbeet“ wurde für sein Palettencafé sogar ausgezeichnet.
Der Gemeinschaftsgarten „Himmelbeet“ wurde für sein Palettencafé sogar ausgezeichnet.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Als der Gemeinschaftsgarten Himmelbeet 2013 in einer Baulücke nahe dem U-Bahnhof Leopoldplatz im Wedding gegründet wurde, war die Lage noch entspannt. Das Himmelbeet ist der reinste Freiluft-Paletten-Showroom. Die Beete, das Café, die Terrasse, eine Tribüne – fast das ganze Inventar besteht aus den Ladungsträgern. Für die Beete haben sie hier einfach einen Rahmen drum herumgebaut, fertig war die Pflanzkiste. Der Architekt Michael Kloos, der das Areal geplant hat, fand die Maße der Palette ideal für ein Beet, das eine Person gut über ein Jahr bewirtschaften kann.

Auch beim Entwurf des Cafés hat Kloos auf die Palette gesetzt: „Ich wollte ein Material verwenden, das nicht viel kostet, leicht zu bewegen ist und mit dem Laien gut arbeiten können“, sagt er. Die Gartengemeinschaft hat das Café selbst gebaut. Die Wände bestehen aus Europaletten, mit Stampflehm gefüllt, weil das mehr Stabilität, Geräuschdämmung zur Straße und im Sommer einen Kühleffekt ergibt. Das Ergebnis hat sogar den Bund Deutscher Architekten (BDA) überzeugt. Im Jahr 2015 hat das Café eine der Auszeichnungen der Fachjury beim Berliner Architekturpreis und den Publikumspreis abgeräumt. Die Palette, angekommen im Baustoff-Olymp.

Doch auch das Himmelbeet hat nur einen Zwischennutzungsvertrag, Ende des Jahres müssen die Gärtner weichen. Wohin, steht noch nicht fest, dass sie ihr Café mitnehmen, ist klar. Entweder sie versetzen es per Kran oder zerlegen es und bauen es auf der neuen Fläche wieder auf. Derzeit verhandeln sie mit dem Bezirk über ein Ersatzgrundstück.

Ein bisschen Street Credibility, ganz ohne Plumpsklo

Auch wenn die Brachen immer weniger werden in Berlin: Das Provisorische, Unfertige, Zwischennutzungshafte bleibt der Mythos der Stadt. Es ist zu so etwas wie ihrem Markenkern geworden. Stadtmarketing, Tourismusbranche und Werbeagenturen wissen das. Und so zitieren auch solche Locations dieses Lebensgefühl, die damit eigentlich nicht viel zu tun haben. Inzwischen gibt es kaum eine Eisdiele oder Rooftop-Bar, die nicht irgendwo eine Palettenbank unterbringt.

2013, im selben Jahr wie das Himmelbeet, eröffnete im Bikini Berlin am Zoo das 25hours Hotel. Die Inneneinrichtung stammt vom Berliner Stardesigner Werner Aisslinger, der das Interieur als „Urban Jungle“ gestaltet hat. Die Website des Hotels verspricht, der Ort versprühe „den rauen, unfertigen Charme der Berliner Kreativszene“. Dabei hilft nicht nur der Blick auf die Affen im Zoo, sondern auch die Palette. Im Empfangsbereich zieht sich eine bepflanzte Palettenwand hoch, hier und da ist ein Tisch oder ein Tresen aus Paletten hingetupft. So wird das szenige Berlin chiffrenhaft aufgerufen, und der Gast hat das Gefühl, irgendwie dabei zu sein, ohne dass er dafür extra das Haus verlassen müsste. Ein bisschen Street Credibility, ganz ohne Generatorausfall und Plumpsklo. Be Berlin, auch du! Ineke Hans, Professorin für Design und Social Context an der Universität der Künste in Berlin, sagt: „Da soll ein lockeres Lebensgefühl mitschwingen, auch wenn man selbst vielleicht gar nicht so locker ist.“

Die Palette kündet aber nicht nur vom wilden Leben, sie ist auch ökologisch wertvoll und ordentlich herumgekommen. Um die 15 Einsätze hat so ein Ladungsträger hinter sich, bevor er als irreparabel gilt und aus dem System fliegt. Auf dem Müll muss er trotzdem nicht landen, weil er als Upcycling-Material begehrt ist. Anders als beim Recycling werden die Abfallprodukte dabei nicht wieder aufbereitet, sondern so veredelt, dass sie am Ende höherwertig sind. Dabei entstehen Taschen aus alten Lastwagenplanen, Geldbeutel aus Feuerwehrschläuchen oder eben Designermöbel aus unbrauchbaren Paletten.

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