Ferien der Kindheit : Angeln in Schweden

Lakritz im Krämerladen, Forelle am Haken, ein Bett auf Moos. In Värmland trösteten Rituale unseren Autor. Lässt sich dieses Gefühl wiederholen?

Värmland prasst im Sommer mit seinen Kostbarkeiten. Von Lupinen gesäumte Straßen, violett und rosa, die bei der Ankunft des Reisenden Spalier stehen. Da ist das Blau der Heidelbeeren, das Weiß der Birken, das Gelb der Pfifferlinge. Und natürlich das stundenlange Rot des Abendhimmels, denn die Sonne lässt sich zu dieser Jahreszeit nur für wenige Stunden hinter den Horizont verbannen.

Das ist die Empfindung eines 31-Jährigen. Natürlich nahm ich nichts davon wahr, als ich mit meiner Familie 1993 das erste Mal nach Westvärmland kam. Der sechsjährige Hannes stand vielmehr im Bann der godisvägg, der Süßigkeitenwand, im örtlichen Krämerladen. Mit Papiertütchen und Schäufelchen bewaffnet stellte ich mir aus Marshmallows und Lakritz meine eigene Mischung zusammen.

Meine Eltern hatten gemeinsam mit einer befreundeten Familie ein kleines eierschalenfarbenes Ferienhaus in Hillringsberg, in der Nähe von Karlstad, am Westufer des Sees Glafsfjorden gekauft. In den Sommerferien gab es fortan nur noch dieses eine Ziel. Bestimmt 30 Mal war ich seitdem in der Region. Ich habe nie aufgehört, dorthin zu fahren.

Es war ein Nachhausekommen

Wie bei allem, was sich regelmäßig wiederholt, bildeten sich über die Zeit Rituale heraus. Für die Fährüberfahrt von Kiel nach Göteborg hatten mein Bruder und ich meinen Eltern ein strenges Protokoll auferlegt. Zwingend vorgeschriebene Elemente: gebackene Ofenkartoffeln mit Krabben zum Abendbrot, das Toben im Bällebad, die Nacht in der Kabine mit klar aufgeteilter Bettordnung (ich schlief immer oben rechts) und das Beobachten der morgendlichen Einfahrt in den Göteborger Schärengarten. Vielleicht blieb der Schornstein der Fähre diesmal ja wirklich an der Hafenbrücke hängen. Sobald wir die ersten vertrauten Landschaften aus dem Autofenster erkannten, schrien wir Kinder zum Leidwesen unserer Eltern euphorisch auf.

Es war ein Nachhausekommen. Das hakelige Türschloss, die quietschende Pforte. Die Luft tief durch die Nase einziehen. Da war er endlich wieder, der leicht modrige Geruch des Holzes. Als hätte jemand im Vorjahr die Zeit angehalten. Im echten Leben in Nordhessen veränderte sich alles rasend schnell. Einschulung. Erster Liebeskummer. Pubertät. Doch das hier, das blieb. Dachte ich damals.

Das größte Schmuckstück der Region ist das Naturreservat Glaskogen. Noch heute mache ich mit Freunden jedes Jahr Ausflüge in das Gebiet, das sich an der Grenze zu Norwegen auf 280 Quadratkilometern erstreckt. Dort wohnen kaum Menschen, dafür Elche, Luchse und seit einiger Zeit auch wieder Wölfe. Mancher Tourist, dem wir begegneten, berichtete uns, wie das nächtliche Geheul über die Wasserfläche schallte.

Betten auf dem bemoosten Waldboden

300 Kilometer Wanderwege durch dichte Nadelwälder und 80 kleinere und größere Seen gibt es dort, gespickt mit unzähligen Inseln. Das schwedische Jedermannsrecht erlaubt das Übernachten in der Wildnis. Und so tauschen wir noch heute unser kleines Häuschen gegen offene Windschutzhütten, Feuerstellen und Plumpsklos. Komfort im herkömmlichen Verständnis ist im Glaskogen nicht anzutreffen. Dafür ein Bett auf dem bemoosten Waldboden, ein Bad im leicht bräunlichen Wasser der Seen und die wohltuende Wärme der Granitfelsen.

Verzweifelt waren wir Kinder nur, weil wir unseren Walkman mit Astrid-Lindgren-Hörspielen zu Hause lassen mussten. Unser Gequengel verstummte, wenn wir abends, nach einem Tag im Kanu, das Lager auf einem kleinen Eiland aufschlugen. Die Wasservögel sangen ein Gute- Nacht-Lied, und der selbst gefangene Fisch brutzelte auf dem Lagerfeuer.

Meine erste Angel. Als Sechsjähriger drückte sie mir mein Vater in die Hand, eine Bambusrute, an deren Ende eine Schnur mit Haken und Korken geknotet war. Geduld? Kannte ich nicht. Keine Minute saß ich still. Die Fische ignorierten mich. Eines Abends streifte mir mein Vater eine Schwimmweste über und setzte mich ins Kanu. Er paddelte uns ein Stück den Fluss hinunter. Dort warteten wir, den Blick auf den kleinen Schwimmkörper gerichtet.

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Die kalte Nacht kroch durch unsere Fleecepullover, kaum konnten wir noch den Korken erkennen. Dann tauchte er ab. Mit dem Gefühl siegreicher Feldherren kehrten wir zurück, begleitet von einem Biber, der neben uns hertauchte. Etwas von diesem kindlichen Stolz wirkt noch heute in mir, wenn ich abends eine Forelle mitbringe.

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