„Ich will alt gewordene Kinder lebendig machen“

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Interview mit Meret Becker : "Holt die Wäsche rein, die Artisten kommen!"
Meret Becker als Alex (l) und Sabine Timoteo als Marion in einer Szene des Films "Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?".
Meret Becker als Alex (l) und Sabine Timoteo als Marion in einer Szene des Films "Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?".Foto: pa /Alamode Film/dpa

Als Frau erscheinen körperliche Dinge so ungleich wichtiger. Denken Sie manchmal: Wäre ich doch nur ein Kerl?

Immer wenn beim Film eingeleuchtet wird. Sie leuchten meistens nur für Jungs ein, so hartkantig. Schöne Frauen mittleren Alters sehen wie dellige Monster aus. Die muss man weich, frontal einleuchten. Passiert im deutschen Film zu selten. Früher habe ich mehr darüber nachgedacht, wie ich mich aufzwirbeln muss, wenn ich einen Produzenten treffe. Was für ein Quatsch!

Aber bisschen gut aussehen will man schon noch.

Na klar. Sie kommen ja auch nicht im Pyjama zum Interview. Obwohl, ich fänd’s wahrscheinlich ganz cool. Inzwischen mache ich mich schön, wenn mir danach ist.

Sprechen wir über Ihre Musikprogramme auf der Bühne. Was Sie da tun, ist hochgradig unseriös.

Nein! Wieso?

Sie verrenken sich in einem Ring, der an der Decke hängt, Sie entlocken einer Säge wimmernde Töne.

Ich spiele wunderschöne Musik auf der Säge!

Entschuldigung, die Musik, die ganze Show ist wunderschön. Gerade weil sie so unseriös, verspielt ist.

Spielerisch, ja. Aber nicht unüberlegt. Wenn ich in dem Ring über der Bühne stecke, dann ist das ja ein Bild: Mondwesen, Vogel, Embryo. Die Nummer folgt auf eine tragische Erzählung von einer Frau, die ihrem Mann davongelaufen ist.

Und dann …

Gut, dann springe ich aus dem Reifen raus und mache als Artist ein bisschen Zirkus. Als kleiner Artist, das ist wichtig. Denn obwohl ich kein richtiger Artist bin, mache ich das trotzdem. So ein schönes Wort: trotzdem. Ich will die Leute anstiften, trotzdem Dinge zu tun. Es gibt ein Stück, da gurgel ich die Melodie. Und ich denke mir: Wenn von den Zuschauern ein einziger am Abend vorm Badspiegel steht und nach dem Zähneputzen eine Melodie gurgelt, dann hab’ ich gewonnen. Dann habe ich eine kleine Saat der Anarchie gepflanzt. Das ist meine politische Arbeit. Ich will alt gewordene Kinder lebendig machen.

In Ihrem neuen Film sagen Sie als Mutter zur Tochter: Ich hab mir den Arsch aufgerissen für dich. Darauf die Tochter: Ich hab’ nicht darum gebeten.

Das ist etwas, das eine Mutter niemals sagen darf. Aber es passiert natürlich trotzdem. Die Antwort der Tochter ist die einzig richtige. Es ist die Natur des Kindes, zu fordern und zu fordern. Damit muss man als Mutter umgehen lernen.

Was schuldet eine Mutter ihrer Tochter? Und was die Tochter ihrer Mutter?

Im besten Falle nichts. Im besten Falle ist man einfach da und miteinander. Es geht um eine Liebe, die durch nichts infrage gestellt wird.

Wie war das für Sie als Tochter?

Meine Mutter war oft unterwegs. In unseren ersten Jahren in Bremen gab es eine Zieh-Oma, die sich oft um meinen Bruder Ben und mich gekümmert hat. Wir lebten in einer Hausgemeinschaft, da herrschte eine komische Mischung aus antiautoritärer und streng westkommunistischer Erziehung. Alles war superlocker und auf einmal wieder strikt politisch, und man wusste nie, wann was ist. Später dann, seit ich vier war und wir in Berlin lebten, waren wir eine klassische Familie mit Mutter und Vater, das war Otto Sander. Nach außen sah das aber nicht so klassisch aus: Holt die Wäsche rein, die Artisten kommen! Wir hatten alle verschiedene Nachnamen, ich wurde anders gekleidet, ich kam oft zu spät. Manche Kinder durften nicht zu meinem Geburtstag. Als eine Freundin mal zu Besuch war und Otto im Nachbarzimmer Texte lernte, sagte sie: „Der führt die ganze Zeit Selbstgespräche. Hat der noch alle Tassen im Schrank?“ Da ist mir das – mit 15 – zum ersten Mal aufgefallen, dass Otto pausenlos allein rumgeredet hat.

Es war ein Schauspielerhaushalt, in dem die Eltern wahrscheinlich mehr bei sich als bei den Kindern waren.

Man lief als Kind so mit. Andauernd waren Leute da, wir aßen oft außerhalb, und wir steckten zwischendrin. Bei einer Freundin fand ich toll, dass sie mit ihren Eltern und Hund im Wald spazieren gegangen ist. So was haben meine Eltern nie gemacht. Die haben auch keine Brötchen am Wochenende eingekauft. Bei uns gab’s Graubrot. Dafür haben sie spät und lange gefrühstückt.

Könnte es sein, dass Schauspieler, die mehr über ihre Bühnenrolle nachdenken als über ihre Elternrolle, Nachwuchs erzeugen, der um jedes bisschen Aufmerksamkeit kämpfen muss, Narzissten, die es auf die Bühne treibt?

Da kann was dran sein. Aber ich liebe meine Mutter, auch wenn sie uns mal vernachlässigt haben sollte. Meine Mutter ist eine Perle! Und auch wenn Otto nicht so viel da war, hab’ ich ihn über alles geliebt. Ich würde meine Eltern mit niemandem tauschen wollen! Wirklich nicht!

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