Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson : „Himmelherrgott, natürlich ist das ironisch“

Seine Musik erinnert an Oper mit Rasierklingen. Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson über Metal, Mozart und eine Domina, die um Einrichtungstipps bat. Ein Interview zum Berliner Konzert.

Bruce Dickinson, 59, ist der Sänger der 1975 in London gegründeten Heavy-Metal-Band Iron Maiden.
Bruce Dickinson, 59, ist der Sänger der 1975 in London gegründeten Heavy-Metal-Band Iron Maiden.Foto: Mike Wolff

Herr Dickinson, Sie haben gerade zur Begrüßung die Hand gereicht. Sind Sie wahnsinnig?

Verzeihung. War das unpassend?

In Ihrer Autobiografie „What Does This Button Do?“, die kürzlich auf Deutsch erschien, schreiben Sie, Sänger sollten das nicht machen. Es sei der schnellste Weg, sich eine Grippe einzufangen und die Stimme zu ruinieren.

Ach so, ja, Händeschütteln, Klimaanlagen … irgendwann wirst du paranoid. Du willst dich ja wirklich nicht vor ein paar Tausend Leute stellen und zum Deppen machen, weil du nur rumkrächzt. Das ist das schlimmste Gefühl der Welt. Milch ist übrigens auch nicht gut.

Sie sprechen erstaunlich tief. Ihre Singstimme verunglimpfte ein Kritiker mal als „Fliegeralarmsirene“, auch wenn Sie dieses Markenzeichen später in diversen Umfragen zu einem der besten Metal-Sänger aller Zeiten gemacht hat.

Vielleicht schlägt mich ja jemand mal als Kulturerbe vor – wie ein schützenswertes Bauwerk.

Auf YouTube kann man zusehen, wie Kinder auf die Musik von Iron Maiden reagieren.

Und? Werden die alle verrückt?

Bruce Dickinson

Bruce Dickinson, 59, ist der Sänger der 1975 in London gegründeten Heavy-Metal-Band Iron Maiden.
Mit rund 100 Millionen verkauften Alben und mehr als 2000 Konzerten ist die Rockgruppe eine der erfolgreichsten der Welt. Am 13. Juni spielt sie im Rahmen ihrer „Legacy of the Beast“-Tour in der Berliner Waldbühne.
Dickinson wurde im mittelenglischen Worksop geboren und studierte Geschichte. Neben seiner Karriere als Sänger machte er einen Pilotenschein und flog nicht nur seine Band im Tourjet, sondern auch für eine britische Chartergesellschaft.
Dickinson hat drei erwachsene Kinder mit seiner zweiten Frau und lebt in London. Nach einem Drehbuch und drei satirischen Romanen schrieb er zuletzt seine Autobiografie „What Does This Button Do?“ (Heyne, 22 Euro), in der er von der Liebe zum Fechten und einer überstandenen Zungenkrebserkrankung erzählt.
Das Interview startet etwas verspätet, weil Dickinson erst mal duschen muss. Nach der Lesung am Vorabend war er spät ins Bett gekommen. Als er die Tür seiner Suite im Berliner Regent öffnet, hat er nasse Haare, trägt Jogginghosen mit Popeye-Aufdruck zu Armeewüstenstiefeln und entschuldigt sich höflich für die Verzögerung. Den opulenten Frühstücksbuffetwagen, der ihm ins Zimmer gerollt wird, verfrachtet er kurzerhand ins Schlafzimmer. „Fuck that.“ Stattdesssen macht er sich einen Kaffee am Kapselautomaten und nimmt auf dem Sofa Platz.

Die sind irritiert. Ein Kind fragt: „Ist das ein Mädchen? Er schreit und singt gleichzeitig.“

Wunderbar. Wenn du in einer Rockband singst, musst du fast zwangsläufig ein hoher Tenor sein, sonst verschwindet deine Stimme zwischen den Gitarrenfrequenzen. Schuld ist die Aufnahmetechnik, eine der großen Einschränkungen der Rockmusik. Sie nimmt so viel weg von der Dynamik, von dem, was unser Ohr eigentlich hören kann. Ich habe vor einer Weile mit Ian Anderson von Jethro Tull für eine Benefizaufführung in der Canterbury Cathedral gesungen. Ohne Verstärker. Da schmetterst du einen Ton und hörst zu, wie er anschwillt und anschwillt, bis du denkst, du bist Teil des Gebäudes. Das kann man nicht anders erfahren. Ich benutze Worte eigentlich nur, um eine Entschuldigung zu haben, zu vibrieren.

Dass Sie mal Sänger werden würden, war nicht abzusehen. Als Sie im Kindesalter beim Kirchenchor vorsangen, wurde Ihnen mit knappen Worten abgesagt: „Dickinson – kein Sänger“.

Ach, da habe ich absichtlich schlecht gesungen. Ich wollte nicht im Chor mitmachen, weil das hieß, dass man sich wie ein Mädchen anziehen und seine Sonntage mit den gealterten Pädophilen hätte verbringen müssen. Ich war damals wesentlich mehr interessiert am Schauspiel. Ich stand auf der Bühne und adaptierte Stücke. Mein Problem war nur, dass ich das nie besonders ernst nehmen konnte, den meisten Schauspielern ihre Arbeit jedoch enorm bedeutungsvoll erschien.

Als Sie Ende der 1970er anfingen, waren Punk und Disko gerade das große Ding. Dass Ihnen Heavy Metal durchaus ernst war, hat nicht mal Ihr Manager verstanden. Die Leute dachten, Ihre Songs über Vampire und Ihre Horror-Maskerade seien Comedy.

Ja, und in gewisser Weise war es das, weil wir so Arbeit bekommen haben. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich mein Leben nicht damit bestreiten will, blöde Witze zu machen. Ich mochte Heavy Metal, weil sich die Musik gut anfühlte. Sie war aufregend, du wolltest gegen die Wände hüpfen. Aber was ich auch wollte, war, die Musik mit Schauspiel zu verbinden. Ich dachte, wenn es Musik gibt, die so kinetisch ist, mit so viel Energie, wenn man da Geschichten und Bilder dazupackt, das wäre, als würde man einen Film direkt in die Köpfe der Menschen projizieren.

Sind Sänger also auch Schauspieler?

Bei der Arbeit auf der Bühne geht es doch immer um dieses unerklärliche Gefühl. Der Künstler weiß etwas, das du nicht weißt. Und er erzählt es dir. Durch seine Stimme, seine Gitarre oder durch einen Ausdruck in seinen Augen. Warum beherrscht jemand wie Marlon Brando die Leinwand? Weil du wissen willst, was er denkt. Du willst in seine Seele blicken. Wenn Schauspieler gut sind, glaubst du ihnen.

Der Rocker. Dickinson 2017 im Konzert mit Iron Maiden beim Rock in Idro Festival in Bologna.
Der Rocker. Dickinson 2017 im Konzert mit Iron Maiden beim Rock in Idro Festival in Bologna.Foto: imago/Zuma Press

Einige Musikkritiker bezeichnen Metal gerne als die neue Klassik.

Schwachsinn. Ich stand ein paarmal mit Opernsängern auf der Bühne. Meine Stimme ist laut, aber nicht mal nah dran an dem, was die machen. Der Preis, den man für diese Kraft bezahlt, ist allerdings der Verlust von Flexibilität. Die Fehler und die Macken sind für einen Rock- oder Popsänger Teil der Identität. Leonard Cohen war so ein Beispiel, ein bewundernswerter Sänger, doch eine Stimme hatte er nicht. Bei Opernsängern oder anderen klassischen Künsten ist das etwas komplett anderes. So, wie auch ein Balletttänzer nicht dafür geschätzt wird, wenn er Tschaikowskys „Schwanensee“ jetzt einfach mal so tanzt, wie ihm das in den Kram passt. So läuft das nicht, Kumpel.

Leute, die den Vergleich ziehen, verweisen auf die Ouvertüren, die groß angelegten Kompositionen, mehrstimmige Melodiebögen, die musikalische Virtuosität …

Ja, Metal kann technisch sehr virtuos sein. Gitarristen lieben es, sich diesen Bach- oder Mozart-Fantasien hinzugeben. Das klingt ja auch beeindruckend, bis du auf YouTube einen Zehnjährigen aus Südkorea siehst, der das auch kann. Letztendlich schafft das jeder, der viel übt. Wie Malen nach Zahlen. Von Kunst, die dich wirklich bewegt, ist so etwas eine Million Meilen entfernt.

Und Ihre großen Bühnenbilder von Monstern und Mythen? Die historischen Kostüme? Die Heldenposen? Das hat schon etwas Opern- oder Operettenhaftes.

Irgendjemand beschrieb Iron Maiden mal als Oper mit Rasierklingen. Das gefiel mir. Einige Sachen, die wir machen, sind so groß und massiv, dass der Vergleich naheliegt. Wir zitieren auch Operette, Vaudeville. Eine Show muss einfach mit einem großen Knall anfangen. Das ist wie ein Ritual. Auf der vergangenen Tour stellte ich mich am Anfang allein ins Scheinwerferlicht und sang – ohne Musik. Nur ich und meine Stimme. Nachdem ich eine Zungenkrebserkrankung überstanden hatte, wollten ja alle wissen, ob ich es noch bringe. Es war die Inszenierung einer Wiederauferstehung. So etwas reinigt einen Ort und baut Spannung auf. Alles danach ist Erlösung.

Verstehen Sie, wenn Leute auf diesen Bombast und dieses Pathos mit Humor reagieren?

Machen Sie Witze? Ich selbst sehe das mit einem großen Sinn für Ironie! Ich meine, ich bin ein fast 60-jähriger Mann, der auf der Bühne unserem Maskottchen Eddie das Herz rausreißt und Blut ins Publikum spritzt. Himmelherrgott, natürlich ist das ironisch gemeint!

Ob die Fans das auch so sehen? Metaler sind bekannt dafür, ihre Musik todernst zu nehmen.

Das kann ich nicht beurteilen. Es macht auf jeden Fall mehr Spaß, wenn man die Ironie erkennt. Das eröffnet eine neue Dimension. Es gibt bei einem Rockkonzert ja durchaus Momente der Erhabenheit und Pracht, aber dieses ganze Lederding zum Beispiel hat gleichzeitig auch etwas sehr Homoerotisches. Gucken Sie sich mal Manowar an, die ihre Oberkörper mit Öl einreiben. Gerade in den 1970ern war Metal eine ziemliche Macho-Nummer. Ich habe mich amüsiert, dass in Amerika niemand Rob Halford von Judas Priest in seiner nietenbesetzten Bikermontur als Homosexuellen erkannt hat. Aber das Tolle an der Metal-Gemeinschaft ist, dass das eigentlich auch egal ist. Als er sich schließlich geoutet hat, hat das keinen gestört. Okay, ist er halt schwul.

Eine Domina in San Francisco bat mal um Rat, als sie ihren Folterkeller ausbauen wollte. Die hielt Sie wegen Ihres Lederoutfits für einen Experten.

Ja, ein sehr nettes, zierliches Mädchen. Helfen konnte ich ihr nicht wirklich.

Sie können über das Thema lachen. In Ihrer Autobiografie erzählen Sie auch von beklemmenden Episoden aus der Internatszeit, in der Sie von Lehrern ausgepeitscht wurden.

Mein Hausleiter hatte sogar eine ganze Auswahl von Gerätschaften in unterschiedlicher Länge und Flexibilität. Wahrscheinlich hat er damit einen gewissen Fetisch ausgelebt, denn oft trug er dabei seine Ruderkleidung. Es mag Menschen geben, die glauben, so eine Strafe forme den Charakter. Ich gehöre nicht dazu.

Sie flogen schließlich von der Schule, weil Sie einem Lehrer ins Essen gepinkelt hatten.

Ein klares Statement, oder?

Der Pilot. Dickinson vor drei Jahren beim " The Royal International Air Tattoo", der größten militärischen Airshow der Welt.
Der Pilot. Dickinson vor drei Jahren beim " The Royal International Air Tattoo", der größten militärischen Airshow der Welt.Foto: imago/Matrix

Einen „Nahschuss auf das System“ nennen Sie das in Ihrem Buch. Doch statt fortan aller Autorität den Kampf anzusagen, meldeten Sie sich erst mal freiwillig zur Armee ...

Klingt absurd, ich weiß. Das Tolle am Militär ist jedoch, dass alle ein Team sind. Jeder passt auf den anderen auf. In dem Sinne ist die Armee das, was die Schule sein sollte. Klar kann das missbraucht werden, und am Ende geht es darum, Leute auszubilden, die bereit sind, andere umzubringen. Das ist nicht cool. Leider brauchen wir solche Menschen, weil es in anderen Ländern Menschen gibt, die uns das antun würden. Ich weiß auch nicht, ob ich lange im Militär überlebt hätte, denn ich hinterfrage Dinge. Aber mitunter gibt es ja gute Gründe, sich ans Protokoll zu halten.

Welche?

In der Fliegerei musst du zum Beispiel eine gewisse Struktur haben, damit die Dinge sicher laufen. Doch auch da heißt es: Entscheidungen sicher zu machen, bedeutet, sie zu hinterfragen. Nur halt auf eine strukturierte Art und Weise, nicht zerstörerisch, anarchisch. Ein Freund von mir kommandiert ein Atom-U-Boot, und er lud mich mal ein, für fünf Tage mitzufahren …

Das ist erlaubt?

Natürlich. Er ist der Kapitän, es ist sein Schiff. Jedenfalls gab es auf der Fahrt ein technisches Problem. Und plötzlich saßen alle zusammen und diskutierten. Der Rang spielte keine Rolle, Respekt basierte ausschließlich darauf, ob man Ahnung von seinem Job hat. Fantastisch. So sollte ein Land regiert werden.

Funktioniert das in Ihrer Band auch so?

Scheiße, nein, Bands sind keine Demokratien. Wer das sagt, lügt. Das muss man einfach akzeptieren.

Ein anderer Mythos, den Sie in Ihrem Buch zerstören, ist der, das Rockgeschäft sei eine einzige lange Party. Sie schildern das Musikbusiness auch als durchreguliertes Geschäft. Als Sie 1981 bei Iron Maiden engagiert wurden, schickte das Management Sie erst mal zum Hör- und Drogentest.

Ja, das war für die Versicherung, wie bei einem Fußballer. Natürlich kann man finden, dass Rock ’n’ Roll etwas mit Anarchie zu tun hat und du mit 45 sterben sollst. Am besten arm, weil dein Manager dein Geld gestohlen hat. Aber mir gefällt die Vorstellung nicht. Es stimmt allerdings schon, dass das Musikgeschäft immer professioneller geworden ist. In den 70ern wurde es ja noch von Kriminellen organisiert. Buchstäblich. Wenn jemandem ein Promoter nicht gefiel, wurde der verprügelt und ausgeraubt. In Italien kam mal ein Veranstalter mit einer Handgranate und einer Pistole und drohte, jemanden zu erschießen, wenn die Band nicht bald auf die Bühne geht. Aber das ist Vergangenheit. Niemand soll auf einem Rockkonzert sein Leben riskieren müssen.

Sie selbst gehen mitunter schon Risiken ein. 1994 spielten Sie ein Konzert in Bosnien. Mitten im Jugoslawienkrieg.

Ein britischer Major, der als DJ in Sarajewo arbeitete, lud mich ein. Wir dachten, das sei cool. Wie Schuljungs. Als wir da ankamen, merkten wir, au weia, das ist wirklich Krieg hier. Am Tag zuvor hatten die Serben einen britischen Hubschrauber abgeschossen, um die Friedensverhandlungen zu torpedieren. Die UN wollte uns nach Hause schicken, aber dann setzte mein Sinn für Abenteuer ein, und ich dachte: Nee, wir machen das jetzt.

Sie wollten für die Soldaten spielen?

Nein, das war eine ganz reguläre Show. Und ich bin froh, es gemacht zu haben. Es gibt einen Dokumentarfilm über das Konzert von einem Filmemacher dort. Darin erzählen Besucher, wie sehr ihnen das Konzert damals geholfen und ihr Leben verändert hat.

Ihres ja auch. Danach schnitten Sie sich die langen Haare ab. Meist ein Zeichen für einen einschneidenden Bruch in der Biografie.

Mir gab das alles eine sehr andere Perspektive aufs Leben. Ich konnte allerdings nie groß darüber reden. Die Leute fragten, wie war es, und ich wusste nicht mal, wo ich anfangen sollte.

Vor drei Jahren waren Sie wegen Ihrer Krebserkrankung dem Tod wieder sehr nahe. Viele Menschen realisieren in so einer Situation, dass sie etwas im Leben verpasst haben und nachholen sollten. Nun sind Sie schon Rockmusiker, Pilot, Unternehmer, haben drei Romane geschrieben, sind Bierbrauer, Radiomoderator und Motivationsredner. Was könnten Sie noch erreichen wollen?

Ich würde alles wegwerfen, um meine Kinder aufwachsen zu sehen. Sie sind schon erwachsen, aber zu früh zu sterben, würde mich wirklich anpissen. Ich will wissen, wie die Geschichte ausgeht.

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