"Mit Werbung erkaufe ich mir die Freiheit"

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Marco Schmidt

Seit ein paar Jahren sind Sie in diversen Werbespots zu sehen, obwohl Sie doch zu Beginn Ihrer Karriere verkündet haben, Sie würden Werbung hassen und sich nie für so einen Schrott hergeben.
Ja, ich weiß. Damals war ich ein großer Idealist. Tja, was soll ich sagen? Es fällt Ihnen sicher nicht schwer, zu erraten, warum ich zehn Jahre später doch noch schwach wurde.

Hmm … Fängt das Wort zufällig mit „G“ an?
Genau. Die Summen, die ich mit Werbung verdienen kann, erlauben es mir, ungeliebte Filmprojekte abzulehnen, die ich sonst möglicherweise annehmen müsste, um meine Familie zu ernähren. So erkaufe ich mir die Freiheit, monatelang zu Hause bei meinen Kindern bleiben und auf vernünftige Filmangebote warten zu können. Ich drehe lieber einen netten Werbespot als einen miesen Film, für den ich mich hinterher schämen muss.

Sie haben mir vor einigen Jahren auch mal erzählt, es würde Sie nicht im Geringsten reizen, noch einmal in einer Fernsehserie mitzuspielen …
Ja, weil ich einst mit der dänischen TV-Serie „Unit One“ schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Zuvor hatte ich mit Filmen wie „Pusher“ entdeckt, dass das Kino die Möglichkeit bot, Grenzen zu überschreiten und verrückte, radikale Dinge zu tun. Doch beim Fernsehen musste alles glattgebügelt werden, weil der Sender keine potenziellen Zuschauer verschrecken wollte. Ich hätte jedes Mal kotzen können, wenn die TV-Regisseure zu mir sagten: „Ja, stimmt, du sollst in dieser Szene wütend sein. Aber bitte nicht gar so wütend!“ Oder: „Ja, blute, aber bloß nicht zu stark!“ Heutzutage ist das ganz anders: Da haben die Verantwortlichen in den Fernsehsendern sogar oft mehr Eier als die Hollywood-Bosse. Bei „Hannibal“ wird jedenfalls nichts geglättet – wir dürfen es richtig krachen lassen.

Wie haben Sie sich auf die berüchtigte Hannibal-Lecter-Rolle vorbereitet? Haben Sie viel recherchiert? Sich mit Anthony Hopkins unterhalten? Ein menschliches Herz verspeist?
Mister Hopkins habe ich leider nie getroffen. Ein Menschenherz konnte ich auch nicht auftreiben – da hätte ich bessere Karten gehabt, wenn ich wie Hannibal zugleich Chirurg, Serienkiller und Kannibale wäre. Aber ich bin halt nur ein kleiner Schauspieler – und übrigens auch kein großer Recherche-Fan. Ich glaube nicht, dass ich in Büchern etwas über Hannibal gefunden hätte, denn er ist überhaupt kein klassischer Psychopath: Es gibt in seiner Vergangenheit absolut nichts Unbewältigtes. Er ist völlig mit sich im Reinen – wahrscheinlich der glücklichste Mensch, den ich je verkörpert habe. Er hat eben nur ein etwas anderes Weltbild als wir.

Mögen Sie ihn?
Ich mag es, ihn zu spielen, diesen Feinschmecker und Feingeist. Ich mag die Art, wie er sich kleidet – ich selbst würde privat nie so rumlaufen. Normalerweise interessiere ich mich nicht die Bohne für Mode, aber ich finde es spannend, mich morgens aus meinen Adidas-Klamotten zu schälen und Hannibals Anzüge anzuziehen: Da schlüpfe ich buchstäblich in die Rolle. Das hilft mir sehr beim Spielen.

Können Sie auch so gut kochen wie er?
Ach was! Ich beherrsche bloß ein paar einfache Thai-Rezepte: Zeugs klein schnippeln, rein damit in den Wok, fertig ist die Laube! Ich kann auch eine scharfe, würzige Suppe mit Kokosmilch und Shrimps zubereiten – aber dazu brauche ich ungefähr fünf Stunden.

Fällt es Ihnen nach sechs Monaten Dreharbeiten schwer, die Hannibal-Rolle wieder abzulegen?
Nein. Ich habe immer versucht, so schnell wie möglich in eine Figur hineinzufinden und sie dann auch möglichst rasch wieder hinter mir zu lassen. Das gelingt mir eigentlich immer ganz gut. Ich gehöre auch nicht zu den Darstellern, die ihre Filmfiguren abends mit nach Hause schleppen und darauf bestehen, dass ihre Kinder sie mit ihrem Rollennamen ansprechen. Das finde ich, mit Verlaub, ziemlich pervers und prätentiös.

Haben Sie einen speziellen Rat für junge Kollegen?
Ja: Als Schauspieler solltest du unbedingt sicherstellen, dass du dich mit dem Regisseur verständigen kannst. Du musst nicht immer dieselbe Meinung haben wie er, aber du musst irgendwie in der Lage sein, mit ihm zu kommunizieren – sonst kannst du das ganze Projekt vergessen. Und noch was: Lass dich vom Regisseur oder von einem berühmten Spielpartner nicht einschüchtern. Trau dich, dir in jeder Szene die Zeit und den Freiraum zu nehmen, den deine Filmfigur braucht!

Wie schafft man das?
Da gibt es kein Rezept. Jeder Filmemacher ist anders. In einer idealen Welt wäre der Regisseur eine Art Psychologe, der individuell auf die verschiedenen Darsteller eingeht, sie formt und fördert und unterstützt. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Die meisten Regisseure sind sehr seltsame Vögel mit riesigem Ego, oft noch dazu extrem introvertiert – und als Schauspieler muss man dann Psychologe spielen und mühsam herausfinden, wie man an diese Typen herankommt.

Glauben Sie, dass Regisseure Sie für schwierig halten?
Nein. Sicher, ich fordere viel und sage immer klipp und klar meine Meinung. Aber ich bin ziemlich gut darin, Drehbücher sehr genau zu lesen, die richtigen Fragen zu stellen und den Finger in die Wunden zu legen. Und ich denke, dass die meisten Filmemacher dafür dankbar sind.

Was treiben Sie in Ihrer Freizeit?
Ich bin der totale Sportfreak: immer in Bewegung, immer mit einem Ball in der Nähe. Unter anderem spiele ich Handball, Fußball und Tennis. Ich fahre möglichst viel mit dem Rad und versuche auch sonst, mich fit zu halten.

Und wie verträgt sich das mit dem Rauchen?
Ha! Sie haben mich erwischt! Da sehen Sie’s: Wir Menschen stecken voller Fehler und Widersprüche. Ich bin das beste Beispiel dafür!

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