Das ist das Ende der Aufklärung

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Naturwissenschaftler Rainer Wolf im Interview : „Niemand hat ein Recht auf eigene Fakten“

Warum glauben Menschen so etwas?

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz sagte: „Der Mensch ist das Tier, das den allergrößten Blödsinn glaubt.“ Wir neigen zum Aberglauben, weil wir von Tieren abstammen, und die sind nachweislich abergläubisch. Der Psychologe B. F. Skinner hat mal Tauben in Käfige gesetzt. Zuerst bekamen sie Futter, wenn sie auf einen Schalter drückten. Das haben sie schnell rausbekommen. Danach kamen sie in identische Boxen, wurden aber nach Zufallsprinzip gefüttert. Das Ergebnis war, dass die Tauben nach kurzer Zeit immer wieder die Tätigkeit wiederholten, die sie in dem Moment ausgeführt hatten, als sie Futter bekamen. Die eine putzte sich, die andere hob das Bein. Da wurde eine zeitliche Korrelation fehlgedeutet als Kausalität. Der Witz aber ist: Evolutionär betrachtet ist das eine sinnvolle Verhaltensweise.

Wieso das?

Lebewesen, die nicht in der Lage sind, rational nachzudenken, sind darauf angewiesen, auch im zufälligen Zusammentreffen von Ereignissen einen ursächlichen Zusammenhang zu vermuten, um sich einen Selektionsvorteil zu verschaffen. Man liegt ja nicht immer falsch. Wenn ich einen bestimmten Weg benutze und werde nicht überfallen, dann ist es eine gute Idee, diesen Weg immer wieder zu benutzen. Es könnte doch der Grund für mein Überleben sein. Unsere Gehirne sind evolutionär darauf ausgelegt, Muster in Zufallsmustern zu erkennen.

Die amerikanische Psychologin Gertrude Schmeidler sagte, die Menschen teilten sich etwa 50/50 in Schafe und Ziegen, also in Leute, die eher glauben und Leute, die eher zweifeln.

Wir haben wohl die Anlage zu beidem. Ich würde vermuten, dass es eine große Rolle spielt, wie die persönliche Entwicklung aussieht. Ob man eher zum skeptischen Denken erzogen wird oder in einem Elternhaus oder auch einer Schule groß wird, wo magisches Denken propagiert wird. Dann ist man gegenüber solchen scheinbaren Psi-Phänomenen wesentlich aufgeschlossener.

Kann man skeptisches Denken lernen?

Sicher. Und das ist natürlich auch etwas, was wir mit den Tests fördern wollen. Eine Art Verbraucherschutz, quasi. Von den 60 Leuten, die wir inzwischen getestet haben, sagten nachher allerdings nur vier auf Dauer: Ich habe mich getäuscht. Denen haben wir die größte Hochachtung ausgesprochen. Oft ist es aber wie bei dem Mann, der behauptete, er könne feststellen, ob Obst mit Pestiziden behandelt wurde. In der Nachbesprechung sagte er, er müsse akzeptieren, dass er sich die Fähigkeit wohl suggeriert habe. Aber am nächsten Tag kam eine E-Mail, er habe mit einer höheren Macht Kontakt aufgenommen, und die habe ihm gesagt, er dürfe ruhig weitermachen.

Ist das für Sie nicht wahnsinnig frustrierend?

Ach, wir haben uns daran gewöhnt. Durchschnittlich ein Drittel der Bevölkerung ist überzeugt, dass es paranormale Fähigkeiten gibt, und dass sie diese auch schon selbst erlebt haben. Die kann man durch Gegenbeweise nicht überzeugen. Ein weiteres Drittel ist sich nicht sicher. Diese Leute können wir mit unseren Tests erreichen und zu skeptischem Denken bringen. Ansonsten hat natürlich jeder das Recht, zu glauben oder nicht zu glauben, was er will. Aber niemand hat ein Recht auf eigene Fakten. Alternative Fakten gibt es nicht! Ich finde es schlimm, wie selbstverständlich in der Bevölkerung inzwischen akzeptiert wird, dass der eine dies als Fakt sieht und der andere eben jenes. Das ist das Ende der Aufklärung.

Sie glauben also an eine objektive Wahrheit?

Ja. Allerdings müssen wir auch sehen, dass wir über die objektive Wirklichkeit keine absolut sicheren Aussagen machen können. Die Wissenschaft kann ja nicht mal zweifelsfrei beweisen, dass es den Pumuckl nicht gibt – Negativaussagen lassen sich grundsätzlich nicht beweisen.

Diesen Umstand könnte man gegen Sie verwenden.

Natürlich. Aber in der Geistesgeschichte gibt es Moden, und derzeit ist es eben modern, dass man esoterisch denkt. Doch es wird sich wieder bessern, weil diese vermeintlich alternativen Ideen letztendlich erfolglos sein werden. Wer aus dem Fenster springt, weil er die Schwerkraft anzweifelt, den entfernt die natürliche Selektion.

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