Partnersuche auf Tinder und Co. : Wisch you were here

Als seine Beziehung zerbrach, trank er erst ganz viel Bier – und traf dann mit Dating-Apps monatelang ständig neue Frauen. Irgendwann mochte unser Autor sich selbst nicht mehr.

Jan Kramaryic
Auf der Suche nach dem perfekten Match. Viele Singles versuchen heute, über das Smartphone die große Liebe zu finden.
Auf der Suche nach dem perfekten Match. Viele Singles versuchen heute, über das Smartphone die große Liebe zu finden.Foto: imago/Westeend61

Eine halbe Stunde bevor ich den zarten Stamm unserer selbst gezüchteten Avocadopflanze übers Knie brach, meiner Freundin das Kleinholz ins Gesicht warf und danach ein Foto verspeiste, das sie und mich am Mittelmeer zeigte, aß ich mit ihr gemeinsam zu Abend.

Wir hatten uns Supermarkt-Sushi gekauft und das Küchenradio in unserer kleinen Wohnung eingeschaltet. Hatten eine Kerze angezündet und uns gerade darüber amüsiert, dass unsere Freunde schon gemeinsam die Silvesterfeier planten, obwohl es erst Herbst war. Wir würden da nicht mitmachen, wir waren ein cooles Paar. Wir würden ein Hotelzimmer buchen, essen gehen, Feuerwerk gucken, Sauna, irgendwo, wo nicht viel los ist, aber die Luft gut, Flensburg vielleicht oder Lübeck. Ich hatte mir gerade ein Lachsröllchen in den Mund geschoben, da blinkte ihr Handy auf dem Esstisch, eine Nachricht von einem Mann, den sie unter „Alex!“ gespeichert hatte. Meine Freundin und ich lasen gemeinsam: „Nächste Woche ist dein Freund nicht da?! Nice! Dann melde ich mich von Dienstag bis Donnerstag krank, sind ja eh die ganze Zeit im Bett. Zwinkersmiley, Auberginensmiley, Aprikosensmiley.“

„Nice“, sagte ich. Und lachte dann laut, fast fiel mir das Sushi aus dem Mund. Sie begann zu weinen. Sie sagte, die Affäre laufe schon ein halbes Jahr. Sie habe das Gefühl zu mir verloren, wolle mehr begehrt werden. Irgendwas in meinem Kopf wurde ganz heiß. Sechs Jahre Beziehung, im Studium kennengelernt, jetzt beide in Vollzeitjobs, gemeinsame Wohnung. Bald würden wir die Verhütungsmittel absetzen und dann was Größeres suchen, wie man das macht mit Anfang 30. Das war der Plan, den ich mir ausgedacht hatte.

Mit Anfang 30 lernt man nicht mehr so leicht eine kennen

Das Ende meiner Beziehung markierte am folgenden Morgen ein weißer Umzugswagen, auf den jemand in schiefem Blau „Pisser“ gesprüht hatte. Ich zog aus unserer Wohnung aus, stellte mein Zeug in eine Halle, übernachtete bei Kumpels auf dem Sofa. Vier Wochen schlief ich schlecht, zündete eine Zigarette an der nächsten an, trank mehr Bier als Wasser. Mit Anfang 30 wird’s jetzt schwer, dachte ich. Man ist raus aus der Uni, aus dem Ständig-neue-Leute-kennenlernen-Lifestyle, und die Haare werden schon dünn. Ich brauchte einen Neuanfang. Und installierte Tinder, OkCupid, Bumble und Tastebuds.

Das sind Apps, über die man Männer und Frauen kennenlernen kann. Für ein Bier zu zweit, fürs Tanzengehen, für gemeinsame Filmabende, für Sex natürlich und vielleicht für Liebe. Ich habe sie alle ausprobiert. Ich begann damit vier Wochen nach der Trennung. Viel zu früh, viel zu spät, wer weiß. Fünf Monate lang traf ich Woche für Woche Frauen zu Dates, bis ich mich selbst nicht mehr mochte. Ihre Namen und meinen habe ich für diesen Text verändert.

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