Reise nach Myanmar : Wenn die Ärztin mit in den Urlaub fährt

Malaria, Tollwut und Keime im Speiseeis – bleiben Sie lieber gleich daheim! Oder fragen Sie diese Reiseärztin.

Auf der Hut. Karen Faist begleitet als Ärztin Touristen an exotische Orte wie Bagan.
Auf der Hut. Karen Faist begleitet als Ärztin Touristen an exotische Orte wie Bagan.Foto: Sebastian Leber

Raus aus dem Bus, hoch zur Höhle der 8000 Buddhas. Am Wegesrand haben Händler ihre Stände aufgebaut, bieten Melonenscheiben, Süßes und Teigtaschen an. „Ich seh deinen Blick“, sagt Karen Faist. „Ist bestimmt lecker, aber lass lieber, das bereust du nur.“ Wenn man ihr erklärt, dass man sich eigentlich gar nicht für das Essen interessiert, vielmehr für den Hundewelpen, der da unter einem der Tische im Dreck herumtollt, und dass man sich den gern aus der Nähe angucken und vielleicht kurz streicheln möchte, wird Karen Faists Gesichtsausdruck noch ernster.

Sie meint es ja nur gut. Ist schließlich ihr Job.

In den ersten Tagen der Gruppenreise hat sich die Ärztin arg zurückgehalten. Hier eine Frage beantwortet, dort einen Tipp gegeben. Sie sagt, sie könne sowieso niemanden zu seinem Glück zwingen. Sie könne nur Empfehlungen aussprechen. Und immer schön Feuchttücher und Sonnencreme anreichen.

Beides lässt sich in Myanmar gut gebrauchen. Das ehemalige Burma gilt unter den Staaten Südostasiens als touristisch reizvoll, aber noch wenig erschlossen. Ohne die Dichte an Langnasen, die einem in Vietnam oder gar Thailand begegnen – doch eben auch ohne die bequeme Infrastruktur. Wer auf einer Busreise durch das hügelige Landesinnere Zwischenhalt macht, muss sich im Zweifel mit der Hocktoilette im Hinterhof eines Dorfrestaurants begnügen. Zum Glück hat die Frau auch Sagrotan dabei.

Im Nordwesten wurden hunderttausende Rohingya vertrieben

Karen Faist, 52, ist eigentlich Allgemein- und Reisemedizinerin aus Bonn. Wie 400 andere Ärzte begleitet sie sporadisch Gruppen des Anbieters „Tour Vital“. Das Programm ist für Menschen gedacht, deren Neugier auf exotische Länder zwar groß ist, aber auch deren Sorge, nicht heil von dort zurückzukehren. Der Veranstalter nennt sein Angebot „Komfort Plus“. Bewerbe man die Anwesenheit des Arztes zu offensiv, heißt es, schrecke das auch wieder ab. Weil sich kein Kunde so alt fühle, dass er im Urlaub Teil einer Rollatortruppe sein möchte.

Faist war schon in Indien, Nepal, Iran, Vietnam und Kambodscha. Jetzt eben Myanmar. Nach dem offiziellen Ende der Militärdiktatur hatten viele mit einem Touristenboom gerechnet. Der blieb aus und ist mittlerweile, wegen der aktuellen politischen Lage, auch unwahrscheinlich. Im Nordwesten wurden vergangenes Jahr hunderttausende Rohingya, Angehörige der muslimischen Minderheit, vertrieben, tausende wurden ermordet oder vergewaltigt. Das Regime leugnet die Verbrechen, und seine Propaganda ist so massiv, dass man als Reisender an einheimische Touristenführer gerät, die einem weismachen wollen, es habe überhaupt keine Vertreibungen gegeben – die Rohingya hätten ihre Dörfer selbst niedergebrannt, weil sie gerne nach Europa wollten.

Ob eine Reise nach Myanmar in diesen Zeiten ethisch vertretbar ist, müsse jeder mit sich selbst ausmachen, sagt Karen Faist. Sicher sei Myanmar allemal. Die Gewalt beschränkt sich auf einen Teil des Bundesstaates Rakhaing, dorthin dürfen Ausländer eh nicht.

Wer zum Einkaufen will, nimmt das Teakholzboot

Faists Gruppe fährt zuerst zum Inle-See, dem zweitgrößten des Landes. Tausende Menschen leben hier in Dörfern, die sich komplett auf dem Wasser befinden. Die Häuser stehen auf Stelzen, dünne Planken grenzen die Wasserfläche vom Nachbarsgrundstück ab, als wären es Gartenzäune. Es gibt schwimmende Plantagen zum Tomaten- und Kürbisanbau, wer zum Einkaufen, zum Tempel oder in die Schule will, nimmt das motorbetriebene Teakholzboot.

U Moe So, 69, hat sein ganzes Leben auf dem See verbracht. Er ist bereit, der Gruppe sein Haus zu zeigen. Zwei geräumige Stockwerke, unten läuft im Fernsehen Buddha TV. Oben hocken sich alle im Kreis auf den Fußboden, die Ehefrau serviert Tee. Kurzer Blick zur Ärztin. Sie nickt. Kann man riskieren. U Moe So erzählt, die Fischbestände seien zurückgegangen, inzwischen sei der Tourismus lukrativer, sieben seiner elf Kinder lebten davon. Wobei viele Junge lieber in die großen Städte aufs Festland wollten. Ob das auch für U Moe So eine Option wäre? Der guckt, als wäre es die abwegigste Frage der Welt. Zum Abschied zeigt er das Becken, in dem er neben seinem Stelzenhaus Karpfen züchtet. Der Nachbar hält sich kleine Schweine auf der Veranda.

Mit dem Teakholzboot geht es zur Phaung-Daw-U-Pagode. Die ist berühmt für die fünf kleinen Buddhastatuen in ihrer Mitte. Touristen lieben es, Blattgold an die Figuren zu kleben. Weil sie das schon lange tun, wurden die Buddhas mit den Jahren immer kugelförmiger und unkenntlicher. Inzwischen stehen dort fünf zu groß geratene Ferrero Rocher.

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