Françoise, Frankreich

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Schicksal der Wehrmachtskinder : „Wer hat mir diesen Balg nur aufgehalst“
Gehässige Worte. Françoise (rechts) mit ihrer Mutter und ihrem Bruder J. C., 1942.
Gehässige Worte. Françoise (rechts) mit ihrer Mutter und ihrem Bruder J. C., 1942.Foto: privat

Um nur sieben Wochen verfehlt

Im Dorf Lachapelle-aux-Pots nördlich von Paris verbrachte ich etwa sieben Jahre, zusammen mit meinen Großeltern und meinem Bruder J. C., der zwei Jahre älter war als ich. Er war sehr lebhaft und machte viel Unfug, lauter Dinge, die mir verboten waren. Er badete im Bach, kletterte auf Bäume und pflückte Kirschen. Meine Großmutter fühlte sich durch mich gestört, besonders wenn ich wegen J. C.s Sticheleien jammerte. Sie wurde dann richtig wütend und sagte: „Wer hat mir diesen Balg nur aufgehalst.“ Sie sagte noch andere gehässige Worte, deren Sinn ich nicht richtig verstand.

Eines Abends, ich war fast zwölf, durfte ich etwas länger aufbleiben und plauderte mit Mama. Plötzlich meinte sie ziemlich unwirsch und mit kühler Miene, ich solle nicht länger auf J. C. eifersüchtig sein. Sie müsste viel mehr für ihn tun als für mich, denn er sei schließlich der Sohn von Papa und ich nur ihre Tochter. Rumms! Welch ein Schock. Ich glaube, dass ein breites Lächeln über mein Gesicht huschte, als sie mir sagte, dass mein richtiger Vater ein deutscher Offizier war, ein Ingenieur der Wasser- und Forstwirtschaft. Diese Offenbarung erklärte vieles, was ich nie verstanden hatte, besonders was das Verhalten meiner Großmutter betraf. Auch meine Einstellung Papa gegenüber verstand ich nun. Ich fühlte mich erleichtert, befreit von den Schuldgefühlen, die ich oft empfand und die mich belasteten.

Allerdings hatte meine Mutter im Laufe der Zeit leider nur noch Augen für ihren Sohn, mich dagegen bedachte sie mit Bemerkungen wie: „Wegen dir …“, oder auch „Ich habe dafür bezahlt, dass ich dich zur Welt brachte“.

Ich kann nicht beschreiben, wie sehr ich seine Stimme hören wollte

Mit etwa 60 Jahren erfuhr ich, dass ich eine genetisch bedingte Krankheit habe. Eines Sonntags, ich besuchte meine Mutter, die mittlerweile 83 Jahre alt war, sprachen wir darüber. Sie griff sich ein Stück Karton, kritzelte etwas darauf und sagte: „Nimm das, du wirst es vielleicht eines Tages brauchen.“ Ich erkannte den Namen Otto, stammelte etwas, steckte das Papier in meine Tasche und machte eine unbeteiligte Miene. Zu Hause habe ich immer wieder gelesen, was auf dem Karton geschrieben stand: Otto N., geboren 1913 in Pirmasens (in Rheinland-Pfalz). Meine Mutter hatte bestimmt schon oft daran gedacht, mir diese Zeilen aufzuschreiben. Vielleicht 1962, als ich ein Baby bekam mit einer nicht identifizierbaren Anomalie? Dieses Kind hat nicht überlebt, sie sprach damals von einer unbekannten Erbanlage.

Die neuen Informationen kreisten gut ein halbes Jahr lang in meinem Kopf, mit all den tiefen Gefühlen, die sie in mir auslösten. Ich kann nicht beschreiben, wie groß mein Bedürfnis war, diesem Mann zu begegnen, ihn zu berühren, seine Stimme zu hören.

Mein Mann war vor ein paar Jahren verstorben, ebenso meine Patentante. So entschied ich, allein nach Pirmasens zu fahren. Meine Mutter konnte mich nicht begleiten, auch wegen ihres hohen Alters. Ich hatte niemals mit ihr über dieses starke Bedürfnis gesprochen, meinen richtigen Vater kennenzulernen. Ich fuhr nach Pirmasens und ging mit meinem Stückchen Karton zum Rathaus. Meine fehlenden Deutschkenntnisse versuchte ich mit viel Freundlichkeit auszugleichen. Die Damen suchten in verschiedenen Verzeichnissen und gaben mir zu verstehen, dass Otto in Pirmasens geboren worden war. Ich verstand auch, dass er im August 1991 im Krankenhaus in Pirmasens verstorben und in der Stadt beigesetzt worden war. Ich kam zu spät. Es war Ende September 1991. Ich hatte ihn um nur sieben Wochen verfehlt. Ich grämte mich, dass ich mich nicht früher auf den Weg gemacht hatte. Wie ein Roboter stieg ich in mein Auto und fuhr zurück nach Frankreich. Immer wieder stellte ich mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich sieben Wochen früher gekommen wäre.

Ich wäre den Flur entlanggegangen zu seinem Zimmer und wäre leise eingetreten.

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