Ein Hammer von Film aus Deutschland

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Tagesspiegel-Filmredakteur Jan Schulz-Ojala : Meine Filme für immer
"Lost in Translation". Bob Harris (Bill Murray) und die hübsche Charlotte (Scarlett Johansson) erforschen gemeinsam die japanische Metropole Tokyo.
"Lost in Translation". Bob Harris (Bill Murray) und die hübsche Charlotte (Scarlett Johansson) erforschen gemeinsam die japanische...Foto: dpa

2002: DER MANN OHNE VERGANGENHEIT

Quicklebendig sind die Toten und mausetot die Lebenden in Aki Kaurismäkis neuzeitlichem Märchen um einen Namenlosen, der am unteren Rand der Gesellschaft eine zweite Chance erhält. Zu Tode getrampelt von Fremden auf dem Bahnhof von Helsinki, springt er topfit von der Bahre, nur das Gedächtnis hat er verloren. Aber wozu Vergangenheit, wenn es die Gegenwart gibt? Und einen Schutzengel für immer, gespielt von Kaurismäkis göttlicher Dauerheldin Kati Outinen.

2003: LOST IN TRANSLATION

Zauberaugenblicke ohne Ende in diesem Tokio-Traumstück von Sofia Coppola: Wie der Blick von Scarlett Johansson plötzlich tiefer wird, als Bill Murray in der Karaoke-Szene „More Than This“ singt. Oder das Schweigen der beiden danach in dem Nebenraum, sein Zug an ihrer Zigarette, ihr Kopf an seiner Schulter. Und erst der Abschied: Was er ihr da wohl ins Ohr flüstert? Einmal habe ich, für ein Stadtmagazin, dabei mitgeraten, und einmal sogar, für eine Fotostrecke mit Kritikerkollegen, wie Bill Murray im Bademantel auf einer Hotelbettkante posiert – skrupellos! Was man nicht alles macht für einen Film, den man liebt.

2004: GEGEN DIE WAND

Fatih Akin war erst 30, als er seinen bereits vierten Kinofilm drehte, seinen radikalsten bis heute, lebenssüchtig und selbstzerstörungswütig zugleich. Birol Ünel und Sibel Kekilli geben in diesem rasenden Reigen um Suizidversuche, eine Scheinehe, Totschlag, schüchtern keimende Liebe und extreme Verwahrlosung alles. Befeuert wird das mit dem Goldenen Berlinale-Bären belohnte Melodram besonders durch die fundamentale Rebellion der jungen Frau gegen ihre konservativen türkischen Eltern. Ein Hammer von Film aus Deutschland, und bleibend aktuell.

2005: DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN

Im Erstling der derzeit so vielgefeierten Maren Ade steckt schon alles, was ihre bisher drei Filme antreibt: Einsamkeit, das Fremdeln mit dem gesellschaftlichen Funktionierenmüssen und die Einladung zur Stellvertreterscham. Peinigend folgerichtig macht die von Eva Löbau verkörperte schwäbische Junglehrerin Melanie Pröschle so lange alles falsch, weil sie immer alles richtig machen will, bis sie jeden beruflichen und privaten Anschluss verliert. Und das stille Ende bleibt mir für immer.

2006: CAPOTE

Seine erste Hauptrolle gab der längst erwiesen geniale Nebendarsteller Philip Seymour Hoffman zwar schon als spielsüchtiger Bankangestellter in „Owning Mahowny“. Der fistelstimmige Dichter-Dandy Truman Capote in Bennett Millers Porträt aber war die – bald oscarprämierte – Rolle seines Lebens. Eitel und einsam, abstoßend und anrührend geht der Held durch die Jahre der Recherche für „Kaltblütig“, und mühelos verschmilzt sein Alter Ego alle Widersprüche zu einer kohärenten Figur. Vor drei Jahren ist Philip Seymour Hoffman an einer Überdosis gestorben, mit 46, ein Unsterblicher des Kinos.

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