Kaugummi Kauen kann zum Problem werden

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Besondere Begabungen : Wie Autisten in der Wirtschaft Erfolge feiern
Thomas Auer an seinem Arbeitsplatz in der bayerischen Pfandbriefbank. Er ist Autist.
Thomas Auer an seinem Arbeitsplatz in der bayerischen Pfandbriefbank. Er ist Autist.Foto: Andreas Heddergott

Bei Auticon machen sie es umgekehrt. Bevor Coaches wie Dieter Hahn einen Mitarbeiter vermitteln, sensibilisieren sie dessen künftige Kollegen. Dass vielen Autisten Blickkontakt unangenehm ist, lernen die dann zum Beispiel. Und Kaugummi kauen zum Problem werden kann: Autisten sind sehr geräuschempfindlich.

Auch Smalltalk und Höflichkeitsfloskeln darf man von einem Autisten nicht erwarten. „Teilt eine Kollegin unter Tränen mit, dass sie entlassen wird, kann es vorkommen, dass der Autist schlicht entgegnet: ’Du hast noch meinen Kugelschreiber.’“, sagt Hahn. „Wir waren sehr neugierig, wer da kommt“, sagt Thomas Auers Abteilungsleiter über die erste Begegnung. „Und dann positiv überrascht.“

Autismus gilt als kognitive Behinderung. Doch behindert wirkt an Thomas Auer wenig. Bloß manchmal, wenn er sich besonders konzentriert, beginnen seine Augenlider leicht zu flattern. Das sieht dann vielleicht etwas seltsam aus.

Autisten sind Teamplayer

Autisten sind nicht egoistisch: Ihre Ergebnisse teilen sie gerne mit anderen. „Selbst, wenn sie sich dadurch überflüssig machen“, sagt Hahn.

Wie denkt ein Autist? Das wird Dieter Hahn oft gefragt. Dann holt er die Zeichnung mit dem Tannenzweig hervor. „Wir sehen den Zweig“, sagt er. „Der Autist sieht einen Hauptast à 400, zwei mittlere à 200 und drei kleine Äste à 100 Nadeln.“

So hilfreich das sein kann, so schwer macht es das für das Umfeld oft, das Handeln des Autisten zu verstehen. „Mein vorheriger Chef hat oft geschimpft“, sagt Thomas Auer. „Alles Mist, was Du machst.“

Auch sein jetziger Chef war anfangs irritiert, wenn er eine Liste von ihm zurückbekam, gibt er zu. „Die war dann kunterbunt.“ Thomas Auer würde einen Rechtschreibfehler niemals in der gleichen Farbe markieren wie einen Zahlendreher. Womit viele Arbeitnehmer bei der Bewerbung kokettieren, das trifft auf ihn tatsächlich zu: Er ist zu perfektionistisch.

Er korrigiert auch ungefragt

„Ich kann schwer loslassen“, sagt er. Und er korrigiert auch ungefragt. Seine Kollegen haben deshalb gelernt, die nicht relevanten Spalten der Excel-Tabelle auszublenden, bevor er sie bekommt. Er würde sonst auch die untersuchen. Wo das nicht geht, sind klare Ansagen gefragt: „Die Variablen kannst du ignorieren“, sagt sein Chef im Mittagsmeeting. Thomas Auer nickt.

Nicht alle Autisten haben eine mathematisch-analytische Begabung. Es gibt auch musische Talente. Auticon aber fördert ausschließlich Analysten. Thomas Auer hat durch einen Zeitungsartikel von der Standortgründung in München erfahren. Und ein mehrtägiges Auswahlverfahren durchlaufen. „Auticon ist kein sozialer Verein, sondern ein Unternehmen, das Gewinn machen will“, sagt Hahn. „Wir machen hier keine Beschäftigungstherapie.“

Das gefällt denen, die sich angesprochen fühlen. Immer mehr Menschen schicken ihre Bewerbungen. Auticon zahle branchenüblich, sagt Hahn. Deutschlandweit gibt es inzwischen knapp 40 Consultants in München, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Stuttgart. In Hamburg und Braunschweig sind Standorte in Planung.

Freizeit? Er studiert

Thomas Auer treibt seine Karriere derweil weiter voran. Wenn er abends den Rechner runterfährt und seinen Rucksack schultert, um zu seinen Eltern zurück nach Weilheim zu fahren, hat er bereits neue Zahlen im Kopf: Parallel zu seinem Job absolviert er ein Fernstudium. Bis in die Nacht sitzt er über den Büchern und lernt.

Ende des Jahres geht das Projekt, an dem er bei der Pfandbriefbank arbeitet, zu Ende. Im Januar 2015 warten dann anderswo neue Herausforderungen auf ihn.

Ein anderer Consultant hingegen hat sich entschieden, nicht länger für Auticon zu arbeiten, erzählt Dieter Hahn enttäuscht.

„Die Firma, in der er zuletzt eingesetzt war, hat ihn abgeworben.“

Auch das gehört zur Inklusion.

Der Text erschien in der Tagesspiegel-Ausgabe vom 3. Dezember 2014. Das Inklusion-Spezial können Sie als ePaper kaufen. Die wichtigsten Fragen zum Thema Behinderung beantworten wir hier in aller Kürze.

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