Wirtschaft : Börsencrash in Asien kostet Milliarden

In Japan und China brechen die Aktienmärkte erneut ein. Auch die deutschen Anleger müssen mit weiteren Verlusten rechnen

Stefan Kaiser

Berlin – Die Krise an den Aktienmärkten ist offenbar größer als erwartet und bringt nun auch geplante Börsengänge in Gefahr. Nachdem bereits in der vergangenen Woche weltweit 1500 Milliarden US-Dollar an Börsenwert vernichtet wurden, brachen die Finanzmärkte in Asien und Europa am Montag erneut ein. Die asiatischen Börsen gaben den Weg nach unten vor: In Japan verlor der Leitindex Nikkei 3,3 Prozent, in Hongkong brach der Hang Seng sogar um vier Prozent ein. Der Deutsche Leitindex Dax sank zeitweise um 2,5 Prozent und rutschte unter die Marke von 6500 Punkten. Zum Handelsschluss notierte er ein Prozent im Minus bei 6534 Punkten – so niedrig wie noch nie in diesem Jahr. Die Nebenwerte traf es wie schon in der vergangenen Woche noch deutlich stärker.

„Der Kursverfall geht im Moment mit einer enormen Geschwindigkeit vonstatten“, sagte Aktienhändler Florian Weber vom Wertpapierhandelshaus DKM dem Tagesspiegel. „Wenn wir Pech haben, geht der Markt nochmal ein paar hundert Punkte nach unten.“ Weber sieht auch eine Gefahr für die Unternehmen, die jetzt an die Börse streben. „Die Luft wird dünner“, meint der Aktienhändler. „Es wird schwieriger, Geld an der Börse einzusammeln.“ Für Mittwoch plant der Werkzeughändler Kromi sein Debüt auf dem Parkett. „Im vorbörslichen Handel sehen wir derzeit keinerlei Nachfrage für die Aktie“, sagte Weber. Die Erträge der Anleger seien geschrumpft. Deshalb bleibe weniger Geld für Börsenneulinge übrig. Der Karstadt-Quelle-Konzern kündigte am Montag an, den eigentlich für 2007 geplanten Börsengang seiner Versandhandelstochter Neckermann auf das kommende Jahr zu verschieben. Als offiziellen Grund nannte ein Sprecher allerdings nicht das schwache Börsenumfeld, sondern das für 2007 zu erwartende gute Geschäftsjahr, das den Börsengang im nächsten Jahr attraktiver machen soll.

Die meisten Analysten zeigten sich am Montag vom Ausmaß der Turbulenzen an den Börsen überrascht. „Der Markt ist angeschlagen“, sagte Wolfgang Albrecht, Aktienstratege der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). „Die Verunsicherung ist weltweit da.“

Die größte Gefahr geht derzeit von der schwächelnden US-Konjunktur und den labilen Finanzmärkten in Asien aus. Ein Kurssturz von fast neun Prozent an der Börse in Schanghai hatte die Krise am vergangenen Dienstag ausgelöst. Nun sorgen sich die Experten vor allem um den japanischen Markt und die ungewöhnliche Stärke der Landeswährung Yen. „Die Anleger hatten sich in der Vergangenheit sehr stark in Yen verschuldet und lösen diese Geschäfte nun auf“, erklärt Mauro Toldo, Volkswirt bei der Deka-Bank. Vor allem kurzfristig agierende Hedgefonds spielten dabei eine Rolle. „Eine Kettenreaktion kann man nicht ausschließen“, warnt der Volkswirt. Er gehe allerdings davon aus, dass sie nicht komme.

Bundeswirtschaftsminsiter Michael Glos (CSU) kann dem starken Yen auch positive Seiten abgewinnen: „Es ist vor allen Dingen gut für die deutsche Automobilindustrie“, sagte Glos. Die japanischen Autobauer hätten der deutschen Branche Sorgen gemacht.

Die Märkte in Asien, aber auch in Europa, waren in den vergangenen Monaten schnell und steil gestiegen – zu steil, wie die meisten Experten meinen. „Die Korrektur war daher gerechtfertigt“, sagt Toldo. „Wir rechnen aber damit, dass sie eine vorübergehende Episode ist.“

Davon gehen die meisten Experten auch für den deutschen Markt aus. „Das Gröbste ist überwunden“, meint LBBW-Analyst Albrecht. Auch Volker Borghoff von Trinkaus & Burghardt sieht „gute Chancen, dass wir den Tiefpunkt bald erreicht haben.“ Die Experten verweisen auf den Mai vergangenen Jahres, als der Dax innerhalb weniger Wochen mehr als zehn Prozent seines Wertes verlor und danach zum steilen Anstieg ansetzte. Er hielt bis zur vergangenen Woche an.

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