Bytedance : Das Milliarden-Start-up, das hinter der Teenie-App TikTok steht

Facebook und Instagram war gestern; heute nutzen Jugendliche TikTok. Die App hat weltweit Erfolg. Doch gerade in den USA stößt das soziale Netzwerk auf Kritik.

Ning Wang
Die App TikTok ist bei Jugendlichen auf der ganzen Welt beliebt.
Die App TikTok ist bei Jugendlichen auf der ganzen Welt beliebt.Foto: REUTERS

Gerade mal 29 Jahre alt war Zhang Yiming, als er das von ihm gegründete Internet-Technologieunternehmen Beijing Bytedance Technology – oder kurz: Bytedance – 2012 in Peking an den Start ging. In den Augen der Nutzer seiner derzeit erfolgreichsten App TikTok war er damit schon steinalt. Ein Erwachsener eben, von dem man denkt, dass er hauptsächlich Fotos, Videos oder Nachrichten auf Facebook, Youtube oder Instagram teilt.

Trotzdem ist es Zhang gelungen, eine der weltweit erfolgreichsten Apps für Teenager zu entwickeln. Mit TikTok nimmt man sich selbst beim Tanzen oder Singen auf, erstellt kurze mit Musik unterlegte Videos von 15 Sekunden Länge und teilt dies nicht nur mit seinen Freunden, sondern gleich mit der ganzen Welt. Damit traf TikTok den Nerv der Zeit und schlug bei den Teenagern in Nordamerika und Europa wie eine Bombe ein.

Seit Juni 2018 ist TikTok unter den vier am häufigsten heruntergeladenen Apps weltweit, vor Instagram oder Snapchat. Mittlerweile wird die App von mehr als einer halben Milliarde Kunden in mehr als 150 Ländern genutzt. Die Verweildauer liegt im Schnitt bei 52 Minuten, während sie bei Facebook bei 56,5 Minuten liegt.

Den internationalen Durchbruch schaffte der Selfmade-Milliardär Zhang, der mit einem geschätzten Vermögen von 16,2 Milliarden Dollar zu den zehn reichsten Männern Chinas gehört, nicht selbstständig. 2018 erwarb Bytedance den Wettbewerber aus Schanghai Musical.ly. Die Nutzer dieser Apps können ihre Lippen wie beim Karaoke zu Songs bewegen und diese dann als Kurzvideos teilen.

Mittlerweile ist die App in Deutschland genauso wenig wegzudenken wie aus dem Alltag von US-Jugendlichen. Eine Milliarde Dollar soll Zhang dafür bezahlt haben. Sehr schnell entwickelte Bytedance die App weiter und gewann damit noch mehr Nutzer.

Junge Publikum, hohe Werbeeinnahmen

Künstliche Intelligenz bestimmt darüber, welche Videos viral gehen. Anders als bei bisherigen sozialen Medien entscheidet nicht die Zahl der Follower, sondern ein Algorithmus. Dass sich viele Stars wie US-Musiker Nick Jonas von den Jonas-Brüdern und Influencer wie die Zwillinge Lisa und Lena aus Deutschland auf TikTok tummeln, hat vor allem damit zu tun, dass die Reichweiten und damit die Werbeeinnahmen attraktiver sind. Auch das Alter der Zielgruppe spielt eine Rolle. Über die Hälfte der Nutzer von TikTok soll demnach unter 24 und ein Viertel unter 19 Jahren alt sein.

Der Umsatz von TikTok lag im vergangenen Jahr zwischen sieben und 8,4 Milliarden Dollar, schätzen Branchenkenner. Zum ersten Mal konnte Bytedance im Juni einen Gewinn ausweisen und hob daraufhin seine Umsatzziele für das Gesamtjahr von 100 Milliarden Yuan (12,8 Milliarden Euro) auf 120 Milliarden an.

So sieht das Interface von TikTok aus.
So sieht das Interface von TikTok aus.Foto: imago images/Hollandse Hoogte

Geld wird bisher vor allem mit Anzeigen und mit chinesischen Apps verdient. Wie etwa mit Douyin, der chinesischen Variante von TikTok und einer der beliebtesten Apps unter Schülern. Auch mit einem integrierten Münzsystem generiert TikTok Einnahmen. Nutzer können damit ihren Freunden Geschenke machen. Gestartet ist Bytedance aber mit Toutiao, ein Newsfeed, der Schlagzeilen von mehr als 4000 Webseiten zusammenträgt.

Die Nutzer wählen selbst, welche Themen sie interessant finden, und bekommen sie dann gezielt angezeigt. Mit all diesen Angeboten ist Bytedance zu einem der größten Wettbewerber von Techgiganten wie Tencent aufgestiegen. Bis August hatte Douyin bereits 225 Millionen aktive Nutzer, Toutiao sogar mehr als 250 Millionen. Laut Marktforschungsinstitut QuestMobile ist das ein Anstieg um mehr als das Vierfache in einem Jahr.

Damit steht Zhang im harten Wettbewerb mit den großen Technologiekonzernen, wie Baidu (Chinas Google) und Tencent (Chinas Internetgigant für Apps, Spiele, Streamingdienste). Mit Tencent-Gründer Pony Ma, der Ende Oktober 48Jahre alt geworden ist, liefert er sich regelmäßig einen Schlagabtausch.

Bytedance eröffnet Büro in Berlin

Tencent hat darauf mit der Kurzvideo-App Weishi reagiert. Diese zählte jedoch lediglich rund 50 Millionen aktive Nutzer, also weniger als ein Viertel von Douyin. Und auch Chinas Suchmaschine Baidu hatte zuletzt täglich nur 189 Millionen Nutzer, sodass das Nettogewinn im dritten Quartal dieses Jahres um 35 Prozent auf 4,4 Milliarden Yuan gefallen ist.

Bytedance ist hingegen mit einer Bewertung von 75 Milliarden Dollar zu einem der wertvollsten Start-ups der Welt aufgestiegen. Inzwischen hat Bytedance immer mehr TikTok-Büros weltweit eröffnet, so zuletzt in Berlin, registriert am Amtsgericht Charlottenburg, um näher an ihren Werbekunden zu sein. Aber auch, weil sie dort Talente anwerben können.

Minderjährige Nutzer unzureichend geschützt?

„Wir konzentrieren uns derzeit auf die Einführung von TikTok im deutschsprachigen Raum, um Nutzerwachstum zu steigern, aber auch auf den Aufbau erster Geschäftsbeziehungen und darauf, die Einführung einiger Produkte zu testen. Noch befinden wir uns in einer frühen Phase, da wir unser Büro in Berlin erst vor sieben Monaten eröffnet haben“, sagt Gudrun Herrmann, Leitung Unternehmenskommunikation für Deutschland, Österreich und die Schweiz für Bytedance.

In den USA musste sich TikTok zuletzt gegen Vorwürfe wehren. Die wachsende Beliebtheit von TikTok hat es zu einem Rivalen für Facebook und Instagram gemacht und damit auch die Aufmerksamkeit von US-Senatoren auf sich gezogen. Vergangene Woche hat die US-Regierung eine nationale Sicherheitsüberprüfung von TikTok eingeleitet. Unter anderem wird Bytedance vorgeworfen die Daten von minderjährigen Nutzern nicht ausreichend zu schützen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg beschuldigte TikTok zuletzt, politische Inhalte zu zensieren. Tatsächlich wurden auf TikTok die Proteste in Hongkong der vergangenen fünf Monate so gut wie nicht erwähnt.

Gestartet mit einem Kapital von drei Milliarden Dollar von Softbank aus Japan möchte Zhang jetzt an der Börse neues Kapital einsammeln. Doch dem Software-Ingenieur fehlt ein CFO. Selbst wenn er einen Finanzexperten findet, könnte es bis Mitte 2020 dauern, bis Bytedance den Börsengang realisiert. Es ist höchste Zeit, dass etwas passiert, denn zum ersten Mal in der Firmengeschichte sind die Downloads im 3.Quartal gefallen.

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