Der Schneesturm : Wie das Kokain nach Berlin kommt

24.000 Lines am Tag allein in der Hauptstadt. Kriminalisten sagen, es wird so viel Kokain verkauft wie nie. Über das Darknet oder per Lieferdienst. Dahinter steht eine komplexe Lieferkette.

Das weiße Pulver wird oft mit einem Schein oder einem anderen Röllchen geschnupft. Die Folgen können fatal sein.
Das weiße Pulver wird oft mit einem Schein oder einem anderen Röllchen geschnupft. Die Folgen können fatal sein.Foto: Lehtikuva Jussi Nukari/ dpa

Ein Anruf, eine kurze SMS, ob er Zeit habe, und er stieg ins Auto. Tippte „wo bist du?“, wartete die Antwort ab. „Ok. Bin in 30 Minuten da.“ Unter der Woche lieferte Adrian F. von zwölf Uhr mittags bis drei Uhr nachts, am Wochenende eine Stunde länger. Immer auf Abruf, immer unterwegs quer durch Berlin. Studenten wählten seine Nummer, Unternehmer, Künstler. Was der 23-Jährige ihnen zu einer Bar oder zur Haustür brachte, war Koks.

Für diesen ganz speziellen Lieferservice wurde Adrian F. zusammen mit Bünyamin K. (24) und Rabia K. (24) vor gut einem Monat zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Anfang 2017 hatten sich die gelernten Maler und Lackierer überlegt, wie sie viel schneller an viel mehr Geld kommen könnten. Einen Monat später hatten sie 90 Kunden, trafen sie 456 Mal, verdienten rund 18.000 Euro. Dann schnappte sie die Polizei.

Weltweit wird so viel Kokain verkauft wie nie

In Berlin gibt es etliche „Koks-Taxis“. Ein Drogenvertrieb ganz eigener Art. Wie viele es sind, kann die Polizei nicht sagen, aber die Kuriere haben wohl alle gut zu tun. Laut Kriminalexperten wird weltweit so viel Kokain verkauft und konsumiert wie nie zuvor. Allein hierzulande haben Polizei- und Zollbeamte im vergangenen Jahr rund acht Tonnen sichergestellt, etwa viermal so viel wie 2016. „Die weltweiten wie nationalen Sicherstellungsmengen und andere Indizien sprechen dafür, dass Europa mit Kokain überschwemmt wird“, sagt Christian Hoppe, der beim Bundeskriminalamt (BKA) für Rauschgiftbekämpfung zuständig ist. Die Entwicklung nennt er „dramatisch“.

Das BKA führt den Boom unter anderem darauf zurück, dass die Anbauflächen – vor allem in Kolumbien – stark ausgeweitet wurden und deswegen Unmengen vorhanden sind. Meist wird Kokain aus Südamerika auf dem Seeweg nach Europa verschifft. In Containern mit legaler Frachtware, was hin und wieder auffliegt, wenn Aldi-Mitarbeiter in Bananenkisten plötzlich päckchenweise weißes Pulver finden. Es kommt in schwimmfesten Behältern, die mit GPS-Sendern in Hafennähe abgeworfen und von Mittätern auf kleinen Booten abgeholt werden. Oder die Droge wird als Diplomatengepäck getarnt. Erst vor zwei Tagen nahmen Berliner Fahnder am brandenburgischen Scharmützelsee den mutmaßlichen Drahtzieher eines groß geplanten Schmuggels dieser Art fest.

Auch Bodypacker sind unterwegs

Es ist eine hochkomplexe Logistik entstanden, mit immer raffinierteren Methoden. Und lebensgefährlichen. Körperschmuggler schlucken Kokain in kleinen Latexbeuteln, die sie im Zielland ausscheiden. Mal sind es 50, mal 90. Platzt auch nur einer, kann der oft bitterarme „Bodypacker“ innerhalb von Sekunden an einer Überdosis sterben. Am Frankfurter Flughafen wurde schon eine junge Frau aus Bogotá festgenommen, der Brustimplantate mit einem Kilo Koks eingesetzt worden waren.

Dass kein Aufwand, keine Risiken gescheut werden, hat für Olaf Schremm, Drogendezernatsleiter beim Landeskriminalamt Berlin, einen simplen Grund: „Es ist eben eines der profitabelsten Geschäfte überhaupt.“ Momentan sei es sogar so profitabel, dass der Markt riesige Verluste verkrafte. Im Hamburger Hafen hat der Zoll im vergangenen Jahr eine Rekordmenge von 3,8 Tonnen beschlagnahmt, was einem Wert von 800 Millionen Euro entspricht. Ähnlich sah es in Antwerpen und Rotterdam aus. Doch anders als früher würden solche Erfolge des Zolls die Preise, die Qualität und die Versorgung kaum beeinflussen. Im Gegenteil: Das Kokain wird sogar weniger gestreckt. „Das heißt, es wird permanent nachgeliefert“, sagt Schremm.

Berliner ziehen sich im Schnitt 24.000 Lines am Tag rein

Eine Abwasseruntersuchung des Schweizer Instituts Eawag ergab: Die Berliner koksen am liebsten in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Im Schnitt ziehen sie sich täglich 24.000 Lines rein. Es ist die Droge, die nach Cannabis und Heroin am häufigsten konsumiert wird – wenn auch oft nur gelegentlich. Zum Ausgehen, Feiern, was nicht zuletzt auch die vielen Touristen aus aller Welt anzieht. Obwohl der Konsum mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, kaufen eher die Älteren, die Besserverdienenden Kokain, das mit mindestens 50 Euro für ein Gramm nicht günstig ist. „Es ist ein bisschen die Juppie-Droge“, sagt Schremm in seinem Büro. „Und die der Leistungsgesellschaft.“

Die Fahrer der Koks-Taxis nehmen für ihren Service sogar das Doppelte, was die Kunden akzeptieren. „Die, die Kokain schnupfen, wollen spätabends nicht in den Görlitzer Park gehen und da einen Dealer ansprechen“, sagt Schremm. Deswegen werde auch nur wenig auf der Straße verkauft – und wenn, dann zusammen mit anderen Drogen. Der Handel per Lieferdienst ist weniger schmuddelig, weniger gefährlich. „Es fühlt sich nach einem halb legalen Geschäft an“, sagt Schremm. Was seinen Preis hat.

Die Kriminalbeamten sind auf Hinweise angewiesen

Da der Handel in Berlin so unsichtbar abläuft, haben es die Ermittler schwer. Sie sind auf Hinweise von Informanten angewiesen, wie es bei der Verhaftung von Adrian F. der Fall war. Oder auf Zufälle. Auf Glück. Vor zweieinhalb Wochen hielten zwei Polizisten einen 22-jährigen Autofahrer an, weil er auf dem Kurfürstendamm mehrmals verkehrswidrig überholte. Weil er keine Papiere bei sich hatte und sich seltsam verhielt, durchsuchten sie ihn und fanden letztlich 150 kleine Plastikröllchen im Wagen. Ein Drittel gefüllt mit Koks.

Ähnlich mühsam sind die Ermittlungen beim zweiten Vertriebsweg: dem Darknet. Dort werden Drogen anonym bestellt und per Post geliefert. „Auch das ist ein Riesenproblem“, sagt Schremm, „uns fehlen dafür technische Mittel und das technische Know-how“. Das BKA hat zwar schon eine eigene Abteilung für Cyberkriminalität, doch auch dort sind die Beamten darauf angewiesen, dass irgendwer einen Fehler macht oder dass anderen Behörden etwas auffällt.

Die Ermittlungen zu dem Berliner Dealer Ryo Y. hatte das US-amerikanische FBI in Gang gebracht. Der 43-Jährige lebte in Prenzlauer Berg und verkaufte von dort unter anderem Koks im Darknet. Sein Erlös: 1,3 Millionen Euro. Dafür hat er kürzlich sechs Jahre Haft bekommen. Insgesamt fasste die Berliner Polizei im vergangenen Jahr 960 Tatverdächtige, die Kokain schmuggelten, besaßen, damit handelten. „Von daher gibt es schon ein Entdeckungsrisiko“, sagt Schremm. Doch es ist gering.

Polizei und Zoll können nicht jeden Container kontrollieren

Auch bei den Großfunden wird nur ein minimaler Teil entdeckt, vielleicht fünf, höchstens zehn Prozent. Experten gehen davon aus, dass jährlich mindestens 150 Tonnen nach Europa verfrachtet und für sechs Milliarden verkauft werden, ohne dass der Zoll oder die Polizei davon etwas mitbekommen. Wie sollten sie auch. In Hamburg stehen über das Jahr verteilt unzählige Container. „Wenn man da jeden kontrollieren würde, würde das den Wirtschaftskreislauf in ganz Europa völlig zum Erliegen bringen“, sagt Schremm. Das wissen auch die Täter. Was dem BKA auffällt: Neben der italienischen Mafia wird die albanische in Deutschland immer mächtiger.

Wie viel Geld Kokain einbringt, ist immerhin immens. Vom Erstverkauf eines Kartells in Südamerika für etwa 3000 Euro das Kilo bis zum Taxi-Anruf in Berlin kann sich der Gewinn laut dem BKA um den Faktor 280 vergrößern – auf Hunderttausende. Oder anders gesagt: Der Preis für ein Gramm Gold liegt bei 34,50 Euro. Ein Gramm Koks kostet mehr.

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