Bouchégärten : Käufer warten über ein Jahr auf ihre Wohnungen

Ein Bauvorhaben in Alt-Treptow ist in Verzug geraten – das kann zur Existenzfrage werden.

Noch unfertig: die Bouchégärten in Alt-Treptow
Noch unfertig: die Bouchégärten in Alt-TreptowFoto: Archigon Projektentwicklung und Baubetreuung

Sie sitzen schon seit Monaten auf gepackten Koffern und können nicht in ihre gerade gekaufte Neubauwohnung einziehen. Der Grund: Die Bauarbeiten sind immer noch nicht abgeschlossen. So geschehen bei dem Projekt Bouchégärten der Archigon in Alt-Treptow direkt am ehemaligen Berliner Mauerstreifen. Für viele junge Familien ist das eine missliche Situation. Allmählich gehen Geld und Geduld zur Neige.

Das ambitionierte Bauvorhaben mit 276 Wohnungen zwischen Landwehrkanal und Treptower Park ist erheblich in Verzug geraten. Eigentlich sollten die ersten Neusiedler schon vor weit mehr als einem Jahr in ihre Wohnungen einziehen. Sie warten immer noch. Vor Ort an Bouchéstraße, Harzer Straße und Mengerzeile hämmert es ununterbrochen, Fensterprofile werden verstaut, Betonmischer rotieren unentwegt, Balkone erhalten frischen Außenputz, Rohrleger sind am Werk.

Der gesamte siebengeschossige Häuserkomplex mit einer Bruttogeschossfläche von 36 810 Quadratmetern ist massiv eingerüstet. Die geplanten grünen Innenhöfe gleichen bislang noch verstaubten Lagerplätzen für Baustoffe. Lediglich die Tiefgarage kommt optisch ihrem späteren Zustand schon etwas nahe. Dass in den nächsten Wochen die ersten Erwerber ihre Wohnung in Beschlag nehmen können, erscheint angesichts der kolossalen Baustelle kaum vorstellbar.

Ähnliche Probleme gab es bei Vorzeigeprojekt Möckernkiez

Dass in Berlin Bauvorhaben nicht wie geplant termingerecht fertig gestellt werden können, ist lange bekannt. Das betrifft Kitas, Opernhäuser, einen Flughafen und nicht zuletzt Wohnungen. Wenn in einem solchen Fall die Käufer viel Geld gezahlt und womöglich schon ihre alte Bleibe gekündigt haben oder die doppelte finanzielle Belastung nicht einkalkuliert haben, können Bauverzögerungen wie in Alt-Treptow für sie zur Existenzfrage werden.

Ähnliche Probleme gab es bei einem anderen Vorzeigeprojekt, dem Möckernkiez in Kreuzberg. Dort stand der Bau sogar mehr als ein Jahr völlig still. Einige Genossenschaftsmitglieder murrten zwar, blieben aber zuversichtlich. Auch als beim Einzug wegen baulicher Probleme nochmals einige Monate abzuwarten waren, wurde das hingenommen. Seit einem halben Jahr sind die rund 470 Wohnungen übergeben.

Dass es bei den Bouchégärten hakt, wurde schon beim Richtfest für den zweiten Bauabschnitt im März 2018 deutlich. Der ursprünglich vorgesehene Einzugstermin für die Neueigentümer wurde, nach ähnlichen Erfahrungen schon im ersten Abschnitt, nach hinten verschoben. Im September 2018 kam die nächste Verzögerung auf die Käufer zu. Die Bauträgergesellschaft teilte den Erwerbern des zweiten Bauabschnitts mit: „Angesichts des derzeitigen Baufortschritts, vor allem im Bereich der Fassadenmontage, kann mit einer bezugsfertigen Herstellung zum 31. Dezember 2018 nicht gerechnet werden. Auch wenn der Innenausbau planmäßig voranschreitet, wird die Gesamtfertigstellung – ausgehend vom aktuellen Bautenstand – voraussichtlich nicht vor Februar 2019 erfolgen können.“ Man werde alles tun, um die Bautätigkeit voranzutreiben, versprach Archigon zudem.

„Wir bitten um ihr Verständnis für die angekündigte Fertigstellungsverzögerung und entschuldigen uns bereits jetzt für die dadurch entstehenden Unannehmlichkeiten“, schrieb das Management. Unternehmenssprecherin Ghislaine Chapon bestätigte die Verzögerungen jetzt gegenüber dem Tagesspiegel: „Alle unsere Erwerber wurden und werden über den Stand des Bauvorhabens regelmäßig von uns informiert.“ Zu den Hintergründen wollte sie nicht weiter Stellung beziehen: „Bitte haben Sie dafür Verständnis, dass wir weitere Informationen zum Geschäftsablauf an Dritte nicht weitergeben.“ Ergänzend teilt der Leiter des Vertriebs, René van Bernum, mit: "Die meisten der 173 Wohnungen im 2. Bauabschnitt wurden mit einem Fertigstellungstermin zum 31.12.18 und teilweise erst im Jahr 2019 verkauft. Aktuell finden hier die Vorbegehungen der Wohneinheiten mit den Erwerbern statt." 

Ein großes Sorgenkind sind die Fensterfassaden

Das Ensemble der Bouchégärten nach Entwürfen des Berliner Büros HKA Hastrich Keuthage Architekten zeichnet sich durch schräg vorspringende futuristisch anmutende Balkone aus. Hier liegt offenbar ein Problem. Die Fensterfassaden sind, wie man von Käufern hört, ein großes Sorgenkind. Die Montage an den Ecken verlief nicht wie erhofft. Es musste und muss noch erheblich nachgearbeitet werden. Manche Erwerber haben auch Verständnis für die Nöte der Archigon. Die wüssten wohl selber nicht, wann das Vorhaben endlich zum Abschluss kommen wird, heißt es.

Als das Projekt im Dezember 2015 am einstigen Mauerstreifen an den Start ging, wurde „ein Wohnkomplex, der zeitgemäßes Wohnen neu definiert“, angekündigt – mit individuell veränderbaren Grundrissen, prägnanten Fassaden, parkähnlichen Hofgärten und 102 Stellplätzen in der Tiefgarage. Fußbodenheizung, hell belichtete Räume und Fahrradstellplätze für umweltfreundliche Mobilität sollen für außergewöhnlichen Komfort sorgen. „Ruhig und grün wohnen, ohne auf die Vorzüge einer modernen Architektur verzichten zu müssen“, so ist auf der Homepage zu lesen.

Die Werbung und die Lage nicht weit entfernt vom Treptower Park, von Spree und Plänterwald und mit Lebensmittelmärkten, Kitas, Schulen in der Nachbarschaft und der Gastronomie an der Karl-Kunger-Straße überzeugten. Im März 2018 waren bis auf vier alle Loft- und Ausbauwohnungen mit Größen von 40 bis 180 Quadratmetern verkauft. Zum Gesamtobjekt gehören auch vier Gewerbeeinheiten.

Die Archigon setzte auf das Konzept "alles aus einer Hand"

Die Archigon setzte von Anfang an auf das Konzept „alles aus einer Hand“: von der Planung über die Entwicklung, Baubetreuung bis zum Verkauf. Geschäftsführer Gunther Hastrich, selbst auch Architekt, hatte das Unternehmen 1998 gegründet. Wurden in den ersten Jahren vom Büro HKA vor allem innerstädtische Berliner Altbauten etwa in der Oranienburger Straße saniert, wechselte der Fokus zuletzt auf Loft-Neubauten im „mittleren Preissegment“. Das Projekt Polygongarden in der Pettenkofer Straße im Friedrichshainer Samariterviertel wurde 2015 fertig gestellt.

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Unter den Nutzern der Wohnungen sind viele junge Familien. Das gilt auch für das Karree in Alt-Treptow. 75 bis 85 Prozent der Käufer seien Eigennutzer, sagt der Projektentwickler. Für junge Familien kommt die Bauverzögerung mitunter besonders ungelegen. Mussten doch Kitaplätze oder Schulplanungen neu überdacht werden. Aber auch für die Archigon ist der Verzug unerfreulich, denn damit steht sie in der Pflicht, die Wohnungskäufer mit Vertragsstrafen zu entschädigen.

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