Gastbeitrag zur Digitalisierung : Berlin ist nicht smart

Am Rande der Tragödie:  Die deutsche Hauptstadt bleibt im Übergang in die digitale Welt einfach stehen.

Eike Becker
In Berlin kommen viele Faktoren für die Stadt von morgen zusammen: Zuwanderung, kluge Köpfe und Gründergeist.
In Berlin kommen viele Faktoren für die Stadt von morgen zusammen: Zuwanderung, kluge Köpfe und Gründergeist.Foto: innogy/txn

Im Rausch der Digitalisierung soll irgendwie alles smart werden:

- Smart Economy (wenn alle wissen, was einzelne wissen, und digital zusammenarbeiten)

- Smart People (wenn digital vernetzte Leute sich einmischen und kümmern)

- Smart Government (wenn in der digitalen Demokratie alle alles kapieren und bei allem mitmachen können)

- Smart Mobility (wenn Verkehrsmittel, Fahrkarten, Zeiten und Routen über Apps zu kaufen sind)

- Smart Environment (wenn alle sich das holen, was sie brauchen, aber nicht von ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln)

- Smart Living (wenn Strom, Wärme und Nahrung vor Ort erzeugt werden).

Viele sehen darin große Chancen und verbinden mit der digitalen Vernetzung die Lösung aller Probleme der postindustriellen Gesellschaft: Ob Umweltverschmutzung, demografischer Wandel, Bevölkerungswachstum, Finanzkrise oder Ressourcenknappheit – alles kann mithilfe von Kameras, Sensoren und digitaler Vernetzung zum Guten gewendet werden.

Auch die Share Economy (Autos, Fahrräder, Werkzeug, Wohnung teilen) oder Bürgerbeteiligungen (viele werden gefragt und entscheiden mit) gehören in die Diskussion um die Stadt der Zukunft.

Der Senat beschloss 2015 eine Smart-City-Strategie

Die Smart City wird zum Internet of Things and Services: Die gesamte Infrastruktur wird dabei mit Sensoren ausgestattet, die endlos viele Daten erfassen und diese in der Cloud für alle verfügbar machen. Durch die permanente Interaktion zwischen Bewohnern und Technologie werden die Bürger geradezu ein Teil ihrer technischen Infrastruktur.

Sensoren sind mittlerweile so günstig geworden, dass sie über der ganzen Stadt ausgeschüttet und eigentlich überall eingebaut werden können („Haben sie schon ihren Hund gechippt?“). Die dabei aufkommende Euphorie erinnert stark an die Technikbegeisterung der 1960er Jahre, als der damalige US-Präsident John F. Kennedy sein Ziel der Mondlandung ausgab („I believe that this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to the Earth.“)

Auch der Berliner Senat wurde von einem solchen Enthusiasmus kurzzeitig ergriffen und beschloss 2015 eine Smart-City-Strategie. Nicht besonders detailliert, eher ein skizzenhafter erster Zusammenschrieb von allem, was da so reinpassen könnte. Im darauffolgenden Jahr sollte dann ein Plan zur Umsetzung mit Zeiträumen, Zuständigkeiten und Partnern nachgeliefert werden. Doch mit den Wahlen kam ein Koalitionswechsel und damit das Ende des Umsetzungsplans. Anschließend bekam auch noch die Stadtentwicklungsverwaltung nach Kompetenzstreitigkeiten mit der Wirtschaftsverwaltung die Verantwortung entzogen. Jetzt ruht die Zukunft der Smart City Berlin in der Senatskanzlei beim Regierenden Bürgermeister.

Die Zuständigkeiten sind „nicht so klar definiert“ und verteilen sich auf drei verschiedene Ressorts. Ein Beteiligungsprozess mit Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung und Zivilgesellschaft ist noch nicht geplant.

Mittlerweile ist das Papier auch veraltet und muss neu geschrieben werden. Es hielt einem internationalen Vergleich ohnehin nicht stand, blieb schon 2016 in der 87 Städte umfassenden Smart-City-Studie von Roland Berger freundlicherweise unerwähnt („in der hinteren Hälfte des Feldes“).

Mit einem Mikrobudget, ohne klare Zuständigkeiten und Schlagkraft ist auch kaum mehr zu erwarten.

Düsseldorf hat es gerade vorgemacht und einen CDO, einen Chief Digital Officer, eingesetzt. Wie Wien, Chicago, Singapur und viele andere. Der könnte auch in Berlin die diversen Ressorts unter einem Dach zusammenbringen, koordinieren und gegebenenfalls auch durchgreifen.

Doch wie so häufig in dieser Ankündigungsweltmeisterstadt fehlt es leider an so vielem. Nur reden reicht eben nicht.

Das ist umso bedauerlicher, wenn man sich die Voraussetzungen dieser noch so unfertigen Kreativmetropole anschaut. Berlin hat mit den vielen Forschungseinrichtungen, innovativen Unternehmen aus der Informations- und Kommunikationstechnik, der lebendigen Tech-Start-up-Szene eigentlich einen fruchtbaren Nährboden für eine Smart City.

Jährlich 45 000 zusätzliche Einwohner, 13 Millionen Besucher, immer mehr internationale Studenten, 40 000 Unternehmensgründungen, in keine andere Europäische Stadt fließt mehr Venture Capital: Darauf ließe sich doch aufbauen.

Der Nährboden für eine Smart City Berlin wäre da

Diese Potentiale einer Smart City Berlin zu heben und kluge, vernetzte Lösungen in der Verwaltung, im Verkehr, der Infrastruktur, in Energie- und Mobilitätsfragen, bei öffentlichen Bauten, im Bildungs- und Gesundheitswesen zu entwickeln, ist auch in Berlin, dieser Stadt am Rande der Tragödie, nicht unmöglich.

Die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften investieren zurzeit Milliarden in neue Quartiere. Auch aus dem Sondervermögen „Infrastruktur der Wachsenden Stadt“ stehen für Schulen, Kitas, Polizei, Feuerwehr, Krankenhäuser und Schwimmbäder ebenfalls Millionen bereit. Von smarten Investitionen redet hier aber keiner. Warum können diese Projekte nicht gleich zukunftsfähig ausgerichtet werden?

Was wäre, wenn Berlin neue Vorzeigequartiere planen und verwirklichen würde? Wenn die Kommune mit Bürgern und Unternehmen im Dialog smarte Modellvorhaben starten würde, Maßnahmenpakete schnüren und dabei Wirtschaft, Start-ups, BVG, BSR, Versorger sowie Bürger („Wie werden wir smart?“) einbinden würde?

Smart-City-Pilot-Quartiere könnten leicht durch experimentierfreudigere Bebauungspläne unterstützt werden.

Berlin hat Europas modernste Verkehrsinfozentrale, ist eine Leitregion für Elektromobilität und Hauptstadt des Carsharing. In diesen Modellquartieren könnten zum Beispiel autonomes Fahren im Stadtraum und Parkplatzbelegungserkennung erprobt und weiterentwickelt werden.

Die städtischen Wohnungsunternehmen könnten Vorreiter für Smart-Home-Lösungen sein und dabei mit Technikanbietern, Gesundheitsdienstleistern und Ärzten zusammenarbeiten. In einem Smart-Health-Modellquartier könnten telemedizinische Anwendungen in der Praxis erprobt und weiterentwickelt werden.

Ich mache mir Sorgen. Weil all das nicht geschieht.

Noch kann Europa seine regeln machen

Wir befinden uns im Übergang in eine andere, eine digitale Welt. Das wird alles verändern. Wie wir leben, arbeiten, bauen, uns abstimmen, und entscheiden, wird sich von unten nach oben wenden. Sich dem zu verweigern, alles zu ignorieren, funktioniert für eine bereits so vernetzte Gesellschaft nicht. Wir müssen lernen, damit umzugehen, müssen überprüfen, erproben und herausfinden, welche Innovationen die Lebendigkeit und Kreativität, die Vielfalt und den Reichtum unterschiedlicher Lebensvorstellungen unterstützen und welche dagegen arbeiten.

Denn die Smart City der Konzerne oder die der Autokratien macht auch vor deutschen Grenzen nicht Halt. Noch haben die Rechtsstaaten Europas mit ihren öffentlichen Institutionen, der Immobilienwirtschaft und ihren Zivilgesellschaften alle Möglichkeiten, offene, faire, demokratische, pluralistische und symmetrische Visionen für die Stadt der Zukunft zu entwickeln. Wenn sie dieses kolossale Thema aber nicht aktiv angehen, werden ihre Regeln und Bedingungen von anderen gemacht. Keine schöne Vorstellung für mich.

Der Autor unseres Gastbeitrages ist Architekt. Er nahm an der Documenta X teil. In Berlin entwarf er etwa Pläne für den geplanten Umbau des früheren Postscheckamts in Kreuzberg zum „Vertical Village“.

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