Gewerbeimmobilien : Blick für den richtigen Winkel

Für die Standortwahl von Start-ups gibt es viele Gründe. Kiezverbundenheit ist einer – und die Vernetzung mit Gleichgesinnten.

Kiez der Kreativen. Rund um die Bergmannstraße in Kreuzberg fühlen sich viele Gründer wohl. Doch auch in den Randbezirken gibt es geeignete Flächen.
Kiez der Kreativen. Rund um die Bergmannstraße in Kreuzberg fühlen sich viele Gründer wohl. Doch auch in den Randbezirken gibt es...Foto: imago/Müller-Stauffenberg

Berlins kreative Start-up-Unternehmer bleiben ihren Kiezen treu. Immer noch gilt: Da, wo ich wohne, möchte ich auch arbeiten. Faktoren wie günstige Miete, U-Bahn und Bus in der Nähe, der vietnamesische Imbiss gleich um die Ecke, erleichtern die Entscheidung für die Wahl eines Standorts. Neugründer mit Internet-basierten Angeboten schätzen das kreative Umfeld im Altbauquartier.

So war es auch bei Timo Schwartz und Niels van Beek. Auf dem Dach eines Kreuzberger Mietshauses kamen sie auf die Idee für ihr Start-up. Aktiv in der Wohnungsvermittlung, fragten die beiden sich, warum Autowerbung so viel flotter daherkommt als die Angebote für Wohn- und Lebensräume. Das wollten sie mit einem neuen Anspruch an Ästhetik und kreativem Werbedesign ändern. Eine Geschäftsidee war geboren.

Jetzt musste nur noch ein geeigneter Standort gefunden werden, am besten gleich in der Nachbarschaft. In ehemaligen Kellerräumen in einem Souterrain in der Mittenwalder Straße in Kreuzberg fanden die Gründer den richtigen Ort für ihr Projekt. Die günstige Miete war ebenso interessant wie die Möglichkeit zur handwerklichen Selbsthilfe. In den fünf Räumen mit einer Fläche von 130 Quadratmetern wurden Backsteinwände freigelegt, Parkett verlegt und eigene Geschmacksvorstellungen umgesetzt.

dot.berlin wollte am Standort in Schöneberg bleiben

Als alles fertig war, vor gut drei Jahren, starteten die Gründer ihr Unternehmen Homesk. Bei der Vermittlung von Wohnungen zur Miete und zum Kauf setzen sie seither auf attraktive Arrangements, Fotos und Filme. Mit ausgewähltem Ausstattungsdesign wird für die Angebote geworben. Auch Probeschlafen in der potenziellen neuen Bleibe ist möglich. Der Claim von Homesk: „Kommen, um zu bleiben.“

Das Kreuzberger Altbauquartier mit Remisen und Lofts passte bestens ins Konzept. Die nahe gelegene Marheineke-Markthalle steht nicht nur für außergewöhnliche Imbissangebote, sie ist auch Treff für die Kreativszene an der Bergmannstraße. Die Gründer fühlen sich wohl im Kiez. Inzwischen wächst ihr Unternehmen: Das Team um die vier Stammkräfte der Immobilienagentur ist auf zehn Mitarbeiter gewachsen. Falls nötig, könnte die Geschäftsfläche an Ort und Stelle noch verdoppelt werden.

Kiezverbundenheit ist ein gutes Rezept für Start-ups. In der Schöneberger Akazienstraße waren die Büros von dot.berlin, einem Unternehmen, das die gleichnamige Top-Level-Domain betreut, aus allen Nähten geplatzt. Größere Räume mussten her. Doch der Erfolg verleitete nicht etwa zum Umzug in einen der neuen Bürotürme im Zentrum.

Johannes Lenz-Hawliczek von dot.berlin: „Wir sind im Frühjahr mit acht Mitarbeitern einfach nach vis-a-vis in ein Loft, linker Hinterhof, dritter Stock Quergebäude, gezogen. Wir wollen unbedingt in dieser Nachbarschaft bleiben.“ Unten im Hof gibt es ein nepalesisches Restaurant und ein Café, auf der Straße reihen sich Boutiquen, Lokale und Weinhandlungen aneinander.

Gründer legten Wert auf Kiezqualitäten

Eine vor kurzem veröffentlichte Studie über Start-ups von Bitkom Research, einem Marktforschungsinstitut der Digitalwirtschaft, bestätigt diese Erfahrungen. Berliner Gründer, so die Untersuchung, legten besonderen Wert auf Kiezqualitäten wie Netzwerke mit Freunden und Kreativen, gute Verkehrsverbindungen und kulinarische Angebote.

Schaut man auf die von der BerlinStartupFactory herausgegebene Karte mit den Start-up-Standorten, so dominieren die Innenstadtbezirke. Am Rosentaler Platz, am Oranienburger Tor und in Prenzlauer Berg sind ebenso viele Gründer zu Hause wie im weiterhin angesagten Kreuzberg. Und Berlin wird immer mehr zur europäischen Gründermetropole. Nach groben Schätzungen kommen pro Tag bis zu zwei neue Start-ups hinzu.

Kiez der Kreativen. Rund um die Bergmannstraße in Kreuzberg fühlen sich viele Gründer wohl. Doch auch in den Randbezirken gibt es geeignete Flächen.
Kiez der Kreativen. Rund um die Bergmannstraße in Kreuzberg fühlen sich viele Gründer wohl. Doch auch in den Randbezirken gibt es...Foto: imago/Müller-Stauffenberg

Tim Brandt von der Industrie- und Handelskammer (IHK) glaubt, dass die deutsche Hauptstadt mit ihrer Gründer-Dynamik bald an der bisherigen Start-up-Hochburg London vorbeiziehen kann. Wobei das unterschiedliche Preisniveau in den beiden Metropolen eine nicht zu übersehende Rolle spielt. Mit günstigen Angeboten lockt Berlin die Kreativen aber nicht nur in die Innenstadt. Tim Brandt: „Wir können hier jedem Start-up ein Angebot machen. Es gibt in Berlin viele geeignete Flächen auch in den Randbezirken.“ Ein Beispiel dafür ist der Clean Tech Business Park in Marzahn, der Anfang September 2015 offiziell eröffnet wird.

Viele Start-ups kommen direkt aus dem studentischen Umfeld an den Hochschulen. Die Humboldt-Universität bietet im Gründerzentrum in Adlershof gute Arbeitsbedingungen für Nachwuchsunternehmer. Dort haben am Technologiestandort zahlreiche High-Tech-Unternehmen ihren Sitz, es gibt Labore und Forschungseinrichtungen. Volker Hofmann, Geschäftsführer der Humboldt-Innovation GmbH, einer hundertprozentigen Tochter der Humboldt-Universität, unterstützt die Gründer und weiß, worauf es ankommt: „Unbedingt wichtig ist die Nähe zur Wissenschaft. Der Austausch von Know- how hat für die Neuunternehmer große Bedeutung.“

GSG Berlin setzt auf kompakte Konzepte

Ein zweites Gründerhaus unterhält die Humboldt-Universität in der Luisenstraße in Mitte. Dort bietet sie Räume für Büros an. Vor kurzem ist kaputt.de, ein Start-up, das unter der Devise „Reparieren lohnt sich“ die Wegwerfmentalität in Bezug auf alte Elektrogeräte wie Handys eindämmen möchte, vom Kreuzberger Domizil in das HU-eigene Gründerhaus umgezogen. Die Nähe zu anderen Anbietern und das günstige Angebot von Seminarräumen überzeugten.

Die GSG Berlin, die in der Stadt mehr als 40 Gewerbehöfe betreibt, setzt ebenfalls auf kompakte Konzepte. Ein Beispiel dafür ist das Betahaus in der Prinzessinnenstraße in Kreuzberg. Dort werden den Kreativen günstige Konditionen geboten wie reduzierte Gründermieten und Zuschüsse zu Mieterausbauten. Anfangs standen 1000 Quadratmeter zur Verfügung, inzwischen sind es schon 2500 Quadratmeter Raum für Workshops, Meetings und Seminare „in lockerer Kaffeehaus-Atmosphäre“. Wenn es dort zu eng werden sollte, stehen für Newcomer Flächen an anderen GSG-Standorten zur Verfügung, zum Beispiel am Econopark in Marzahn gleich gegenüber vom CleanTech Business Park.

Am Ende ist freilich das Arbeitsgebiet entscheidend. Das bestätigt auch Claudia Hamboch, Pressesprecherin der Senatswirtschaftsverwaltung. Start-ups im Medienbereich fühlten sich in Mitte und Kreuzberg besonders wohl, „weil dort die Vernetzung leicht fällt und eine kreative Atmosphäre herrscht. Technologieparks hingegen sind geeigneter, wenn die Vernetzung zu Hochschul- oder Forschungseinrichtungen gesucht wird und gemeinsame Serviceflächen wichtig sind.“

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