Verwahrlosung im Szenekiez : Am Mehringplatz läuft nichts mehr rund

Immer mehr Kieze in Deutschland sind im sozialen und wirtschaftlichen Niedergang. Ein besonders krasses Beispiel aus Kreuzberg.

Paul F. Duwe
Kreuzbergs Bezirksstadtrat Florian Schmidt (B’90/Die Grünen, Abteilung Bauen, Planen und Facility Management) steht bereit für eine Übernahme der Wohnungen am Mehringplatz in kommunale Hand.
Kreuzbergs Bezirksstadtrat Florian Schmidt (B’90/Die Grünen, Abteilung Bauen, Planen und Facility Management) steht bereit für...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mutwillig zerstörte Lampen vor dem Haus, Drogenhandel, Fixer und Prostituiertensex auf der Treppe, ein überfluteter Keller mit toten Ratten. Das hat bei vielen Mietern in der Kreuzberger Wilhelmstraße 3 das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen gebracht. „Es reicht!“, so lautet der Tenor ihrer Initiative. Die Bewohner fordern ein Ende der Missstände und wenden sich an das Bezirksamt: „Wir wollen, dass die Anlage mit 330 Wohnungen in die öffentliche Hand kommt.“ Die private BauGrund-Hausverwaltung sagt: Alles wird gut.

Beim Bezirksamt stoßen die Mieter mit dem Wunsch nach Kommunalisierung auf offene Ohren. Dafür müsste die Eigentümergesellschaft SEF Select Evolution 1 Ltd. & Co. KG zunächst aber Gesprächsbereitschaft signalisieren. Baustadtrat Florian Schmidt teilt dazu mit: „Der in Bonn sitzende Eigentümer ist schwer zu erreichen. Bisherige Versuche der Kontaktaufnahme blieben erfolglos.“ Der Bezirk würde sich allerdings freuen, wenn die Gewobag die Bestände von Select Evolution übernehmen könnte. Schmidt: „Aufgrund der Verweigerungshaltung des Eigentümers wäre das die beste Lösung.“

Im Herbst 2018 hatte die BauGrund Immobilien-Management GmbH die Verwaltung der Anfang der 70er Jahre errichteten Anlage Wilhelmstraße 2 bis 6, Mehringplatz 12-14 und Friedrichstraße 245-246 zwischen der SPD-Bundeszentrale und dem Halleschen Tor im Auftrag des privaten Eigentümers SEF Select Evolution übernommen. Gregor Schitkowsky wohnt seit 2012 im 15. Stock des 16-geschossigen Hochhauses Wilhelmstraße 3. Jetzt ist auch ihm der Kragen geplatzt: „Ich lebe seit zehn Jahren in Kreuzberg und bin schon einiges gewohnt. Aber so schlimm, wie es jetzt hier ist, war es noch nie.“ In einer Wohnung unter dem Dach sei Feuchtigkeit eingedrungen. Mehrere Mieter klagten über Schimmel.

Ein Vater berichtet auf einer Nachbarschaftsversammlung, seine kleine Tochter habe eine Spritze aufgehoben. Mieter fühlen sich auf den dunklen Gängen zur Haustür durch Dealer bedroht. Kriminelle würden sich in dem ehemaligen Fußballkäfig verstecken. Die stillgelegte Parkpalette an der Franz-Klühs-Straße sei ein Fixer-Treffpunkt.

Hauptkonfliktgründe sind sie soziale Situation und Armut

Diese Missstände sind im Bezirksamt bekannt. Leider seien solche Zustände „an verschiedenen Stellen im Kiez zu beobachten, da die Drogenszene durch den polizeilichen Druck am Kottbusser Tor sich an anderen Stellen entlang der U-Bahn-Linien ausbreitet“, sagt Stadtrat Schmidt. Die Treppenaufgänge würden als Rückzugsräume genutzt.

In jedem zweiten Wohnquartier hat sich die Lage in Bezug auf das Zusammenleben in den letzten fünf Jahren verschlechtert, ergab eine Studie des Forschungsinstituts „Minor Wissenschaft und Gesellschaft mbH“, die im Auftrag des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW erstellt und in der vergangenen Woche in Berlin präsentiert wurde.

Mit Blick auf die Häufigkeit und Art der Konflikte zeigt sich: Verstöße gegen die Hausordnung, verbale Auseinandersetzungen und Sachbeschädigungen sind schon alltäglich. Hauptkonfliktgrund sind die soziale Situation und die räumliche Konzentration von durch Armut bedrohte Menschen. Auf Platz drei: interkulturelle Konflikte beziehungsweise unterschiedliche Wertvorstellungen sowie die in der Studie festgestellte „Perspektivlosigkeit vieler Zugewanderter“.

Der BauGrund Immobilien-Management GmbH ist das Problem bewusst. Jochen Dorner, Vertriebsleiter bei dem Unternehmen, sagt auf Anfrage: „Wir nehmen die aktuelle Themenstellung sehr ernst und sind dabei, die Situation vor Ort zu verbessern.“ Der Rattenbefall im Keller sei umfassend beseitigt worden. „Zur weiteren Vorsorge wurde zusätzlich ein dauerhafter Vertrag mit einem Schädlingsbekämpfer abgeschlossen“, so die BauGrund auf Anfrage. Man sei allerdings auch auf die aktive Mitarbeit der Mieter angewiesen, „da in der jüngsten Vergangenheit immer wieder Müll in den Mieterkellern gelagert wurde, der letztlich auch Ungeziefer anlockt“.

BauGrund-Sprecher Dorner verweist darauf, dass es zwar eine funktionierende Türschließanlage mit Klingel gebe. Laut Auskunft des Hauswarts würden aber Mieter auf Klingeln ohne Nachfrage die Tür öffnen, sodass Unbefugte ins Haus gelangen können. „Wir sind gemeinsam mit dem Eigentümer dabei, ein Sicherheitskonzept im Sinne der Mieter zu erarbeiten“, sagt Dorner. Man befinde sich mit dem zuständigen Bezirksamt „im regelmäßigen Austausch“.

Als weiteres Problem im Quartier sehen viele Bewohner, dass Gewerbemieter die zur Anlage gehörende westliche Seite der Friedrichstraße verlassen – geschlossen haben ein Getränkeladen, eine Drogerie, zuletzt ein Restaurant. Übrig geblieben ist ein Lebensmitteldiscounter. Der U-Bahneingang am Ende der Straße ist ein beliebter Treff für Trinker, der Mehringplatz eine große eingezäunte Baustelle.

Die Missstände sind lange bekannt

Seit Februar 2019 wird der einstige königliche Belle-Alliance-Platz für knapp sechs Millionen Euro grundsaniert. Über die Jahre war das Rondell immer mehr „abgestürzt“. Mit der Sanierung der Grünanlage nach Plänen der Landschaftsarchitekten Lavaland/Treibhaus – Fertigstellung geplant für April 2021 – verbinden sich Hoffnungen auf einen Aufwärtstrend für das gesamte Quartier.

An den Missständen beim ehemaligen Parkhaus an der Franz-Klühs-Straße ändert sich momentan aber nichts. Das Bezirksamt berät deshalb aktuell, wie es „gegen die vom Eigentümer zu verantwortende Verwahrlosung des Parkhauses“ vorgehen kann. Dabei gab es diesbezüglich schon einmal Hoffnung: Im April und Oktober 2017 erteilte die Bauaufsicht zwei positive Vorbescheide für die „Errichtung eines Hauses mit gemischter Nutzung und Tiefgarage an der Franz-Klühs-Straße/Wilhelmstraße“.

Über weiterführende Planungen sei aber nichts bekannt, heißt es in der Behörde. Und: „Zu einer Anhörung war der Eigentümer nicht erschienen.“

In der Mietergruppe „Es reicht!“ spricht man verbittert über die „Verwahrlosung“ der Wohngegend. Gewünscht wird ein aktiver Objektschutz. Die Forderung nach mehr Polizei im Gebiet findet viele Fürsprecher. Die Mieterinitiative kann sich auch eine mobile Wache im Umfeld des U-Bahneingangs vorstellen.

Candy Hartmann vom Quartiersmanagement am Mehringplatz sagt, die derzeitige Situation im Wohnbestand der BauGrund sei „sowohl für die Mieter als auch für die Gebietsentwicklung im Allgemeinen belastend. Mangels Ansprechpartnern fehlt es an einem kontinuierlichen und verlässlichen Austausch mit der Hausverwaltung, um Herausforderungen und Probleme lösungsorientiert, schnell und effizient anzugehen.“

Hausmeister sind keine Sozialarbeiter

Der Präsident des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft GdW, Axel Gedaschko, sieht das Thema „Zusammenleben im Quartier“ ganz weit oben auf der politischen Agenda: „Es hat sich was verändert in unseren Quartieren, wenn dort inzwischen Sanitäter zusammengeschlagen werden.“ Hausmeister seien aber keine Sozialarbeiter: „Wir brauchen ehrenamtliche Mitarbeiter vor Ort, die als Netzwerkmanager agieren könnten.“ Zudem müssten – soweit vorhanden – ansässige Bildungseinrichtungen in die Quartiersentwicklung einbezogen werden. Das Förderprogramm „Soziale Stadt“ reiche bei Weitem nicht aus, die Probleme zu lösen, so Gedaschko. Christian Pfeffer-Hoffmann, Geschäftsführer des Forschungsinstituts Minor, sagte anlässlich der Vorstellung der Studie „Herausforderung: Zusammenleben im Quartier“: „Wir haben einzelne Quartiere, wo es wirklich bergab geht, wo Interventionen durch Sozialarbeiter dringend nötig sind.“

Im östlichen Teil des Mehringplatz-Kiezes verwaltet die Gewobag 1033 Wohnungen. Anfang Oktober fand dort ein Rundgang von Vertretern des kommunalen Wohnungsunternehmens mit dem zuständigen Polizeiabschnitt und Beauftragten des Landeskriminalamtes statt. Man wünscht sich mehr uniformierte Präsenz. „Eine mobile Polizeiwache am U-Bahneingang Mehringplatz“, so die stellvertretende Gewobag-Sprecherin Monique Leistner, „halten wir für begrüßenswert.“

Ob die städtische Gesellschaft die privaten Bestände vom Mehringplatz West übernehmen könnte – so wie in der Großwohnsiedlung Heerstraße Nord in Staaken geschehen? „Grundsätzlich kaufen wir als landeseigenes Unternehmen auch an“, sagt die Sprecherin, „dabei haben wir auch die Arrondierung unserer bestehenden Quartiere im Fokus.“

Das lässt aufhorchen. Von einer Arrondierung könnte man am Mehringplatz durchaus sprechen. Allerdings, so die Gewobag-Pressestelle: „Die BauGrund Immobilien-Management GmbH ist bisher nicht mit einer Verkaufsabsicht ihrer Bestände auf uns zugekommen.“

Mitarbeit: Reinhart Bünger