Infrastruktur und Effizienz : Wie Russland auf der Grünen Woche Vertrauen zurückgewinnen will

Mit großem Spektakel inszeniert sich das Land als wiedererstarkte Agrarnation. Umfangreichen Staatshilfen sei Dank. Wie glaubwürdig ist das?

Jonas Schulze Pals
Gute Stimmung. Russische Musikgruppen und Unternehmen, die Köstlichkeiten vorstellen, sollen ein positives Bild von Land und Landwirtschaft vermitteln. Foto: Florian Boillot
Gute Stimmung. Russische Musikgruppen und Unternehmen, die Köstlichkeiten vorstellen, sollen ein positives Bild von Land und...Foto: Florian Boillot

Wie Landwirte sehen die 15 Herren auf der Bühne wahrlich nicht aus. Mit ihren weißen Anzügen und den Marinekappen erinnern sie eher an eine Gruppe Matrosen als an Agrarunternehmer. Die Männer singen russische Volkslieder. Sie sollen für gute Stimmung sorgen bei den Besuchern in Halle 2.2. Und irgendwie passt das Bild der Seefahrer ja auch zu dem Selbstverständnis der russischen Landwirtschaft dieser Tage.

Auf der Grünen Woche ist das Land angetreten, um neue Absatzmärkte fern der eigenen Ökonomie zu erschließen. Russland als wiedererstarkte Agrarnation – so lautet die Botschaft. Erst kürzlich verkündete Präsident Putin, die Agrarexporte bis 2024 auf rund 40 Milliarden Euro verdoppeln zu wollen. Mit mehr als 5000 Quadratmetern stellen die Russen den größten Stand auf der Grünen Woche – zum zweiten Mal nach 2015. In den Folgejahren 2016 und 2017 war das Land gar nicht auf der Messe vertreten. Doch gleich am ersten Besuchertag in diesem Jahr ging die Inszenierung gehörig schief.

Das Veterinäramt sperrte die russische Halle für zwei Stunden

Die russische Halle wurde für zwei Stunden gesperrt. Das Veterinäramt Charlottenburg-Wilmersdorf hatte bei einer Routineuntersuchung 20 eingeschweißte Würste entdeckt. Die Einfuhr von Schweinefleisch nach Deutschland ist zum Schutz vor Tierseuchen verboten. Und es kam noch dicker: Für weitere 280 Kilogramm Waren fehlten nach Angaben der Grünen Woche die Zollnachweise. Das war ein denkbar unglücklicher Auftakt: Der Russe war mal wieder der Böse.

Dabei will das russische Agrarministerium mit dem Auftritt auf der Grünen Woche doch genau das Gegenteil erreichen. Unternehmen, die Köstlichkeiten des Landes vorstellen, und einheimische Musikgruppen, die traditionelle Lieder vorführen, sollen dem Besucher ein positives Bild von Land und Landwirtschaft vermitteln. Doch wie glaubwürdig ist das?

Russische Landwirte stellen ihre Produkte vor

Der Stand des Gemüseherstellers Rost ist eher spärlich eingerichtet. Auf einem kleinen Tisch direkt am Gang liegen Tomaten und Gurken aus, sonst ist die etwa zehn Quadratmeter große Fläche leer. Hinter dem Tisch steht Natalja Fedoseewa, sie kümmert sich um das Marketing. „Wir betreiben vier moderne Gewächshäuser im Osten des Landes“, erklärt sie.

Auf einer Russlandkarte im Hintergrund sind sie eingezeichnet. 2013 gegründet, beschäftigt der Spezialist für Tomaten- und Gurkenkulturen heute über 1200 Mitarbeiter. Was bei Rost im Kleinen zu beobachten ist, lässt sich auf das ganze Land übertragen.

Die russische Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. „Wir haben sehr stark von den Subventionen der Regierung profitiert“, sagt Fedoseewa, „auch die Importbeschränkungen waren wichtig für uns.“ Letztere hat Präsident Wladimir Putin im August 2014 verhängt – als Reaktion auf die vom Westen ausgesprochenen Wirtschaftssanktionen nach der Krim-Annexion.

Die Importbeschränkungen für Lebensmittel haben vor allem deutsche Bauern hart getroffen. Die Exporte von Fleisch und Milch brachen ein. In Russland standen zunächst kurzzeitig die Regale leer. Das Land war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf den Import von Lebensmitteln angewiesen.

Doch die russische Landwirtschaft hat mit kräftiger finanzieller Unterstützung der Regierung in vielen Bereichen aufgeholt. Besonders die Produktion von Schweinefleisch sei stark gestiegen, sagt Linde Götz. Sie arbeitet beim Leibnitz-Institut in Halle und beobachtet die Entwicklung der russischen Landwirtschaft schon seit vielen Jahren. Lag der Selbstversorgungsgrad 2014 noch bei 83 Prozent, kann sich das Land heutzutage komplett mit eigenem Schweinefleisch versorgen. Der Import ist annähernd zum Erliegen gekommen.

Auch bei Geflügelfleisch könne die Inlandsproduktion den Konsum im Land mittlerweile decken, stellt sie fest. Ganz anders sieht es jedoch bei der Herstellung von Rindfleisch aus, die seit Jahren stagniert. Der Selbstversorgungsgrad ist zuletzt sogar leicht zurückgegangen. „Die Produktion von Rindfleisch ist immer noch stark an die Milchproduktion gekoppelt“, erklärt Götz. „2018 stammten 84 Prozent des Fleisches von Milchkühen, während nur 16 Prozent von spezialisierten Mastrindern kamen.“ Der Export befinde sich bei allen Fleischarten noch auf sehr niedrigem Niveau.

Der größte Milchproduzent des Landes ist ein Deutscher

Im Milchsektor kämpft das Land seit Jahren mit einer Versorgungslücke. Die produzierte Milchmenge ist konstant geblieben, während die Importe, etwa aus Deutschland, wegfielen. Innerhalb der Industrie sei jedoch eine Dynamik hin zu großen landwirtschaftlichen Unternehmen, sogenannten Agroholdings, erkennbar, erklärt Götz.

Die erfolgreichste Agroholding im Milchsektor wird von einem Deutschen geführt. Stefan Dürr hält russlandweit fast 100.000 Kühe und produziert täglich fast 2250 Tonnen Milch. Auf der Grünen Woche ist sein Unternehmen mit der Marke Ekoniva vertreten.

Importstopp ließ die Lebensmittelpreise steigen

Tatjana Gubina arbeitet bei einem Konkurrenten von Stefan Dürr, sie betreut den Stand der Molkerei Galaktika aus Sankt Petersburg. Gubina hat kurze blondgefärbte Haare und trägt eine fliederfarbene Bluse. Rechts neben ihr stehen Tetra Paks mit russischer Aufschrift. Neue Kunden konnte sie in den vergangenen Jahren auf der Messe selten gewinnen. Immerhin würden die Kosten für die Anreise vom Russian Export Center übernommen.

Dieses staatliche Institut unterstützt russische Unternehmen bei der Expansion auf die Weltmärkte. Gubina berichtet auch von den negativen Folgen der protektionistischen Politik im Agrarsektor. „Seit Jahren steigen in Russland die Preise für Wurst, Milch und andere Lebensmittel“, sagt sie. Experten beklagen außerdem die gesunkene Qualität einiger Produkte. Weil Milchfett knapp ist, verwenden die Molkereien beispielsweise Pflanzenöle, um Käse zu produzieren.

Davon gibt es genug. Schließlich hat die russische Landwirtschaft den Anbau von Ölsaaten in den letzten Jahren stark ausgebaut. Raps-, Soja- und Sonnenblumenöl werden auch über die Landesgrenzen hinweg vermarktet. Das wichtigste Exportgut sei jedoch mit großem Abstand der Weizen, sagt Linde Götz vom Leibniz-Institut. „Anfang der 2000er war das Land noch Nettoimporteur. Mittlerweile gibt es keine Nation auf der Erde, die mehr Weizen exportiert“, sagt die Wissenschaftlerin.

Das Potenzial ungenutzter Flächen sei enorm. Wichtige Zielländer für den russischen Weizen liegen auf der arabischen Halbinsel, in Asien und Nordafrika. Die Russische Föderation steht in direkter Konkurrenz mit der Europäischen Union und den USA.

Doch es gibt noch viel zu tun, um die russische Landwirtschaft in Zukunft auch ohne schützende Importbeschränkungen wettbewerbsfähig zu halten. Abgesehen vom Weizen kann sie in vielen Bereichen nicht mit den auf dem Weltmarkt geforderten Preisen mithalten. Sergej Lewin, der stellvertretende Landwirtschaftsminister Russlands, will daher die Infrastruktur des Landes verbessern und die Effizienz der Produktion erhöhen. Auch die Exporte sollen weiter gefördert werden. Dafür will Lewin ein Netz landwirtschaftlicher Vertreter in 57 russischen Botschaften installieren. Das berichtete der Vizeagrarminister auf einer Veranstaltung der German Agribusiness Alliance im Rahmen der Grünen Woche.

Die German Agribusiness Alliance ist ein Zusammenschluss deutscher Unternehmen und Verbände aus dem Agrarsektor. Er koordiniert die Zusammenarbeit mit russischen Partnern auf privater und politischer Ebene. Die Veranstaltung auf der Grünen Woche offenbarte auch, welche Chancen und Probleme sich für deutsche Unternehmen durch das Wachstum der russischen Landwirtschaft ergeben. Das Einfuhrembargo für Lebensmittel bleibt wohl mittelfristig bestehen. Deshalb wollen deutsche Firmen die nötige Technologie, das Saatgut und effiziente Tierrassen liefern.

Deutsche Saatguthersteller werden benachteiligt

Zum Teil gelingt das bereits. So betreibt der Landmaschinenkonzern Claas seit 2005 ein Werk in Krasnodar. Deutsche Saatguthersteller haben ebenfalls Produktionsstätten in Russland eröffnet. Weil sie dort aber nur einen Teil ihres Portfolios züchten können, müssen die Unternehmen nach wie vor viel importieren. Die bürokratischen Hürden für die Einfuhr seien viel zu hoch, beklagen sie. Außerdem würde ihr Saatgut bei der Anerkennung durch russische Behörden auf unfaire Weise benachteiligt. „Was wir fordern, ist Planungssicherheit“, sagte Peter Hofmann von KWS Saat.

Da entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der Aufritt der Russen auf der Grünen Woche ausgerechnet durch den Fund illegal eingeführter Lebensmittel gestört wurde. Fest steht jedenfalls, dass viele Produkte, die Besucher in Halle 2.2. probieren dürfen, wohl so bald nicht in deutschen Supermärkten landen werden. Die Größe des Standes verschleiert die Bedeutung der russischen Landwirtschaft auf den Weltmärkten. In den Top Ten der wichtigsten Agrarexporteure taucht das Land nicht auf. Und dennoch: Der flächenmäßig größte Staat der Erde hat aufgeholt.

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