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Gita Gopinath, stellvertretende Direktorin des Internationalen Währungsfonds.

© Reuters / REUTERS

Tagesspiegel Plus

IWF blickt auf Folgen des Russland-Embargos: Wie Sanktionen die Dollar-Dominanz angreifen

Der Internationale Währungsfonds sieht durch die Russland-Sanktionen die Vorherrschaft der US-Leitwährung geschwächt. Was dafür spricht - und was dagegen.

Von Andreas Oswald

Es ließ aufhorchen. Gita Gopinath, stellvertretende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), sagte in der vergangenen Woche, die Finanzsanktionen gegen Russland würden die Dominanz des US-Dollars als Leitwährung verwässern.

Zwar werde der Dollar größte Währung bleiben. Aber: „Eine Fragmentierung des Finanzsystems ist sicherlich sehr wahrscheinlich. Wir sehen schon jetzt, dass manche Länder verhandeln, in welcher Währung sie beim Handel bezahlt werden wollen.“

Was genau sagt der IWF?

Hintergrund ihrer Äußerung ist eine Studie des IWF mit dem Titel „Die heimliche Erosion der Dollar-Dominanz“ vom 24. März, einen Monat nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Darin heißt es, der Anteil des US-Dollars in den weltweiten Reserven der Zentralbanken sei von 71 Prozent im Jahr 1999 auf 59 Prozent im vergangenen Jahr gesunken.

Dies sagt etwas über langfristige Trends aus, aber noch nichts über die jüngsten Sanktionen. So kann in der Zahl von 1999 auch noch nicht die Bedeutung des Euros enthalten sein, dessen Rolle als neue Großwährung in den Reserven erst in der Folgezeit steigen konnte und heute einen Anteil von 20 Prozent ausmacht, was nicht überraschend ist.

Elvira Nabiullina, Leiterin der russischen Zentralbank, hat nach den Sanktionen die Leitzinsen von zehn auf 20 Prozent verdoppelt, um den Rubel zu stabilisieren.

© imago / imago images/SNA

Der IWF konstatiert jetzt aber in seinem Papier eine zunehmende „aktive Portfolio-Diversifizierung“ der Notenbanken. Ein Viertel der Umschichtung gehe in den chinesischen Renminbi und drei Viertel in kleinere Währungen wie den australischen Dollar, den kanadischen Dollar sowie andere asiatische und skandinavische Währungen.

„Der Wettbewerb der Reservewährungen war gewöhnlich ein Kampf der Giganten“, heißt es. Es gehe nicht darum, dass der Dollar ersetzt wird, sondern jetzt bekämen kleinere Währungen einen größeren Anteil am Kuchen.

Welche Bedeutung hat der US-Dollar?

Der US-Dollar ist unumstritten die Leitwährung der Welt. Der weitaus größte und wichtigste Teil des internationalen Handels wird in dieser Währung abgewickelt. Ohne US-Dollars sind wichtige Handelsgüter nicht zu bekommen. Das Dollarsystem Swift koordiniert weltweite Dollarzahlungen und ist das effizienteste Zahlungssystem der Welt.

Länder, die vom Dollarsystem ausgeschlossen sind, haben praktisch keine Chance, an der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung teilzuhaben. Bisher betraf das vor allem extrem kleine und arme Länder, sowie den sanktionierten Iran und jetzt auch Russland.

Der US-Dollar ist auch deshalb die wichtigste Währung, weil US-Staatsanleihen die sicherste Anlageform der Welt sind. Wie kein anderer Markt sind sie jederzeit zu einem fairen Marktpreis international frei handelbar und haben einen so großen Umfang, dass sie sich als Großanlage für Zentralbanken eignen, die für ihre Reserven eine Anlage suchen, erst Recht, wenn es im Außenhandel verdiente US-Dollars sind, die angelegt werden müssen.

Andere sichere Staatsanleihen, wie deutsche, oder schweizerische, haben nicht den Marktumfang, der benötigt wird, wenn jeden Monat viele viele Billionen angelegt werden müssen. US-Staatsanleihen können überall als anerkannte Sicherheit hinterlegt werden, auch bei Zentralbanken.

Der US-Dollar und die US-Staatsanleihen sind deshalb der Kern des Weltfinanzsystems. Kein institutioneller Investor kommt ohne es aus, ob das Banken, Versicherungen, Pensionskassen oder andere Alterssicherungssysteme sind oder eben Regierungen und ihre Zentralbanken weltweit.

Was spricht für eine Schwächung der Rolle des US-Dollars?

Die USA und ihre Alliierten in Europa und Asien haben als Sanktion die russischen Währungsreserven und Wertpapiere, die in Europa und den USA liegen, eingefroren und blockiert. Dieser Schritt ist in diesem Ausmaß ohne Beispiel. Dass der US-Dollar zur Kriegswaffe gemacht wird, ändert für viele Länder die Lage. Sie müssen ab jetzt auch damit rechnen, dass sie künftig Opfer solcher Sanktionen werden und versuchen deshalb, ihre Reserven zu diversifizieren.

Solche alarmierten Länder sind zum Beispiel Brasilien, Südafrika, Mexiko, Indien. Und dann die Großmacht China. „Die Sanktionen waren erderschütternd“, sagte John Smith, der früher führender Sanktionsverantwortlicher im US-Finanzministerium war, der „Financial Times“. „Sie haben die Gussform des internationalen Finanzsystems zerbrochen.“

Die Sanktionen haben die Gussform des internationalen Finanzsystems zerbrochen

John Smith, führender früherer Sanktionsverantwortlicher im US-Finanzministerium

Die Angst der anderen Länder besteht darin, dass wenn die Regeln für Russland geändert werden, dann würden die Regeln für die ganze Welt geändert.

Indien hat bereits angekündigt, Russland bei der Umgehung der Sanktionen beizustehen. So soll für den Handel zwischen diesen Ländern eine alte Institution aus der Sowjetära wiederbelebt werden, die den Austausch von Waren und Dienstleistungen über ein Verrechnungssystem ermöglicht. Das ist zwar viel weniger effizient und komplizierter und teurer als das Dollar-System, ermöglicht aber Handel zwischen diesen beiden Ländern.

Was plant China gegen den Dollar?

Peking bemüht sich seit vielen Jahren darum, die internationale Bedeutung der chinesischen Währung zu steigern. Das ist schwierig, weil Chinas Währung nicht restlos frei konvertierbar ist und zum Teil strenger staatlicher Kontrolle und Manipulation untersteht. Sie kann schon deshalb nicht mit dem Dollar konkurrieren.

Aber Peking arbeitet seit längerem schon an einer Art Gegen-Swift. Es heißt Cips und ist ein Renminbi-denominiertes grenzüberschreitendes Zahlungssystem. Es hat 1200 Mitgliedsinstitutionen – sprich Banken – aus 100 Ländern. Aber diese Zahlen täuschen. Der Umfang der Transaktionen ist klein. Aber Peking baut damit eine Zahlungsinfrastruktur auf, die in Zukunft größer werden und dem Dollar Wasser abgraben könnte.

Warum hat sich der Rubel vollständig erholt?

Vor dem Angriff hatte Moskau ausgerechnet, der Rubel würde zum Dollar auf 100 zu eins fallen. Nach dem Einfrieren der russischen Dollarreserven fiel der Rubel innert weniger Tage viel stärker, auf 135 zu eins, das war fast eine Halbierung. Seither hat er sich nahezu vollständig erholt. Sind die Sanktionen ins Leere gelaufen?

Die Erholung des Rubels ist in erster Linie auf zwei Faktoren zurückzuführen. Elvira Nabiullina, Chefin der russischen Zentralbank, hatte die Leitzinsen von zehn auf 20 Prozent verdoppelt, um den Rubel zu stabilisieren. Zweitens hat Moskau strenge Kapitalkontrollen eingeführt. Diese verhindern, dass Firmen, Institutionen und Privatpersonen ausländische Währungen ins Ausland transferieren können. Zudem gab die Regierung den Sparern Garantien, dass ihre Rubelkonten nicht an Wert verlieren.

Diese Interventionen verzerren aber den Marktwert des Rubels. Wäre er frei handelbar, sähe es anders aus.

Was spricht gegen eine Schwächung des Dollars?

Es gibt keine Alternativen. Die USA sind die größte Volkswirtschaft mit der größten und stärksten Währung. Kein anderes Land kann damit konkurrieren.

China muss seine Währungsreserven in Höhe von 3,2 Billionen Dollar anlegen. Aber wo, wenn nicht in den USA?

Der Euro und der Yen können nur wenig absorbieren. Außerdem stehen die Euro-Länder und Japan auf Seiten der USA, wenn es um Sanktionen geht. Bleiben also nur kleine Währungen, aber sie sind zu klein, um da große Summen anlegen zu können. Es gibt kein Entrinnen.

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