Kopieren statt erfinden : Womit Apple künftig Geld verdienen will

Der Konzern verkauft weniger iPhones und will nun zum Dienstleister werden. Ein neues Geschäftsfeld könnte die elektronische Patientenakte sein.

Laurin Meyer
Apple baut um und will künftig auch auf Computerspiele sowie den eigenen Streamingdienst setzen.
Apple baut um und will künftig auch auf Computerspiele sowie den eigenen Streamingdienst setzen.Foto: Chance Chan/rtr

Wenn Steve Jobs in seinen Präsentationen noch „eine weitere Sache“ ankündigte, dann konnten Fans sicher sein: Apple bringt das nächste große Ding auf den Markt. Auf diese Weise stellte der verstorbene Apple-Gründer etwa das MacBook oder den iPod vor, unter ihm entwickelte Apple das iPhone. Wohl kaum etwas stand mehr für die Innovationskraft des Tech-Konzerns als Jobs’ berühmtes „One More Thing“. Doch in den vergangenen Jahren blieben die großen Neuerungen aus. Fast die Hälfte des Umsatzes hängt noch heute am iPhone.

Und ausgerechnet dieses Geschäft schwächelt jetzt. Zum zweiten Mal infolge sind die Verkäufe der Geräte drastisch gesunken. Im ersten Quartal des Jahres brach der iPhone-Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 17 Prozent ein, wie Apple diese Woche mitteilte. Im vergangenen Weihnachtsgeschäft ließ der Absatz um 15 Prozent nach. Hat der Konzern in Erfolgszeiten noch die genauen Verkaufszahlen verraten, behält Apple die Daten nun für sich.

Streaming, Spiele und Nachrichten statt iPhone

Das Schweigen hat einen Grund. Apple will unabhängiger vom iPhone werden – und sein Geld künftig mit Dienstleistungen verdienen. In den kommenden Wochen bringt der Konzern eine Reihe von neuen Angeboten auf den Markt. Da wäre etwa der eigene Streamingdienst, der selbst produzierte Filme und Serien enthalten soll. Dafür konnte Apple bereits hochkarätige Stars wie Jennifer Aniston gewinnen. In etwa hundert Ländern soll der Dienst noch im Mai starten. Im Herbst soll er nach Deutschland kommen. Dann will Apple auch eine neue Games-Plattform starten. Für einen monatlichen Fixpreis sollen Zocker über „Arcade“ mit sämtlichen Geräten auf gut 100 Spiele zugreifen können. Laut „New York Times“ stellt Apple den Entwicklern pro Spiel gleich mehrere Millionen Euro bereit. Und auch bei Finanzdienstleistungen will Apple stärker mitmischen: Gemeinsam mit Goldman Sachs soll der Konzern für iPhone-Nutzer bald eine eigene Kreditkarte auf den Markt bringen. Dabei bietet das Unternehmen mit Apple Pay schon einen mobilen Bezahldienst an, der das Plastikgeld eigentlich ersetzen soll. Hinzu kommt noch ein neues Zeitungsabonnement. Nutzer können darüber für monatlich zehn Dollar die Artikel aus rund 300 Tageszeitungen und Magazine lesen.

Beobachter sind sich nicht einig

Analysten sind sich uneins über die neue Strategie: „Apples Fokus auf Dienstleistungen ist gerechtfertigt“, findet Gene Munster, Apple-Analyst bei Loop Ventures. Der Experte sieht darin kein Manöver zur Ablenkung von sinkenden iPhone-Verkäufen, sondern eine logische Erweiterung. Munster beruft sich auf die Zahlen. Apples Dienstleistungsgeschäft konnte im abgelaufenen Quartal um 16 Prozent zulegen, wenngleich der Anteil am Gesamtumsatz von einem Fünftel noch gering ist. HSBC-Banker Erwan Rambourg ist da skeptischer. Der Konzern sei zu spät dran, sagt er. Auch wenn ein neuer Videodienst, eine Nachrichtenplattform oder Games die Aufmerksamkeit der Kunden auf sich ziehen könnten: „Die Angebote unterscheiden sich kaum von der Konkurrenz und sind teils sogar schlechter“, schrieb der Apple-Experte in einer Mitteilung an seine Anleger. Tatsächlich ist die Konkurrenz groß. Amazon und Netflix haben den Serienmarkt unter sich aufgeteilt, an Spieleflatrates arbeiten Entwickler wie Electronic Arts.

Apple sitzt auf 113 Milliarden Dollar

Kopieren statt erfinden scheint das Motto zu sein. Dabei böte Apples Finanzlage das Potenzial für Größeres. Aus den Erfolgsjahren konnte der iPhone-Hersteller ein Netto-Polster von 113 Milliarden Dollar anlegen – genug, um theoretisch zweimal den US-Elektroautobauer Tesla zu kaufen. Doch statt in Übernahmen fließt ein Großteil des Geldes in Aktienrückkaufprogramme. Für insgesamt 75 Milliarden Dollar will Apple wieder einmal eigene Anteilsscheine erwerben. Allein im jetzt abgelaufenen Quartal schüttete Apple schon gut 27 Milliarden Dollar über Rückkäufe und Dividenden an seine Aktionäre aus. Das ist zusammengerechnet mehr als doppelt so viel, wie das Unternehmen im selben Zeitraum an Cashflow erwirtschaftete. Anleger freuen sich über die Rückkäufe. Schließlich gilt es als positives Zeichen, wenn der Vorstand ins eigene Geschäft vertraut. Hinzu kommt: Je weniger Papiere im Umlauf sind, desto höher fällt die Dividende aus. Bei Apple stieg sie zuletzt sieben Mal in Folge. Doch Beobachter sehen in den Aktienrückkäufen oft auch einen Ausdruck von Ideenlosigkeit.

Immer wieder haben Analysten über Zukäufe des Tech-Herstellers spekuliert, etwa über eine Übernahme von Netflix. Doch das dürfte spätestens seit der Ankündigung des eigenen Streamingdienstes vom Tisch sein. Und auch Großprojekte wie ein autonom fahrendes E-Auto scheinen wieder in weiter Ferne. Erst im Januar hat Apple 200 Mitarbeiter von seinem Autoprojekt „Titan“ abgezogen, wie der US-Sender CNBC berichtete.

Apple als Arzthelfer

Ein Ass könnte Apple aber noch im Ärmel haben. Seit knapp einem Jahr bietet der Konzern in den USA eine elektronische Patientenakte an – mit Informationen wie Laborergebnissen und Impfungen. Nicht nur Nutzer können die Daten mit dem iPhone abrufen, auch Ärzte haben Zugriff. Mehr als 200 US-Krankenhäuser und -Kliniken sind darüber bereits mit ihren Patienten vernetzt.

In Deutschland steht eine Beta-Version zur Verfügung, allerdings ohne die Anbindung an Krankenhäuser. Doch deutsche Ärzte sind jetzt schon begeistert: „Wenn es Apple gelingt, ihre Gesundheitsakte zu dem Ort zu machen, an dem der Nutzer alle seine Gesundheitsdaten sammelt, dann ergeben sich hier fantastische Möglichkeiten“, sagt Lutz Fritsche, medizinischer Vorstand der Paul Gerhardt Diakonie in Berlin. Zwar habe Apple bei seinem Tempo gute Chancen, sich als großer Player durchzusetzen. Allzu viel Zeit sollte sich der Konzern dennoch nicht lassen. Auch Krankenkassen und Medizinfirmen arbeiten schon an eigenen Angeboten.

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