Stress wegen permanenter Erreichbarkeit : E-Mail vom Chef am späten Abend? Wird gelöscht!

Porsches Betriebsratschef Uwe Hück will, dass Nachrichten nach Feierabend automatisch gelöscht werden. Das allein löst aber nicht das Stressproblem in deutschen Firmen.

Wer sogar im Bett noch Nachrichten beantwortet, schläft schlecht, und kann auf Dauer krank werden.
Wer sogar im Bett noch Nachrichten beantwortet, schläft schlecht, und kann auf Dauer krank werden.Foto: Getty Images/iStockphoto

Obwohl der Feierabend ein urdeutsches Wort ist, wird er immer mehr Menschen fremd. Sollten sie sich in den letzten Stunden des Tages eigentlich von der getanen Arbeit entspannen, müssen nicht wenige nach dem Essen mit der Familie noch schnell eine wichtige Nachricht beantworten oder einen Kunden anrufen, der nicht bis zum nächsten Morgen warten kann. Sogar über die Weihnachtsfeiertage und zwischen den Jahren müssen drei von vier Berufstätigen, obwohl sie Urlaub haben, dienstlich erreichbar sein, wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom ergab. Weil diese Erwartungshaltung der Gesundheit schadet, fordert Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück die Löschung dienstlicher E-Mails während der Freizeit.

Die Mailkonten der Beschäftigten sollen in der Woche zwischen 19 Uhr und sechs Uhr, am Wochenende und im Urlaub gesperrt werden, sagte Hück der Deutschen Presse-Agentur. „Abends noch Mails vom Chef lesen und beantworten, ist unbezahlte Arbeitszeit, die den Stress erhöht – das geht gar nicht.“ Mails, die in dieser Zeit eintreffen, sollten automatisch an den Absender zurückgeschickt werden und erst gar nicht in der Mailbox des Mitarbeiters auftauchen.

Hück will eine Betriebsvereinbarung ausarbeiten, die eine solche Mailsperre festlegt. Setzt er sich damit durch, wäre sein Vorhaben eine strengere Variante von dem, was beim Porsche-Mutterkonzern VW schon gilt. Dort können Tarifbeschäftigte unter der Woche zwischen 18 Uhr und sechs Uhr sowie an Wochenenden keine Dienstmails mehr bekommen oder versenden. Sie werden aber nicht gelöscht, sondern kommen am nächsten Morgen an. Das sei „vergleichbar mit einem Funkloch“, sagt ein VW-Betriebsratssprecher. Hück geht das nicht weit genug. „Was nützt Dir eine Mailsperre, wenn Du ins Büro kommst und erstmal Unmengen an Mails abarbeiten musst“, meint er.

Was Daimler und BMW für mehr Ruhe tun

Was er sich vorstellt, existiert in ähnlicher Form beim Autobauer Daimler. Dort können Mitarbeiter ihr Mailkonto so einstellen, dass Nachrichten im Urlaub automatisch gelöscht werden und der Absender darüber informiert wird. Das freiwillige Angebot wird laut einem Daimler-Sprecher durchaus genutzt. Eine Statistik, die das bestätigt, gibt es nicht. Bei BMW wiederum gibt es ein „Recht auf Nichterreichbarkeit nach Feierabend, im Urlaub und am Wochenende“. Automatisch blockiert oder gelöscht wird aber nichts.

Nicht nur in der Automobilbranche wird darüber nachgedacht, wie Mitarbeiter besser zur Ruhe kommen: Bei der Deutschen Telekom gibt es eine „Blackberry-Policy“, eine Selbstverpflichtung der Leitenden Angestellten, auf Anrufe und Nachrichten in der freien Zeit ihrer Mitarbeiter zu verzichten. BASF hat ein Programm namens „E-Mail-Diät“, entwickelt, bei der Mitarbeiter ihr Mailverhalten kritisch hinterfragen sollen: Ist diese Mail notwendig? Muss sie wirklich jetzt geschrieben werden?

Der Grundgedanke bei BASF ist ein bewussterer Umgang mit Nachrichten. Um das Stressproblem in deutschen Firmen zu lösen, braucht es den jedoch auch seitens der Mitarbeiter, die ihr Handy oftmals schon reflexhaft zücken, sobald sie zwei Minuten auf die S-Bahn warten. Ob sie während der Fahrt dann noch einmal in den Posteingang gucken, dem Vorgesetzten Grenzen aufzeigen oder nicht, liegt auch in ihrer Verantwortung. Zum anderen braucht es eine Unternehmenskultur, die den Mitarbeitern nicht unterschwellig doch vermittelt, ständig verfügbar sein zu müssen, um beispielsweise befördert zu werden. In einer Studie der Techniker Krankenkasse sagen neun von zehn Befragten, dass es letztlich an den Führungskräften liegen würde, ob tatsächlich auf ein gesundes Arbeiten geachtet werde – oder nicht.

Vereinbarung beinhaltet jedoch Ausnahmen

Dabei ist es für Hück auch betriebswirtschaftlich gesehen sinnvoll, die Beschäftigten nicht zu überfordern. „Der Fachkräftemangel wird sich verschärfen, die Suche nach Mitarbeitern wird immer schwieriger – also muss man doch die Belegschaft hegen und pflegen, damit sie möglichst lange im Unternehmen bleibt“, sagt er. Zudem ist wissenschaftlich bewiesen, dass eine Arbeit, die nie wirklich endet, den Schlaf stört, zu Erschöpfung führt, unproduktiv und sogar psychisch krank machen kann – was hierzulande ein immer häufigerer Grund für Krankschreibungen ist. „Ohne bessere Schutzbedingungen würde eine Welle an Burnouts kommen“, warnt Hück.

Bei seiner Vereinbarung soll es allerdings Ausnahmen geben – und zwar ausgerechnet für jene, die besonders betroffen sind: Die Spätschicht; Kollegen, zu deren Aufgabe die Kommunikation mit Kollegen oder Kunden in China oder den USA gehört, also Märkten in anderen Zeitzonen und außertariflich bezahlte Mitarbeiter wie etwa Führungskräfte. Wer als Manager einen hohen Bonus bekomme, der könne auch abends im Bett ruhig noch eine Mail beantworten.

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