Über die Abhängigkeit vom Netz : "Wir sollten Digitalisierung nicht mehr anbeten"

Es ist Zeit für die Neuentdeckung der Realwirtschaft. Digitalisierung kann immer nur Mittel zum Zweck sein. Ein Gastbeitrag

Marie-Luise Wolff
Das Smartphone spielt inzwischen eine wichtige Rolle im Leben vieler Menschen.
Das Smartphone spielt inzwischen eine wichtige Rolle im Leben vieler Menschen.Foto: Getty Images/iStockphoto

Im katholischen Rheinland aufgewachsen, kannte ich mich mit Anbetungen von Anfang an aus. Religion und Glaube sind mir zwar nicht fremd geworden, aber von der kultigen Heiligenverehrung habe ich mich als Heranwachsende schnell emanzipiert. Die Ikonen von heute sind die Bildschirme unserer Smartphones und Laptops – alleine, die Emanzipation will uns nicht gelingen.

Kaum je vergehen noch fünf Minuten, in denen wir nicht Mails checken, chatten oder Statusänderungen posten. Und es vergeht auch kein Tag mehr, an dem uns nicht ein CEO oder ein Politiker warnt, dass wir die Digitalisierung verschlafen und den Anschluss an die Weltwirtschaft verlieren. Digitalisierung ist schon seit vielen Jahren der vermeintliche Sound der Zukunft: Das schnelle Rezept gegen alles Alte, glamourös, für jeden da, 24/7 vereinfacht sie das Leben, gibt Orientierung, schafft Reichtum, ist Freund und Leader. Mit derlei Geschwätz werden wir von den Apologeten der schönen neuen Welt aus dem Silicon Valley und anderswo täglich zugedröhnt. Und vergessen dabei: Die Anbetung der Bildschirme bringt die Menschheit keinen Schritt weiter. Statt uns das Digitale zu Nutze zu machen, begeben wir uns immer mehr in eine Abhängigkeit von ihm und seinen Machern – einem Dutzend Unternehmen mit Weltmonopolen in den USA und China.

"Tesla löst die Klimakrise nicht"

Dabei leben wir in einer Zeit, in der die Probleme auf unserem Planeten immer größer und drängender werden. Gerade jetzt sind Wirtschaft und Politik gefordert wie kaum je zuvor, Lösungsstrategien für die großen Menschheitsfragen zu entwickeln. Doch Facebook und Alibaba bekämpfen nicht Covid-19. Sie entwickeln kein Medikament und keinen Impfstoff. Tesla löst die sich verschärfende Klimakrise nicht. Und Amazon unternimmt nichts gegen die Vermüllung und Überfischung der Weltmeere.

Zu Beginn der 2010er Jahren habe auch ich der Digitalisierung geradezu reformatorische Kraft zugetraut. Zu verführerisch klangen ihre vermeintlichen Möglichkeiten: Weniger Bürokratie, weniger Hierarchie, weniger Patriarchat. Mehr Demokratie, mehr Teilhabe, mehr Fortschritt. Zehn Jahre später ist die Bilanz für mich ernüchternd – mehr noch: Die Fehlentwicklungen überwiegen. Heute spreche ich der Digitalisierung eine Gewinnwarnung aus. Wir müssen als Gesellschaft und als Wirtschaft umsteuern, unsere Haltung zur Digitalisierung und unseren Umgang mit ihr verändern.

Marie-Luise Wolff ist Vorstandsvorsitzende des Ökostromanbieters Entega AG und Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft.
Marie-Luise Wolff ist Vorstandsvorsitzende des Ökostromanbieters Entega AG und Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen...Foto: promo

Hören wir auf, unsere und die Zeit unserer Mitmenschen zu verschwenden, in dem wir uns in Gesprächen ständig vom Vibrieren, Piepsen, Nachrichten konsumieren oder selber tippen ablenken lassen. Trauen wir uns wieder echte Debatten und Dispute zu, statt uns gegenseitig mit hingeworfenen 120-Zeichen-Häppchen zu provozieren und zu beleidigen. Und werden wir als Unternehmen in Deutschland und Europa wieder selbstbewusster. Entwickeln wir wieder Technologien und Produkte, die wirklich innovativ sind, unsere Gesellschaften voranbringen, dem Gemeinwohl dienen und ökologische wie soziale Probleme lösen.

"Digitalisierung kann immer nur Mittel zum Zweck sein"

Digitalisierung kann immer nur Mittel zum Zweck, nicht der Zweck selbst sein. Sie muss geführt werden, damit sie gut wird und uns hilft. Technologie darf nicht uns Menschen treiben. Unreguliert haben ihre Algorithmen es schon heute geschafft, uns in unseren fundamentalsten menschlichen Eigenschaften zurückzuentwickeln. Es ist Zeit für die Rückkehr zu echtem, analogen menschlichen Miteinander.

Digitalen Heilsversprechen und Internet-Spielzeug müssen wir als Unternehmen mit echten Problemlösungen etwas entgegensetzen. Nicht Digitalisierung ist das Ziel, sondern die Beseitigung von Menschheitsproblemen unter Zuhilfenahme von Digitalisierung. Es ist Zeit für die Neuentdeckung der Realwirtschaft.

Marie-Luise Wolff ist Vorstandsvorsitzende des Ökostromanbieters Entega AG und Präsidentin des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft. Kürzlich ist ihr Buch „Die Anbetung. Über eine Superideologie namens Digitalisierung“ im Westend Verlag erschienen.

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