Die gesamte Branche sieht sich mit einem Kulturwandel konfrontiert

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Umzug nach Falkensee : Traditionsunternehmen Herlitz verlässt Berlin

Wie die Kanzlerin strebt auch Herlitz ins Zentrum der Gesellschaft. „Wir sehen uns als die Marke der Mitte“, sagt Frankenberg, was er vor allem am Preis festmacht. Qualitativ lägen sie deutlich darüber. Eine fertige Strategie gebe es allerdings noch nicht, heißt es, was der Hauptgrund für die zögerliche Unternehmenskommunikation sei. Diverse Interviewanfragen wies Herlitz in den vergangenen Jahren ab. Hier, zwischen bunten Taschen, Federmäppchen, Bleistiften und Designerfüllern redet der Manager aber plötzlich Klartext. Die Branche sei derzeit mit einem Kulturwandel konfrontiert. „Der durchschnittliche Deutsche bekommt im Jahr zwar 220 Briefe, schreibt aber selbst nur noch vier“, sagt Frankenberg. Briefe schreiben sei für viele eine antiquierte Kommunikationsform. Bevor Herlitz 2009 die Briefumschlagfertigung verkaufte, habe sich der Umsatz des gesamten Marktbereichs binnen sechs Jahren halbiert. „Es ist schwer, aus einem Briefumschlag eine Marke zu machen“, gibt Frankenberg zu. Aus den Büros verschwinden die Hängeordner, das Smartphone ersetzt den Notizblock. Auch wie in Zukunft die Schule aussieht, wisse niemand. „Vielleicht schreiben Schüler in 20 Jahren gar nicht mehr mit Stiften, sondern auf Pads.“

Parallel gilt es, den Vertrieb neu zu organisieren. „2013 wird erstmals Amazon in der Top drei unserer Kunden für Ranzen sein“, sagt Frankenberg, und die Schüler erreiche man zunehmend besser über Social Media.
Das Hauptproblem sei aber auch gar nicht die Marke Herlitz selbst, die laufe, sondern die Altlasten, die man nach und nach abstößt. Zuletzt stellte Herlitz die Produktion für andere Hersteller, das sogenannte „Private Label“-Geschäft ein. Diverse andere Sparten stehen auf dem Prüfstand. Selbst der Gründungsstandort Berlin ist betroffen. 2013 soll der angemietete Verwaltungssitz, wo heute 258 Leute arbeiten, zum größten Teil von Tegel auf das betriebseigene Fertigungsgelände im brandenburgischen Falkensee umziehen, wie eine Sprecherin dem Tagesspiegel sagte. „Ziel ist es, die Produktion und Organisation an einem Ort zu bündeln.“ Unter anderem soll jedoch eine Kreativabteilung in Berlin beheimatet bleiben. Wie groß diese sein und welche Aufgaben sie genau haben wird, ist allerdings noch unklar. Arbeitsplätze sollen durch den Umzug jedenfalls nicht verloren gehen.

Was manchem als großer Findungsprozess erscheint, weckt bei anderen große Hoffnungen. Bei Matthias Werner zum Beispiel. Der Bad Homburger Rechtsanwalt hält inzwischen knapp über fünf Prozent der Herlitz-Aktien, was ihn, nach Pelikan, die inzwischen rund 70 Prozent kontrollieren, zum zweitgrößten Einzelaktionär des Unternehmens macht. Auch wenn heute kaum mehr ein Analyst die Aktien, die Mitte der 1990er Jahre einmal mehr als 200 Euro kosteten und heute bei 1,80 Euro herumdümpeln, auf dem Zettel hat, glaubt Werner, dass das Papier klar unterbewertet sei. Das Herlitz-Revival stehe kurz bevor, ist er sicher. Und kauft weiter.
Am kommenden Dienstag ist Werner in Berlin. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung soll der Nennwert der Aktie von derzeit 4,26 Euro auf einen Euro herabgesetzt werden. Ein buchhalterischer Vorgang, um das Eigenkapital mit den in der Bilanz enthaltenen Verlusten zu verrechnen. „Dann können künftige Gewinne ausgeschüttet werden“, sagt Werner.

Von Dividenden will bei der Präsentation allerdings noch niemand sprechen. „Den Weg, den wir gehen müssen, haben wir zur Hälfte geschafft“, schätzt Falkenberg. Anfang 2013 sei man wohl bereit, mit einer Strategie an die Öffentlichkeit zu gehen.

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