Alexander von Humboldt-Professoren : Gekommen, um zu bleiben

Beim Werben um Top-Leute sind nicht nur große Hochschulen erfolgreich.

Roboter lernen von Humboldt-Professor Oliver Brock in Berlin geschicktes Zugreifen.
Roboter lernen von Humboldt-Professor Oliver Brock in Berlin geschicktes Zugreifen.Foto: TU Berlin/Pressestelle/Philipp Arnoldt

Fünf Anträge, vier Bewilligungen, drei Berufungen. Ein aktiver Humboldt-Professor sowie ein Preisträger, der auch nach Auslaufen der fünfjährigen Förderung weiter an der Hochschule forscht: Das ist die beachtliche Bilanz der Technischen Universität Berlin (TU). Für Hans-Ulrich Heiß, TU-Vizepräsident für Lehre, Digitalisierung und Nachhaltigkeit, ist die Humboldt-Professur ein Erfolgsmodell: „Das sind traumhafte Bedingungen, zumal es kaum Restriktionen gibt, wie das Geld verwendet wird“, sagt er. „Die Freiheit, die Forscher auf diese Weise erlangen, ist herausragend.“

Mit dem Informatiker Oliver Brock holte die TU 2009 einen der ersten Humboldt-Professoren nach Berlin. Heute leitet der Experte für Intelligenzforschung und Robotik das Robotics and Biology Laboratory der Hochschule und hat mit seinem Clusterprojekt „SCIoI – Science of Intelligence“ gute Chancen in der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder. „Wir hatten damals eine Robotikprofessur ausgeschrieben und Oliver Brock im Auge, der in den USA forschte“, erinnert sich Heiß. Unter normalen Umständen hätte die Hochschule beim Werben um den Top-Kandidaten mit der internationalen Konkurrenz nicht mithalten können. „Da war die Humboldt-Professur eine tolle Chance.“

Die Professur lockt internationale Spitzenforscher

Die TU nutzte sie. Und gewann mit Giuseppe Caire 2014 einen weiteren Preisträger. Der Italiener gilt als Pionier der mobilen Datenübertragung und entwickelte an der University of Southern California die Grundlagen für Mobilfunk, Bluetooth und W-Lan mit. Vor wenigen Wochen erhielt er einen ERC Advanced Grant des Europäischen Forschungsrates, die wichtigste europäische Auszeichnung für Wissenschaftler.

Zwei Beispiele, die zeigen: Die Humboldt-Professur macht Deutschland für internationale Spitzenforscher attraktiv. Dass diese Rechnung nicht nur an großen Universitäten aufgeht, sondern auch an kleineren Standorten jenseits der Metropolen, beweist die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Mit Stuart Parkin, Elisabeth Décultot und Tiffany Knight (siehe nächste Seite) holte sie 2014, 2015 und 2016 drei Humboldt-Professuren in Folge an die Saale. Wie gelang das?

Michael Bron, Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs in Halle, sieht vor allem zwei Gründe: „Unsere konsequente Schwerpunktbildung seit den 2000er Jahren und gute persönliche Kontakte.“ Ein solch starkes Forschungsumfeld konnte Halle dem britischen Experimentalphysiker und Millennium-Preisträger Stuart Parkin mit dem Schwerpunkt „Nanostrukturierte Materialien“ bieten – ebenso wie der Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Décultot am Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung und der Ökologin Tiffany Knight mit dem Fokus der Uni auf Biowissenschaften.

Nominiert wurde die amerikanische Umweltforscherin, die am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig arbeitet, von der Martin-Luther-Universität gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – ein Beispiel dafür, wie die Professur die Vernetzung von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen befördern kann.

Die Preisträger schimpfen über das starre Tarifsystem

In Halle hat man aber auch erlebt, was Skeptiker zum Start der millionenschweren Förderung prophezeiten: die Angst der Kollegen vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. „In einem Fall gab es schon die Befürchtung, dass man selbst mit der eigenen Forschung abgehängt wird“, berichtet Michael Bron. In langen Diskussionen habe man das Kollegium dann jedoch von den Vorteilen überzeugen können.

Auch die Preisträger selbst reiben sich manchmal erstaunt die Augen über den deutschen Forschungsbetrieb, schimpfen über das ungewohnt starre Tarifsystem oder die Verwaltungsbürokratie. Dass zum Beispiel Lebenspartner oder Kollegen, mit denen man gern zusammen forschen möchte, nicht einfach so auf Professuren berufen werden können, sondern sich in einem regulären Verfahren gegen andere Bewerber durchsetzen müssen, verwundere viele, berichten Bron und Heiß übereinstimmend.

Auch ein „besonderes Maß an Unterstützung und Betreuung“ seien Kandidaten aus dem Ausland gewohnt, berichtet der TU-Vizepräsident. Neben einem Dual Career Service, der passende Stellen für Partner vermittelt, betreffe das zum Beispiel Unterstützung bei der Wohnungs- und Schulsuche für die Kinder. „2009 steckten wir da noch in den Anfängen. Heute ist ein solcher Service selbstverständlich.“

Wie es nach Auslaufen der Förderung weitergehen soll, müssen die Unis schon bei der Antragstellung darlegen und später mit den Kandidaten aushandeln. Oliver Brock jedenfalls haben die Bedingungen in Berlin überzeugt. Hier forscht er weiter an Robotern – die eines Tages genauso geschickt wie Menschen im Alltag zurechtkommen sollen.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!