Buch "Hochschulreformen" von George Turner : Zickzack-Kurs für die Universitäten

Tagesspiegel-Kolumnist George Turner nimmt sich in seinem neuen Buch die Hochschulreformen vor. Diese würden einem Zickzack-Kurs gleichen: Vieles ist Wiederkehr in neuem Gewand.

Viele Hochschulreformen erweisen sich als "Mode", schreibt Turner.
Viele Hochschulreformen erweisen sich als "Mode", schreibt Turner.Foto: obs/HPI Hasso-Plattner-Institut/HPI/Kay Herschelmann

Noch jede Regierung in Bund oder Land wartete mit neuen Ideen für die Hochschulen auf – das reicht von der Expansion der Hochschulen seit Ende der sechziger Jahre über die Erfindung der Gesamthochschule bis zu Bachelor und Master. Die inneruniversitäre Mitbestimmung war und ist genauso betroffen wie die Personalkategorien oder das Bafög. „Hochschulreformen – eine unendliche Geschichte seit den 1950er Jahren“, lautet denn auch der Titel von George Turners neuem Buch.

Der Tagesspiegel-Kolumnist identifiziert die Hochschulen darin als ein besonders reformanfälliges Feld. Das führt er keineswegs auf ihre tatsächliche Reformbedürftigkeit zurück. Vielmehr sieht er die seit 50 Jahren anhaltende Reformitis vor allem in der Tatsache, dass die Länder auf keinem anderen Feld so viel Einfluss nehmen können wie auf Bildung und davon – unter Einwirkung zahlreicher Akteure von der Rektorenkonferenz über die Wirtschaft bis zu Gewerkschaften – auch Gebrauch machen.

Die zuständigen Politiker sind of hochschulpolitische Laien

Das Ergebnis: Ein Zickzack-Kurs und die Wiederkehr des Alten im neuen Gewand. Letzteres werde von den zuständigen Politikern, inzwischen oft hochschulpolitische Laien, nicht einmal erkannt. Häufig würden die Reformen die Probleme nicht lösen, weil Folgen und Nebenwirkungen nicht erkannt würden, sie erwiesen sich als „Moden“ oder „Gags“. Etwa bei den Karrierewegen. So wenig wie andere Reformbemühungen in der Vergangenheit etwas an einem Heer prekär beschäftigter Wissenschaftler geändert haben, wird dies dem nun eingeführten Tenure-Track gelingen, meint Turner. Vielmehr müsste das Verhältnis zwischen Nachwuchsforschern und Professuren grundsätzlich in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden. Entsprechende Bestrebungen seien aber nicht in Sicht.

Das Buch ist gesättigt von Turners hochschulpolitischer Erfahrung als Professor, Hochschulpräsident, Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz und Senator für Wissenschaft und Forschung (parteilos) in Berlin und entsprechend dicht geschrieben. Dabei kann Turner sich auch auf seine vorherigen systematischen Analysen des Hochschulwesens stützen, darunter: „Hochschule zwischen Vorstellung und Wirklichkeit“ (2001), „Hochschule von A bis Z“ (2004, zusammen mit Joachim D. Weber) und „Von der Universität zur university“ (2013).

Das Buch speist sich aus George Turners Erfahrungen als Professor, Präsident und Politiker.
Das Buch speist sich aus George Turners Erfahrungen als Professor, Präsident und Politiker.Foto: Mike Wolff

Als meinungsfreudig, sogar als streitlustig ist Turner Tagesspiegel-Lesern aus seiner Kolumne „Turners Thesen“ bekannt. Auch in seinem Buch macht er immer wieder deutlich, wo er selbst steht – und erweckt seine sperrige Materie damit zum Leben. So hinterfragt er den Wunsch der OECD und anderer Akteure nach mehr Akademikern, stellt sich vor den Bildungsföderalismus, der garantiere, „dass kein flächendeckender Unfug geschieht“ oder kritisiert Fächergruppen und Hochschulen, die sich weigern, an Rankings teilzunehmen. Den Wissenschaftsrat, der regelmäßig Empfehlungen zur Entwicklung der Hochschulen gibt, nennt Turner angesichts des Einflusses der Staatsseite „zaghaft“ und stellt fest: „Angebracht wäre eine Empfehlung des Wissenschaftsrats zur Reform seiner selbst.“

Kritisch bewertet Turner die Exzellenzinitiative

Sehr kritisch bewertet Turner auch die Exzellenzinitiative. Zwar sei eine Differenzierung der über 80 deutschen Universitäten „unerlässlich“, weil „nicht alle das Niveau von Forschungsuniversitäten“ hätten. Doch letztlich würden die elf Universitäten, die im kommenden Jahr für die nächsten sieben Jahre an die Spitze gewählt werden sollen, auf der Basis einer politischen Entscheidung einen fragwürdigen „Sonderstatus“ erhalten. Denn Qualität an deutschen Universitäten sei sicher „nicht auf elf beschränkt“ und dort auch nicht in allen Disziplinen vorhanden.

Statt die deutschen Hochschulen näher an die Spitzen in den USA zu rücken, werde der Exzellenzwettbewerb das Gegenteil erreichen, indem er die Stärke der föderalen deutschen Unilandschaft – nämlich, dass viele Orte Hervorragendes zu bieten haben – zerstört. Jenseits der elf Siegerinnen würden den Unis bald bloß noch eine Ausbildungsfunktion zukommen: „So bleibt das deutsche Hochschulsystem weiterhin verkorkst“, schreibt Turner.

Eine düstere Prognose

Düster fällt seine Prognose auch generell aus: Auch in absehbarer Zeit würden die Akteure in den verschiedenen politischen Lagern sich nicht über hochschulpolitische Fragen einigen. Darum werde weiter reformiert werden, die Hochschulen dürften nicht hoffen, ein „Normalmaß an Ruhe“ zu finden.

Wer sich für Hochschulpolitik und ihre Geschichte interessiert, ist bei Turner genau richtig. Unbedingt lesen sollten es die von ihm beschriebenen fachfremden Politiker, die gerade erst für Hochschulen zuständig geworden sind – und über Reformen nachdenken.

Mehr zum Thema

- George Turner: Hochschulreformen. Eine unendliche Geschichte seit den 1950er Jahren. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2018. 381 Seiten, 79,90 Euro.

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