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Wie Schulen in der Pandemie wieder geöffnet werden können, ist gegenwärtig die Frage. 
© Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/dpa
Update

Vorschläge für sicheren Unterricht: Das ist der Expertenplan für die Schulöffnungen

Fachgesellschaften schlagen einen Stufenplan für die Öffnung vor und kritisieren mangelnde Umsetzung von Maßnahmen. Ministerin Karliczek mahnt zu Vorsicht.

Wie geht es weiter mit den Schulen im Lockdown? Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat jetzt dafür plädiert, "sehr sehr vorsichtig zu sein". Öffnungen dürften nur Schritt für Schritt und auf wissenschaftlicher Basis angegangen werden, sagte Karliczek am Montag in Berlin.

„Wir wissen, dass der Schulbetrieb zum Infektionsgeschehen beiträgt, auch wenn Kinder und Jugendliche – Gott sei Dank – selber seltener schwer erkranken“, sagte sie.

Schulöffnungen würden bei dem Treffen der Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Merkel zwar „sicher“ wieder eines der bestimmenden Themen sein. Dabei gehe aus ihrer Sicht aber nicht nur um das „Ob“. Von genauso großer Bedeutung sei das „Wie“, sagte Karliczek - auch wenn sich natürlich alle eine schnelle Rückkehr zur Normalität wünschten.

Anlass für Karliczeks Äußerungen war die Vorstellung von Leitlinien, die mehr als 30 Fachgesellschaften für einen sicheren Schulbetrieb erarbeitet haben. Die Leitlinien wolle sie aber nicht als Entscheidungsgrundlage dafür sehen, ob Schulen geöffnet werden können, sagte Karliczek – sondern als Blaupause dafür, wie diese dann umzusetzen sind, wenn es wieder losgehe. Sie bleibe bei Öffnungen "sehr defensiv".

Die Maßnahmen müssten "noch viel konsequenter" als bisher umgesetzt werden, sagte Karliczek - und kritisierte damit indirekt die Kultusministerkonferenz. Auch die an der Pressekonferenz teilnehmenden Professor:innen ließen durchblicken, dass sie die Situation an den Schulen vor den Schließungen nicht für ausreichend halten. Von "Verbesserungsbedarf" bei der Konsequenz in der Umsetzung sprach etwa Johannes Hübner, Infektiologe und Kindermediziner an der LMU München.

Was in den Leitlinien des BMBF steht

Für die Leitlinien haben sich die Vertreter:innen in einem mehrstufigen Verfahren abgestimmt, was sie auf Grundlage vorliegender Studien für die wirksamsten Maßnahmen halten. Alle Vorschläge wurden mit großer Mehrheit verabschiedet.

Herausgekommen ist eine Art Stufenplan mit größtenteils bekannten Vorschlägen. Diese würden aber nur "im Paket wirken", sagte die Epidemiologin Eva Rehfuess (LMU), die die Arbeit an den Richtlinien koordinierte: "Wir können uns nicht einzelne heraussuchen." Sie betonte, wie wichtig es sei, soziale Kontakte in den Schulen zu reduzieren, wenn man sicheren Unterricht wolle. Wann Schulen wieder öffnen, sei eine politische Frage. Auf jeden Fall gelte: "Wir müssen vorsichtig und schrittweise vorgehen."

Hier ein Überblick über die Vorschläge.

  • Kohortenbildung: Größere Gruppen sollen in kleinere aufgeteilt werden – abhängig vom Infektionsgeschehen. Bei „geringem“ Infektionsgeschehen soll das optional sein, bei „mäßigem“, „hohem“ und „sehr hohem“ Pflicht. Bei niedrigem Infektionsgeschehen könne eine Kohorte aus einem ganzen Jahrgang bestehen, bei höherem müsse man die Gruppe auf eine oder gar nur eine halbe Klassen reduzieren, erklärte Rehfuess.
  • Wechselunterricht mit halbierten Klassen/gestaffelte Öffnung nach Jahrgängen: Beides optional ab mäßigem Infektionsgeschehen, Pflicht ab sehr hohem. Bei hohem Infektionsgeschehen sollte es entweder Wechselunterricht geben – oder eine gestaffelte Öffnung, das heißt jüngere Jahrgänge in der Schule, ältere im Distanzlernen.
  • Masken: Die Expert:innen empfehlen eine durchgehende Maskenpflicht. Ab hohem Infektionsgeschehen sollen medizinische Masken zum Einsatz kommen. "Pausen vom Maskentragen sollten im Freien ermöglicht werden", sagte Eva Grill von der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie. Bei mäßigen Infektionsgeschehen werden Ausnahmen für Grundschulen vorgeschlagen.
  • Schulwege: Masken auf dem Weg zur Schule (medizinischer Mund-Nasen-Schutz ab hohem Infektionsgeschehen); Reduktion des Personenaufkommens im Schulverkehr etwa durch entzerrte Schulanfangszeiten.
  • Schul- und Musikunterricht kann unter bestimmten Umständen stattfinden, vor allem im Freien.  
  • Lüften: Das bekannte kräftige Querlüften wird empfohlen, ersetzt werden kann es es durch eine ventilatorgestützte Anlage, die verbrauchte Luft gegen frische Außenluft austauscht.
  • Kontaktpersonen: Neben etwas schärferen Quarantänemaßnahmen als sie zuletzt praktiziert wurden, dürfte vor allem der Umgang mit Infektsymptomen von Schüler:innen interessant werden, die nicht unmittelbar in Kontakt mit Coronainfizierten standen. Hier schlägt das Papier vor, Schüler:innen mit schweren und leichteren Krankheitszeichen erst nach einer symptomfreien Phase von 48 Stunden wieder an Präsenzunterricht teilnehmen zu lassen. Ausgenommen sind davon Schüler:innen mit einer laufenden oder verstopften Nasen, gelegentlichem Husten und Halskratzen.

Die KMK-Präsidentin und brandenburgische Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) begrüßte die Leitlinien auf Anfrage "weitgehend". Sie würden "in den meisten Fällen mit den aktuellen Regelungen in den Ländern übereinstimmen". Wo es bislang keine Übereinstimmung gebe, "werden wir uns die Empfehlungen nochmals genauer anschauen und ihre Umsetzung prüfen".

Was in den Leitlinien fehlt

Um den interessantesten Punkt haben die Forschenden in ihren Leitlinien einen Bogen gemacht: Nämlich um eine konkrete Definition, wie sie die verschiedenen Stufen des Infektionsgeschehens definieren. Sollen bestimmte Inzidenzwerte herangezogen werden, sollen die Stufen regional, landes- oder bundesweit gelten?

Rehfuess sagte zu diesem Thema, mit der Einstufung in "gering", "mäßig", "hoch" und "sehr hoch" habe man sich "bewusst an der Sprache des RKI" orientiert. Es gehe hier um mehr als nur Inzidenzwerte: Das RKI berücksichtige bei seiner Einschätzung der Lage unter anderem auch Fallzahlen, Trends und die Schwere von Krankheitsverläufen. Zudem müsse auch die regionale und lokale Interpretation des Infektionsgeschehens berücksichtigt werden.

Ein Beispiel für die Sprache des RKI wäre folgendes: In seinem aktuellen Situationsbericht stuft es die Gefährdungslage für die Bevölkerung als "sehr hoch" ein.

[Homeschooling und geschlossene Schulen haben nicht nur Lerndefizite zur Folge, sondern auch psychosoziale und gesundheitliche Beeinträchtigungen. Die Hintergründe können Abonnenten von T+ hier nachlesen: Stress und Ängste :Was die aktuellen Schulschließungen für Schüler bedeuten]

Was Lehrerverbände sagen

Für Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, fehlt den Leitlinien der 36 Fachgesellschaften denn auch „ein entscheidender Kernpunkt“: „Was wir uns nicht vorstellen können, ist ein Hygiene-Stufenplan ohne Rücksicht auf Inzidenzwerte.“

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Hier habe doch schon das Robert-Koch-Institut vor Monaten einen Wert von 50 vorgegeben, um in den Wechselunterricht zu gehen. Hinzukommen müsse jetzt endlich ein Wert, ab dem in betroffenen Kommunen oder Landkreisen ein Automatismus für Schulschließungen greift. Der könnte – wie schon in Schleswig-Holstein geplant - bei 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern ausgelöst werden, sagt Meidinger.

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Einen solchen Automatismus für Schulschließungen bräuchte man auch, um unverzüglich auf Ausbrüche mit Virus-Mutationen zu reagieren. Das sei am Montag Konsens einer Telefonkonferenz der bayerischen Lehrkräfteverbände mit Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gewesen: „In dem Augenblick, wenn es in Richtung 100 geht, sofort in den Distanzunterricht.“

Werden wie in den jetzt vorgestellten Leitlinien gar keine Werte angegeben, „stellen alle Länder eigene Regeln auf“, kritisiert der Präsident des Lehrerverbandes. Auch der Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), merkt an: „Bei sehr hohen Inzidenzen ist die Leitlinie nicht anwendbar. Sie beginnt erst dort zu greifen, wo überhaupt Schulöffnungen möglich sind." Beckmann war an der Ausarbeitung der Leitlinien beteiligt.

"Aktuell vielerorts keine Öffnung möglich"

„Das aktuelle Infektionsgeschehen lässt vielerorts keine Öffnung der Schulen zu", betont der VBE-Vorsitzende. Sobald aber Inzidenzwerte erreicht seien, die dies ermöglichten, biete die Leitlinie "gute Anhaltspunkte, was für Maßnahmen ergriffen werden müssen, um einen möglichst sicheren Schulbetrieb gewährleisten zu können".

Lehrerverbands-Chef Meidinger erwartet unterdessen von der Kultusministerkonferenz (KMK), dass sie sich schon vor der Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) am Mittwoch dieser Woche mit einem eigenen Konzept positioniere, sagt Meidinger. Und das nach vorherigen Konsultationen mit den Lehrkräfteverbänden.

Das solle jetzt aber erst nach der MPK geschehen – am 17. Februar. „Das ist wahrscheinlich seitens der KMK eine realistische Einschätzung der eigenen Bedeutung“, sagt Meidinger. „Aber auch eine verpasste Chance.“

Aus der KMK hieß es allerdings am Montagnachmittag, die Schulminister:innen wollten sich am Abend im Vorfeld der Ministerpräsidentenkonferenz zur Frage von Schulöffnungen abstimmen und den Länderchefs eine Stellungnahme mitgeben.

Was gibt die Virologie bei Schulöffnungen zu bedenken?

Der Charité-Virologe Christian Drosten ist der Auffassung, dass vor allem die jüngeren  Kinder so schnell wie möglich wieder in die Schulen kommen müssten. Allerdings sollte bei einer kompletten Öffnung der Schulen im Gegenzug eine Gruppe mit einem ähnlich großen Anteil an der Bevölkerung unter Kontaktsperre gesetzt werden. „Dann müsste man an anderen Stellen schauen, wo noch Lücken sind, etwa im Bereich Homeoffice“, sagte Drosten jüngst in seinem NDR-Podcast.

Charité-Virologe Christian Drosten.
Charité-Virologe Christian Drosten.
© Michael Kappeler / POOL / AFP

„Wir sollten uns verabschieden von der Idee, dass irgendeine Gruppe in der Gesellschaft der Treiber des Geschehens ist“, sagte der Virologe außerdem. Im Umkehrschluss heiße das aber nicht, dass eine Gruppe, die nicht der Treiber ist, keine Relevanz hat.

„Wir leisten alle den gleichen Beitrag zum Problem“, so Drosten. Je größer der Anteil einer Gruppe an der Bevölkerung, desto höher sei auch ihr Anteil am R-Wert. Denn anders als bei einer Grippe-Epidemie sei die Infektionstätigkeit bei Sars-CoV-2 aktuell relativ gleichmäßig in der Bevölkerung verteilt.

Was ist mit Impfungen für Lehrkräfte?

Eine neue Situation ergebe sich allerdings, wenn die Erwachsenen im Herbst durchgeimpft sein sollten und es für Kinder und Schüler bis dahin noch keinen zugelassenen Impfstoff gibt. Dann sei bei den Kindern eine verstärkte Infektionstätigkeit zu erwarten.

Meidinger vermisst ebenfalls ein Konzept für die bevorzugte Impfung von Lehrkräften. Der Lehrerverband hatte gefordert, Freiräume durch den Impfstoff von AstraZeneca zu nutzen, der in Europa nur an unter 65-Jährige verimpft werden soll.

Zu dieser gemeinsamen Forderung hätten die Lehrkräfteverbände bislang keine Reaktion, kritisiert Meidinger. Der vage Hinweis des Bundesgesundheitsministeriums, Lehrkräfte könnten im zweiten Quartal drankommen, könne bedeuten, „dass das Schuljahr dann schon gelaufen ist“.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sagte auf der Pressekonferenz am Montag, sie würde anregen, noch einmal darüber "nachzudenken, ob eine Priorisierung für ältere Lehrerinnen und Lehrer möglich gemacht wird".

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