Deutsche Einwanderer : Wie Deutsche in den USA um ihre Identität rangen

Im 19. Jahrhundert wanderten Millionen Deutsche in die USA aus. Dort mussten sie als Migranten um ihre Identität ringen. Ihre Zugehörigkeit zu Amerika wurde ihnen vor allem vor dem Ersten Weltkrieg abgesprochen.

Mitsuo Martin Iwamoto
Das Tor zur neuen Welt. Die Freiheitsstatue in New York, das Sehnsuchtssymbol für viele Einwanderer. Migrationsnetzwerke verbanden die Kontinente – und zogen immer mehr Auswanderer in die Vereinigten Staaten.
Das Tor zur neuen Welt. Die Freiheitsstatue in New York, das Sehnsuchtssymbol für viele Einwanderer. Migrationsnetzwerke verbanden...Foto: Andrew Gombart/ picture alliance /dpa

„Was mir fehlt, fehlt ja alles / Bin so ganz verlassen Hier, / Iß zwar schön in fremden Landen / Doch zur Heimath wird es nie.“ So schreibt der Buchhalter Christopher Sydow im Jahr 1860 aus den USA an seine Familie in Brandenburg. Drei Jahre sind seit seiner Emigration vergangen. Zerrissen zwischen Sehnsucht nach der deutschen Heimat und Verbundenheit mit Amerika, formuliert er dieses Gedicht.

Die Vereinigten Staaten boten den deutschen Auswanderern im 19. Jahrhundert viele Vorteile. Mit den ökonomischen Möglichkeiten und politischen Freiheiten konnten sie sich schnell identifizieren. Trotzdem fühlten sich die Auswanderer ihrer deutschen Geschichte und Kultur weiterhin eng verbunden. So besaßen sie zwei Identitäten gleichzeitig: eine als wirtschaftliche und gesellschaftliche Amerikaner und eine als kulturell Deutsche. Diese beiden Identitäten konnten friedlich koexistieren – bis Anfang des 20. Jahrhunderts nationale Identitäten im Rahmen von internationalen Spannungen zunehmend politisiert wurden. Plötzlich fühlten sich auch Deutsch-Amerikaner der zweiten und dritten Generation wieder als Deutsche. Obwohl sie in Amerika geboren und aufgewachsen waren, sollten sie jetzt „Flagge bekennen“ und ihr deutsches Erbe verleugnen. Erst dieser Druck von außen führte zu einem Erstarken ihrer deutschen Identität.

Zwei Identitäten gleichzeitig: Im 19. Jahrhundert ganz normal

Das zeigen die Ergebnisse einer Studie von Félix Krawatzek und Gwendolyn Sasse der Universität Oxford. Untersucht wurde ein Fundus von mittlerweile mehr als 8000 Briefen, die Auswanderer aus dem deutschsprachigen Raum zwischen 1830 und 1970 in ihre alte Heimat schickten. Die Briefe bieten einen ausschnittartigen Einblick in die Migrations- und Integrationserfahrung der geschätzt 5,5 Millionen Deutschen, die im 19. Jahrhundert in die USA auswanderten. Zugleich erlaubt die Länge des abgedeckten Zeitraums auch Rückschlüsse darüber, wie sich die Identität und das Zugehörigkeitsgefühl der Auswanderer im Laufe der Zeit entwickelte.

Als die Massenmigration der Deutschen in die USA vor 200 Jahren Fahrt aufnahm, war der Kontrast zwischen dem feudal geprägten Europa und dem progressiven Amerika enorm. Während europäische Bauern von Hungersnöten geplagt waren, wurde Auswanderern in den USA Land zugeteilt, um das riesige Land zu bevölkern. Während man in Europa unter politischer Repression litt, florierten in Amerika Meinungs- und Pressefreiheit. Gute Gründe für die Auswanderer also, ihre neue Heimat ins Herz zu schließen.

Migrationsnetzwerke verbanden alte und neue Welt

Die populäre Ansicht, dass Armut und politische Unterdrückung die Auswanderer ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten trieb, ist jedoch zu einfach. „Die Ursachen der Massenmigration auf ein mechanistisches ,hier schlecht, dort gut‘ zu reduzieren, unterschlägt die wichtige Rolle von Migrationsnetzwerken bei der Migrationsentscheidung“, sagt Jochen Oltmer vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. Bei räumlichen Bewegungen gehe es immer auch um die Frage, ob die notwendigen Ressourcen – Geld, Wissen, Kontakte – für eine erfolgreiche Migration vorhanden seien. So habe es sich bei der deutschen Massenmigration in die USA auch nicht um die Migration von Einzelnen in die unbekannte Fremde gehandelt. Vielmehr seien nach der Auswanderung der ersten Deutschen eng geknüpfte transatlantische Netzwerke entstanden, die durch familiäre und freundschaftliche Kontakte einzelne Regionen in Deutschland mit bestimmten Regionen in Amerika verbanden und nachfolgende Auswanderer mit Informationen, Geld und Kontakten bei Ausreise und Ankunft unterstützten. Die gezielte Auswanderung der Westfalen nach Missouri, die zur Gründung der Stadt Westphalia in Missouri führte, sei hier nur eins von vielen Beispielen.

Auswanderer waren Stolz auf ihre neue Heimat

Eine Erkenntnis, die auch Félix Krawatzeks Analyse des transatlantischen Briefverkehrs bestätigt. Die transatlantischen Netzwerke ließen sich aus den Briefen exzellent rekonstruieren. So berichteten Auswanderer von der Lebenssituation in Amerika und ermutigten ihre Verwandten zur Ausreise. Auch die schnelle gesellschaftliche und wirtschaftliche Integration der Auswanderer wurde durch die Netzwerke erleichtert. Verwandte boten Neuankömmlingen Obdach, Orientierung und erste Arbeitsmöglichkeiten. Aus dem Bewusstsein heraus, dass Englisch der Schlüssel zur vollen gesellschaftlichen und ökonomischen Teilhabe sei, investierten die Auswanderer viel Energie in den Spracherwerb. So galten die deutschsprachigen Auswanderer generell als eine schnell assimilierte Gruppe – und drücken in ihren Briefen auch einen gewissen Stolz darauf aus, jetzt Teil der amerikanischen Gesellschaft zu sein.

Parallel dazu gab es gleichwohl eine entgegengesetzte Entwicklung. Tatsächlich konsolidierte sich eine spezifisch „deutsche“ Kultur der deutschsprachigen Auswanderer zum ersten Mal erst nach der Ankunft in den USA. In dem von Kleinstaaterei geprägten Europa des frühen 19. Jahrhunderts identifizierten sich die Menschen mit ihrer lokalen Umgebung – ihrem Dorf, ihrer Region – und nicht mit einem diffusen „Deutschland“.

Ihre deutsche Kultur zu leben - lange Zeit kein Probelm

Erst in Amerika bildete sich unter den Auswanderern eine „deutsche“ Identität heraus – getrieben von der zunehmend nationalen Ausrichtung in Europa, aber auch von den vielen deutschsprachigen Zeitungen, Vereinen, Kirchen und Schulen, die bis zum Ersten Weltkrieg ein fester Bestandsteil des migrantischen Lebens waren. So war die deutsche Kultur ein sichtbares Element des öffentlichen Lebens. Im „German triangle“ (St. Louis, Cincinnati, Milwaukee) etablierte sich sogar eine umfassende deutsche Infrastruktur, die Zugang zu deutschen Ärzten, deutschen Pfarrern und deutschem Bier gewährleistete.

Trotz ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Integration blieben die Auswanderer also eine kulturell relativ homogene Gruppe mit eigener Identität. Sie legten Wert darauf, die deutsche Kultur zu bewahren. Wie selbstverständlich schickten sie ihre Kinder auf deutsche Schulen, an denen diese auch auf Deutsch unterrichtet wurden.

Diese friedliche Koexistenz von amerikanischer und deutscher Identität im 19. Jahrhundert war nur durch die Abwesenheit einer vom Staat vorgeschriebenen, starren „amerikanischen Identität“ und „Leitkultur“ möglich. „Die amerikanische Identität war dynamisch und flexibel. In Abwesenheit von nationalistischer Politisierung durch den Staat war es unproblematisch, als Deutsch-Amerikaner weiterhin Deutsch zu sprechen, die Kinder in deutsche Schulen zu schicken und sich der Heimat verbunden zu fühlen“, sagt Félix Krawatzek.

Internationale Spannungen machen Identität zum Politikum

Gegen Beginn des 20. Jahrhunderts wandelt sich das politische Klima jedoch dramatisch. Nationale Identitäten werden durch Staaten politisiert. Während das deutsche Kaiserreich die Auswanderer in seine Imagination des „Deutschen Volkes“ miteinbezieht, wird auch in Amerika der Druck auf sie größer. Präsident Roosevelt startet eine groß angelegte Kampagne gegen „Hyphenated Americans“ (Bindestrich-Amerikaner). So heißt es in einer Rede von 1915: „Ein guter Amerikaner ist Amerikaner und sonst nichts. (…) Wir haben nur Platz für eine Flagge und das ist die amerikanische Flagge. (…) Wir haben nur Platz für eine Sprache und das ist die englische Sprache.“ Von Deutsch-Amerikanern wird zunehmend verlangt, ihr deutsches Erbe zu verleugnen und sich klar zu den Vereinigten Staaten zu bekennen.

Bei den Deutsch-Amerikanern fallen die Reaktionen gemischt aus. Während einige dem Präsidenten zustimmen, ärgern sich andere über die zunehmende Feindseligkeit gegenüber der deutschen Kultur. Der Erste Weltkrieg polarisiert weiter. So stehen Deutsch-Amerikaner zunehmend unter Generalverdacht, Agenten für das Kaiserreich zu sein. Einzelne Bundesstaaten erlassen sogar Gesetze, die die öffentliche Nutzung der deutschen Sprache unter Strafe stellen. Dass ihre ethnische Herkunft in den USA zunehmend unter Druck gerät, führt paradoxerweise dazu, dass sich viele Deutsch-Amerikaner wieder „deutsch“ fühlen.

Plötzlich gelten auch Auswanderer der dritten Generation wieder als Deutsche

Selbst bei Auswanderern der zweiten oder dritten Generation reaktivieren internationale Krisen und Assimilationsdruck längst vergessen geglaubte Identitäten. Das illustriert ein Brief von Marie Kuchenbecker aus dem Januar 1915. Nachdem sie beteuert, dass auch Deutsch-Amerikaner Deutschland den Sieg gegen seine Feinde wünschen, schreibt sie: „Wir fühlen durch den Krieg unsere Herzen tausendfach enger mit unserer alten Heimat verknüpft denn zuvor, wo wir schon manchmal glaubten, Amerika sei jetzt unsere Heimat geworden.“

„Die Auswandererbriefe zeigen die wichtige Rolle, die transnationale Netzwerke schon vor Whatsapp und Facebook für Migration gespielt haben“, sagt Félix Krawatzek. Gleichzeitig illustriere die Integrationserfahrung der Deutschen in den USA auch, was noch heute gilt – transnationale Identitäten und Assimilation schließen sich nicht aus. Integration sei ein nichtlinearer Prozess, bei dem ständig neu verhandelt werde, was es heißt, Teil eines Landes zu sein. Migrantische Identitäten sind dynamisch – und nationale Politik und internationale Krisen bestimmen mit, wie sie sich entwickeln.

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