Wie die Finanzwelt versucht, sich gegen Überraschungen zu wappnen

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Finanzmärkte und Philosophie : Die kreative Kraft des Spekulierens

Im Gegensatz dazu ist die Finanzwelt darauf bedacht, möglichst wenig Überraschungen zu erleben. Dazu häuft sie Wissen an. Sie versucht, „aus der Zukunft der Vergangenheit eine gegenwärtige Zukunft vorauszusagen“, wie es Jahn-Sudmann beschreibt. Wissen wird in Diagrammen und Datenbanken organisiert. „Die Tabelle legitimiert das Handeln.“ Für Jahn-Sudmann ist die Kritik an der Spekulation in Wirklichkeit ein Eingeständnis: Die empirische Forschung, auf die Banker ihr Geschäft stützen, hilft nur begrenzt. Denn die Tabelle verspricht Kontrolle über eine unkontrollierbare Zukunft.

Wer stärker regulierte Finanzmärkte fordert, sitzt in den Augen des Wissenschaftlers einem Missverständnis auf. Als Beispiel nennt er die computerbasierte Spekulation, bei der in Sekundenbruchteilen Aktien gekauft und wieder abgestoßen werden. „Wenn an der Börse etwas schiefläuft, werden Fehler gern darauf geschoben, dass keiner mehr die komplizierten Algorithmen versteht und Transaktionen einfach zu schnell gehen“, sagt Jahn-Sudmann. Dabei wird vergessen, dass Computer ja gerade deshalb eingesetzt werden: um die Fehlerhaftigkeit menschlicher Spekulanten zu vermeiden, wie Christian Bächle von der Uni Bonn ergänzt. Denn anders als die Computer glauben Händler einem Trend erst, wenn sie die eigenen Rechnungen überprüft haben. Dann ist es allerdings für große Gewinne meist zu spät.

Kritiker, die Spekulation mit einem Tempolimit belegen wollen, glauben daran, dass das marktwirtschaftliche System nur „richtig“ gesteuert werden müsse, um eine Krise (verursacht durch Banker oder Maschinen) zu vermeiden, sagt Jahn-Sudmann. Dass das System selbst instabil ein könnte, wird viel zu selten gefragt, findet er.

Genau das mache aber die Kritische Theorie. Deren Vertreter, die an die Ideen von Karl Marx anknüpfen, ziehen in Erwägung, „dass die Welt anders sein könnte und oft anders sein sollte“, wie Jens Schröter es ausdrückt. Bei den Möglichkeiten dafür bleiben die Medienwissenschaftler wage. Indem sie so unterschiedliche Spekulationsmodelle wie das der philosophischen Reflexion und der Finanzwelt ins Gespräch bringen, zeigen sie jedoch, dass Kritiker und Banker gleichermaßen von der Kontrolle der Zukunft träumen.

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