Geschlechtergerechte Sprache : Das Versprechen des Gendersternchens

Geschlechtergerechte Sprache eröffnet geschützte Räume an der Universität. Der Erfahrungsbericht einer engagierten Professorin.

Susan Arndt
Beim Science March in Berlin wird Unterstützung für die Gender Studies gefordert.
Unterstützung für die Gender Studies beim Science March in Berlin. Gerade die Hauptstadt ist auf dem Gebiet Trendsetterin...Foto: T. Warnecke

Ende 1989 riefen Frauen in Ost-Berlin die feministische Zeitschrift „Ypsilon“ ins Leben. Beim ersten Treffen mit West- Berliner Feministinnen kam es zum Eklat, als sich eine Ost-Berlinerin mit „Ich bin Dreher“ vorstellte. Während die Kreuzberger Szene darauf bestand, dass sie eine Dreherin sei, verschwesterten wir Ost-Ypsilonnerinnen uns im Anspruch, dass es um politische Ziele und nicht um Sprache gehe. Immerhin durften wir endlich Feministinnen sein.

In der DDR war uns Feminismus verboten, weil es angeblich eine Gleichberechtigung der Geschlechter bereits gebe. Die aber gab es weder in Ost noch West. Als ich nunmehr Bücher wie Luise Puschs „Das Deutsche als Männersprache“ lesen und öffentlich debattieren konnte, begann ich zu verstehen, dass Sprache Macht, Privilegien und Zugehörigkeiten verteilt oder verweigert. Sprache handelt. So zog in mein Leben als Doktorandin, Lehrende, Freundin, Partnerin, Mutter das Gendern ein.

Zuweilen übertrieb sie es, da hatten die Kinder Recht

Zwar bestand ich nicht auf Luise Puschs „Piloterich“, der dem Modell die Ente als geläufigem Begriff und Enterich als dessen Anhängsel entlehnt war. Dennoch hätten meine Kinder wohl jedes Recht, zu meinen, dass ich das zuweilen übertrieb. Dieser Gedanke jedenfalls kam mir erstmalig 1996, als mein damals dreijähriger Sohn beim Anblick einer Londoner Polizistin ausrief: „Schau mal, Mami, eine Bobbyerin!“ Dass ich ihn mit meinem ständigen Gender-Nörgeln an seinem wachsenden Wortschatz dazu gebracht hatte, englische Wörter mit deutschen Genus-Flexionen zu versehen, erschreckte und beeindruckte mich zugleich. So schwer war es also gar nicht, Frauen adäquater zu repräsentieren. Zumindest nicht im Singular.

Mit Blick auf den Plural verlaufen die Debatten hitziger. Zunächst setzten sich ganz simple Formeln wie die Paarform „die Pilotin und der Pilot“ durch (der gute alte Knigge-Paternalismus gebietet es, Frauen zuerst zu nennen), gefolgt vom Binnen-I, wobei „PilotInnen“ mit einer kurzen Pause gesprochen wird. Geprägt, um das Deutsche als Männersprache zu überwinden, hängen diese Formeln allerdings im Duktus der Zweigeschlechtlichkeit fest. Das wiederum ist ein prinzipielles Problem.

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Wie lässt sich etwas überwinden, das sprachlich weiterlebt?

Die Philosophin Jami Weinstein fragte unlängst, warum kritische Wissenschaften und politische Bewegungen wie etwa der Feminismus auf der Stelle treten. Haben wir die falschen Fragen gestellt? Haben wir mit den falschen Ansätzen, Theorien, Methoden gearbeitet? Oder aber stecken wir zwangsläufig fest, sobald Sprach-Paradigmen wie etwa Mann versus Frau, weiß versus schwarz, hetero- versus homosexuell, Christentum versus heidnisch aufgerufen werden – und sei es auch noch so kritisch? Schließlich reden sie, selbst wenn kritisch und anti-essentialistisch gemeint, dem alten Binarismus von Natur versus Kultur und dessen ebenso simplifizierender wie effektiver Logik das Wort: je mehr Natur, desto mehr (der Kultur) unterlegen; und je mehr Kultur, desto mehr (der Natur) überlegen und daher geschaffen, Natur zu zähmen.

Im Kern geht es bei diesem Binarismus um die Herrschaft der Normalität – im Sinne von Normieren – und das Zähmen, ja, Verschweigen von Diversität. Befreiungsbewegungen und ihre Revolutionen haben sich an eben diesen Grundfesten menschlicher Gesellschaften gerieben, Differenzen und Diskriminierungen benannt, um mehr Diversität und Freiheit zu erstreiten. Doch wie etwas überwinden, das sprachlich weiterlebt? Sprache kann und muss Möglichkeiten unterbreiten, diese Sackgasse in Wege mit Ausblick umzugestalten.

Studierende gehen nach Berlin - wegen der Gender Studies

In Deutschland sind die an der Humboldt-Universität zu Berlin in den 90er Jahren gegründeten Gender Studies Trendsetzende. Nicht zuletzt deswegen schreiben sich junge Menschen mit Visionen einer diskriminierungsfreien Sprache vorzugsweise in Berlin ein und nehmen Hochschullehrer*innen, die sich dem diskriminierungsfreien Sprechen verweigern, auch in die Verantwortung.

Es waren in den 90er Jahren Studierende der Humboldt-Universität, die mich lehrten, diskriminierungsfreies Sprechen in meinen Seminaren einzufordern. Heute lehre ich an der Universität Bayreuth und gelte dort nicht nur vielen Studierenden als zu „pc-hyperaktiv“. Dabei lasse ich mein Entsetzen über studentische Sätze wie „Oscar Wilde war kein Saubermann – er war schwul“ nicht in meine Bewertung von Referaten und Klausuren einfließen. Aber ich thematisiere es!

Ich bin überzeugt, dass Meinungen nicht aus Zwängen gedeihen können. Doch ich weiß auch, dass sich meine pädagogische Eignung als Hochschullehrerin daran messen lassen muss, ob ich allen Studierenden einen geschützten, diskriminierungsfreien universitären Raum zu eröffnen vermag. Nicht zuletzt begünstigt davon, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft Gender-Mainstreaming in Vergaberichtlinien jüngst sehr ernst nimmt, geht es allgemein voran – wenn auch hie und da etwas zögerlich.

In Bayreuth wird das Sternchen nur von Einzelnen gesprochen

In Bayreuth etwa wurde 2011 die Studentenkanzlei in Studierendenkanzlei umbenannt und seit 2013 gibt es auch einen Sprachleitfaden für geschlechter- und diversitätsgerechte Sprache. Neben der bedingt anwendbaren geschlechterübergreifenden Partizip-Pluralform „Studierende“ wird die Paarform „Professorinnen und Professoren“ als unbedingt zu bevorzugen empfohlen. Diese aber ist im Kern nicht geeignet, das dritte Geschlecht und geschlechtliche Diversität im Allgemeinen in Sprache zu kleiden.

Die fließenden Grenzen zwischen dem essentialisierenden Paar Mann und Frau machen der Gender-Unterstrich sowie das Gender-Sternchen schreib- und sagbar. Während das Sternchen an der Humboldt-Universität längst Standard ist und weithin gesprochen wird, hat es an der Uni Bayreuth bislang nur der Unterstrich (und nur als Ausnahme) in die Endversion des Leitfadens geschafft. Gesprochen werden Unterstrich oder Sternchen hier bislang nur von Einzelnen. Immerhin hat die Bayreuther Hochschulleitung jedoch eine zeitnahe Überarbeitung des Leitfadens in Aussicht gestellt.

Manche tun sich noch schwerer mit dem Gender-Sternchen. Am 8. Juni 2018 etwa meinte Claus Kleber nach einem ausgewogenen Bericht im „Heute-Journal“: „Mir scheint es, als würden sich jene am Sternchen festhalten, denen ansonsten jede Orientierung fehlt.“ Orientierungslos ist hier allein Kleber, wenn er sich einzig an ihm Bekanntem rückwärtsgewandt ausrichtet und munter vor sich hin diskriminiert.

Neologismen aus der Emanzipationsbewegung schwer durchsetzbar

Die Freiheit einer Gesellschaft muss sich immer daran messen lassen, wie sie mit Interessen von Minderheiten und Rechten von Diskriminierten umgeht. Dabei zählt schon der Wille, zu respektieren, wer wie repräsentiert und genannt werden möchte. Freiheit kann sich letztlich gar nicht verwirklichen, ohne nicht auch Denk- und Sprach(r)evolutionen zuzulassen – das eine geht nicht ohne das andere. Diese münden nicht in Sprachlosigkeit, sondern in neuen Sprachwegen, die gelernte Denkweisen irritieren dürfen, ja, müssen.

Immerhin: Das Gender-Sternchen hat es mittlerweile auch in einen Ratgeber des Duden-Verlags geschafft (Richtig gendern, 2017). Nicht zuletzt deswegen werden jene, die die kurze Pause vor dem Suffix „innen“ einlegen, zunehmend auch statt des Binnen-Is das in alle Richtungen offene Sternchen meinen.

Letztlich ist es ein selbstverständliches Verfahren, dass sich Sprache gesellschaftlichen Dynamiken anpasst und sich dabei samt neuer Vokabeln neu erfindet. Wörter der digitalen Revolution wie googlen, Computer oder Bitcoins zeigen, dass Sprache davon lebt, sich zu wandeln und gesellschaftliche Änderungen durch Neologismen zu begleiten – selbst wenn sie (falsch) aus anderen Sprachen entlehnt werden wie etwa beim deutschen Wort „Handy“. Doch sobald Neologismen statt aus dem von ökonomischen Interessen getragenen Warenmarkt aus emanzipativen Bewegungen heraus erwachsen, fühlen sich viele berufen, Sprache vor Neuerungen „zu bewahren“. Dabei entsteht die oft deklarierte fehlende Durchsetzbarkeit ja erst daraus, dass aus persönlich motivierten Ressentiments und aus der Angst vor dem Teilen von Privilegien und Macht heraus massive Widerstände im Namen eines tautologischen „Das muss so bleiben, weil es immer so war“ erwachsen. So gesehen ist es nicht nur politisch, geschlechtergerechte Sprache einzufordern, sondern ebenso, sich ihr zu verweigern.

Unis müssen mehr als bisher zu Wegbereiterinnen werden

Gerade weil über Sexismus und diskriminierungsfreie Sprache noch immer so kontrovers diskutiert und dabei Wort-Gewalt ausgeübt wird, kommen diese Debatten nicht umhin, bestehende Expertisen ernst zu nehmen. Hier müssen Universitäten mehr als bisher zu intellektuellen Wegbereiterinnen avancieren.

Deshalb ist es auch an der Zeit, die Ära der „Frauenbeauftragten“ zu beenden und sie in inklusivere Felder wie Diversity und Diskriminierung, Differenz und Macht oder Chancengleichheit auszuweiten – und zwar mit administrativen sowie wissenschaftlichen Profilen. Idealerweise werden fortan jene für solche Stellen eingestellt, die Gender, Intersectionality oder Postcolonial Studies studiert haben.

Diese Kompetenzen wären nicht nur für die Erarbeitung von Sprachleitfäden oder Schulungsworkshops für alle Uniangehörigen vonnöten. Sie werden auch benötigt, um konsequenter als bisher Hörsäle und Seminarräume zu diskriminierungsfreien Räumen umzugestalten und sprachliche Diskriminierung an und aus Unis heraus konsequent kritisch zu unterwandern. Es geht um nichts Geringeres als das Menschenbild, dass wir unserer Zukunft überantworten wollen.

Dabei muss akademisches Sprechen über diskriminierende Sprache sich natürlich auch daran messen lassen, wie sie die Einladung, verlernend zu lernen an die Gesellschaft und alle Menschen heranzutragen vermag. Ich denke da etwa an die Erfahrung, dass die vom Kreuzberger Feminismus attackierte ostdeutsche Dreherin sich nie wieder bei „Ypsilon“ sehen ließ. Vielleicht wollte sie sich nicht länger bevormunden lassen; vielleicht aber war sie gar keine cis-Frau und hatte die männliche Form dieser Berufsbezeichnung gewählt, um sich endlich frei als Mann positionieren zu können.

Die Autorin ist Professorin für Englische Literaturwissenschaft und Anglophone Literaturen an der Universität Bayreuth.

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