Humboldt-Universität zu Berlin : Was vom Humboldt-Jahr übrig blieb

Viele Begabungen, eine moderne Ehe und geschicktes politisches Handeln: Wilhelm von Humboldt fasziniert bis heute ein breites Publikum.

Gabriele Metzler
Ein Pragmatiker, der an den Grundfesten der Universität rüttelte.
Ein Pragmatiker, der an den Grundfesten der Universität rüttelte.Foto: bpk/Dietmar Katz

Vielerorts, zumal in Berlin, wurde anlässlich des 250. Geburtstags Wilhelm von Humboldts am 22. Juni 2017 an den Staatsmann, Universitätsgründer und Wegbereiter der modernen Sprachwissenschaft erinnert. Er kann offensichtlich in Anbetracht seiner mannigfachen Begabungen, seines geschickten politischen Agierens, nicht zuletzt aber auch seiner selbst für die heutige Zeit bemerkenswert gleichberechtigten Ehe mit Caroline, geborene von Dacheröden, auch heute noch ein breites Publikum faszinieren. Weitgereist und welterfahren, ließ er sich inspirieren von der Ästhetik der Antike; setzte sich auseinander mit der Philosophie Kants, der französischen Aufklärung und frühliberalem Gedankengut.

Während die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Humboldt als Sprachforscher in den Mittelpunkt rückte, konzentrierte sich die Humboldt-Universität auf den Bildungsreformer und Universitätsgründer. Bildung war bei Humboldt ganzheitlich angelegt, sie sollte, unabhängig von dessen Herkunft, den ganzen Menschen formen und ihn zu Individualität und Freiheit befähigen. Ganz wesentlich hierfür war die „Verknüpfung unseres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung“. Dies galt auch für die Universität, wo die „Einsamkeit und Freiheit“ der Forschenden „vorwaltendes Princip“ sein sollte.

Zwar war Bildung von ihm vom Individuum her gedacht, dann aber immer untrennbar mit lebendigem Austausch verknüpft. Forschung und Lehre sollten eine Einheit bilden, Studierende durch „forschendes Lernen“ zur Wissenschaft beitragen. Wissenschaft wiederum verstand Humboldt als „etwas noch nicht Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes“, woraus er wiederum den Imperativ einer Universität ableitete, die „immer im Forschen bleiben“ müsse. Ganz gewiss nicht weltfern war schließlich seine Absicht, dass die Absolventen des Bildungsganges als gefestigte Persönlichkeiten dem Staat zur Verfügung stehen sollten.

Die „Humboldtsche Universitätsidee“ wurde erst 1900 öffentlich bekannt

Wissenschaft ins Offene zu denken, anstatt fest etablierte und kanonisierte Kenntnisse zu vermitteln; Wissenschaftler zu berufen, die sich durch die Qualität ihrer Forschung auszeichneten und nicht schlicht über soziale Beziehungen verfügten; und schließlich Autonomie und Freiheit für die Universität und ihre Mitglieder einzufordern: All dies rüttelte an den Grundfesten der etablierten Universitäten. Gewiss waren hier und da schon Reformen in Gang gekommen, aber die Berliner Universität, die 1810 ihren Lehrbetrieb aufnahm, stellte doch in ihrer ganzen Grundkonzeption, ihrem Selbstverständnis und innovativen Anspruch etwas ganz Neues dar. Humboldt handelte eher pragmatisch als ideenfixiert.

Das, was wir heute als „Humboldtsche Universitätsidee“ bezeichnen, wurde öffentlich erst 1900 bekannt, als seine fragmentarisch gebliebene Denkschrift „Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Lehranstalten in Berlin“ entdeckt und publiziert wurde. Obendrein hatten Humboldts Mitstreiter, allen voran Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, gewichtigen Anteil an der Formulierung dieser Idee. Die Humboldtsche Idee der Universität beschreibt aber keine Realität, sondern sie ist ein Konstrukt, das als regulative Idee die Entwicklung zumal der deutschen Universitäten maßgeblich beeinflusst hat.

Bildung und Praxisnähe schließen einander nicht aus

Natürlich hat sich das Universitätssystem ausdifferenziert, gibt es „die Universität“ als Standardmodell schon lange nicht mehr; hat Konkurrenz zwischen den Universitäten zugenommen und sie der Wettbewerb um Ressourcen zu je eigener Profilierung gezwungen. Die Universität hat sich geöffnet, sie hat sich pluralisiert, Ansprüche an Teilhabe und aktive Mitgestaltung in ihrer ganzen Diversität haben zugenommen, und die Interessen, die von außen und von innen an die Universität herangetragen werden, sind heute, so scheint es, weit schwerer vereinbar als zu Humboldts Zeiten.

Aber die Diskussionen des Humboldt-Jahres haben doch gezeigt, dass es zu früh ist, sich „von seinem Bildungsideal zu verabschieden“, wie Manuel Hartung in seinem Geburtstagsbeitrag in der „Zeit“ forderte. Wer in der universitären Ausbildung nur auf Kompetenzerwerb setzt, schafft eine Leerstelle dort, wo historisch-kritisches Wissen den klugen Einsatz von „Kompetenzen“ überhaupt erst möglich machen sollte. Bildung und Praxisnähe schließen einander nicht aus. Die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden muss im digitalen Zeitalter neu interpretiert werden, sie als bloßes „hehres Ideal“ der Vergangenheit abzutun, greift zu kurz. Die Humboldtsche „universitas litterarum“, die Gemeinschaft aller Wissenschaften, ist aktueller denn je, wenn man die drängenden Fragen unserer Gegenwart nicht von wissenschaftlichen Disziplinen, sondern von übergreifenden, inter- wie transdisziplinären Erkenntnisinteressen und Methoden her denkt. Das Humboldt-Jahr war eine gute Gelegenheit, noch einmal zu überdenken, was „Universität“ heute sein kann und sein sollte.

Die Autorin ist Professorin für Geschichte Westeuropas und der transatlantischen Beziehungen und Vorsitzende der Historischen Kommission an der Humboldt-Universität. Der Artikel ist am 14.Oktober 2017 in einer Beilage der Humboldt-Universität zum Start des Wintersemesters 2017/2018 erschienen.

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