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Vor einer Moschee stehen Menschen.

© picture alliance / dpa

Jetzt sollen auch Berliner Universitäten islamische Seelsorger ausbilden. Wie schwierig die Gründung eines Instituts für islamische Theologie werden könnte, zeigen Erfahrungen anderer Bundesländer.

Sie suchen neue Zugänge zum Koran, erproben feministische Perspektiven, erforschen vergessene Auslegungen der heiligen Schriften. Bei alldem sind die gut 1500 Studenten der islamischen Theologie in Deutschland Pioniere. Erst seit gut drei Jahren reifen an den Universitäten Münster/Osnabrück, Frankfurt/Gießen, Tübingen, Erlangen-Nürnberg, Hamburg und Paderborn Islamgelehrte heran, die Muslime in Deutschland begleiten sollen: als Religionslehrer in den Schulen, als Imame und Seelsorger in Moscheen und Krankenhäusern, in Jugend- und Seniorenzentren.

Auch der Berliner Senat will das Fach in der Berliner Hochschullandschaft etablieren. Obwohl es hier keinen regulären Religionsunterricht gibt, wachse der Bedarf an qualifizierten muslimischen Religionslehrern, Seelsorgern und wissenschaftlichem Nachwuchs, sagt der Berliner Staatssekretär für Wissenschaft, Steffen Krach. Das geplante Zentrum soll mit drei bis vier Professoren für die unterschiedlichen Ausbildungsprofile beginnen, womöglich bereits zum Wintersemester 2017/18.

Erfahrene Unis sollen die Bildungsverwaltung beraten

Ende Mai will die Bildungsverwaltung eine Arbeitsgruppe mit Vertretern des Islam, der Berliner Hochschulen und Experten anderer Universitäten einsetzen, die Erfahrungen mit der Gründung von Zentren islamischer Theologie gesammelt haben. Das Gremium soll ausloten, welcher Standort sich in Berlin eignen würde und wie die Hochschulen mit den Muslimen kooperieren könnten. Denn die grundgesetzlich festgeschriebene Trennung von Staat und Religion verbietet es den staatlichen Hochschulen, die Inhalte des bekenntnisgebundenen Theologiestudiums zu bestimmen oder die Professoren im Alleingang zu berufen.

Bei den christlichen Theologien arbeiten die Universitäten mit den Kirchen zusammen. Die Bischöfe wachen darüber, dass das, was in den Seminaren vermittelt wird, mit der katholischen oder evangelischen Lehre übereinstimmt. Wer auf einem katholischen Lehrstuhl unterrichtet, muss auch privat nach der katholischen Lehre leben, sonst riskiert er oder sie, dass die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wird.

Die Politik will, dass neue Theologen den Islam reformieren

Im Islam gibt es keine Kirchen. Die vier großen Islamverbände bieten sich als Ansprechpartner an, und eine gute Zusammenarbeit mit ihnen ist im Interesse der Studenten. Die Verbände vertreten die Mehrheit der 2350 Moscheegemeinden, die die Absolventen als Seelsorger, Imame und Gemeindereferenten anstellen sollen. Kürzlich hat Staatssekretär Krach die Ideen des Senats im Berliner Islamforum vorgestellt – mit positiver Resonanz. Viele Teilnehmer äußerten den Wunsch nach einer Imamausbildung und zeigten sich offen für einen weiteren Austausch mit dem Senat über die Pläne.

Die Zusammenarbeit mit den Islamverbänden ist allerdings eine politisch hochsensible Angelegenheit. Die Politik wünscht sich, dass die neuen Theologen den Islam reformieren – und die mehrheitlich konservativen Verbände und Moscheen am besten gleich mit. Die Verbände achten darauf, dass die Forscher das Fundament der Tradition nicht verlassen, während die Hochschulen darüber wachen, dass bei alledem die Forschungsfreiheit gewahrt bleibt. Das ist oft ein schwieriger Balanceakt.

Krach um Professoren in Münster

In Münster hat es schon mehrfach gewaltig geknirscht zwischen Verbänden und Uni. Den Verbänden gefällt nicht, wie der Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide den Koran auslegt. Sie forderten seine Absetzung. Gutachten und Gegengutachten wurden erstellt, die Hochschule sagt: „Dass eine theologische Auslegung auf Kritik stößt, ist für uns kein Kriterium, jemanden abzuberufen.“ Bei Khorchides Vorgänger musste die Universität allerdings der Abberufung zustimmen: Er hatte erklärt, dass er kein Muslim mehr sei.

Im Tübinger Beirat sitzen bislang nur Sunniten

Der Wissenschaftsrat hat den Universitäten 2010 empfohlen, Beiräte für die Kooperation mit den Muslimen zu gründen. Doch wer entscheidet, welcher Verband mit wie vielen und welchen Vertretern teilnehmen darf? Wer achtet auf die Mischung? In Münster konnte man sich noch nicht einigen. Das Tübinger Zentrum für Islamische Theologie hat ein siebenköpfiges Gremium berufen, in dem Vertreter der türkischen Ditib und der Gemeinschaft der Bosniaken die Mehrheit bilden. Sie sind alle Sunniten. Wer wacht darüber, dass auch schiitische oder alevitische Glaubensinhalte angemessen gelehrt werden? Die Mehrheit der vier Millionen Muslime in Deutschland seien Sunniten. Diesem Umstand trage man Rechnung, argumentiert die Universität. Außerdem gebe es in Baden-Württemberg keinen schiitisch geprägten Verband, mit dem man kooperieren könne. Für die Zukunft sei eine größere Differenzierung aber nicht ausgeschlossen.

Fragen, die das Leben den Muslimen stellt

Die Universität Erlangen-Nürnberg ist einen anderen Weg gegangen und hat keine Verbände in den Beirat für das Department für Islamisch-Religiöse Studien aufgenommen, sondern Einzelpersonen, von denen einige auch Verbandsfunktionäre sind. Hier ist eine große ethnische und religiöse Vielfalt vertreten. Ein Erlanger Stadtrat ist ebenso Mitglied wie ein Vertreter des Uigurischen Weltkongresses und Theologen aus Malaysia und Pakistan.

„Was nutzen mir Theologen vom anderen Ende der Welt, wenn es um den praktischen Alltag der Menschen vor Ort geht?“, fragt Bekim Agai, Direktor des Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam an der Universität Frankfurt am Main. Es sei wichtig, dass sich die muslimischen Communities an der wissenschaftlichen Produktion beteiligen, dass sie sich mit den Universitäten darüber austauschen, was Muslime im Alltag umtreibt und auf welche praktischen Fragen sie theologische Antworten suchen. Welchen Trost spendet ein Seelsorger am Krankenbett? Wie kann der Glaube an Gott bei der Kindererziehung helfen? „Die Fragen, die das Leben den Muslimen stellt, die sollen die Muslime den Theologen stellen“, wünscht sich Agai. Über die alltägliche Praxis werde zu wenig gesprochen und zu viel über politische Fragen, welcher Verband wie und wo repräsentiert ist.

Wie soll ein Ingenieur eine theologische Arbeit beurteilen?

Hessen hat als erstes Bundesland die türkische Ditib und die Gemeinschaft der Ahmadiyya als Religionsgemeinschaften anerkannt. Bedingung war, dass die Ditib, die eine große Nähe zur Religionsbehörde in Ankara hat, ihrem hessischen Landesverband mehr Selbstständigkeit zugestanden hat und ihm nichts vorschreiben darf. Die beiden neuen Religionsgemeinschaften sind nun die offiziellen islamischen Ansprechpartner des Staates und wurden auch in den Beirat für die Religionslehrerausbildung berufen. Man habe gute Erfahrungen gemacht, heißt es im Bildungsministerium. Durch die Anerkennung seien die beiden Religionsgemeinschaften in der Pflicht und würden konstruktiv und verantwortungsvoll mitarbeiten.

Doch vielen Verbandsvertretern mangelt es schlichtweg an Wissen, um theologische Dissertationen oder Habilitationsschriften zu beurteilen. Viele Funktionäre sind Akademiker, aber selten studierte Theologen. Wie soll ein Ingenieur eine Arbeit über einen mittelalterlichen Korangelehrten bewerten? So versuchen die meisten Hochschulen, zusätzlich zu den Verbandsvertretern theologische Kompetenz in die Beiräte zu holen. Die Universität Frankfurt hat für die Beurteilung der wissenschaftlichen Arbeit einen eigenen „Scientific Council“ berufen.

Für Berlin will der Senat eine Kooperation von zwei Unis und einer FH

Berlin will die Zusammenarbeit mit den Islamvertretern über einen Staatsvertrag regeln. Diesen Weg sind auch Hamburg und Niedersachsen gegangen. Das seit Jahren etablierte Berliner Islamforum soll dabei eine wichtige Rolle spielen, heißt es in einem Senatspapier. In diesem Gremium sind alle wichtigen Strömungen und Ethnien der Berliner Moscheen vertreten. Doch zunächst muss die Frage geklärt werden, welcher Standort sich für die islamische Theologie eignen würde. „Mir wäre eine Kooperation von Humboldt-Universität, Freier Universität und Alice-Salomon-Hochschule am liebsten“, sagt Staatssekretär Steffen Krach. Die Salomon-Hochschule ist eine Fachhochschule mit den Schwerpunkten soziale Arbeit, Gesundheit und Bildung.

Das Zentrum für Jüdische Studien als Vorbild?

Als Vorbild wird das vor drei Jahren mit Unterstützung des Bundes geschaffene Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg genannt. Es bündelt Lehrveranstaltungen der Humboldt-Universität, der Freien Universität, der Technischen Universität, der Universitäten Potsdam und Frankfurt/Oder, des Abraham-Geiger-Kollegs und des Moses-Mendelssohn-Zentrums. Der Begriff „Zentrum“ ist verwirrend, „Netzwerk“ wäre angemessener. Denn der eigene Kern ist lediglich eine kleine Doktorandenschule. Und auch hier sind die Doktoranden bei den kooperierenden Unis eingeschrieben. „Wir sind ein Modell, weil wir säkulare Religionswissenschaften und bekenntnisgebundene Theologie zusammenführen“, sagt Stefanie Schüler-Springorum, derzeit Direktorin des Zentrums. Doch strukturell sei es „sehr aufwendig“, fünf Universitäten und mehrere außeruniversitäre Einrichtungen miteinander zu vernetzen.

Viele studieren Islamwissenschaft, weil es noch keine Theologie gibt

Vielleicht wäre es einfacher, die islamische Theologie ganz an der Freien Universität anzusiedeln. Dort gibt es bereits das Institut für Islamwissenschaft. „Wir stehen dieser Idee sehr aufgeschlossen gegenüber“, sagt Institutsleiterin Gudrun Krämer. Ihre Studenten würden sich darüber freuen. Viele hätten mit Islamwissenschaften angefangen, weil es bisher keine Theologie gibt, sagt Krämer. Sie macht die Erfahrung, dass viele muslimische Studenten die kritische Auseinandersetzung mit den heiligen Texten scheuen und hoffen, dass die ihnen im Theologiestudium erspart bleiben würde. Doch das ist eine Illusion. Auch die wissenschaftliche Theologie liest die heiligen Schriften mit kritischer Brille.

Zur geplanten Einrichtung eines Berliner Instituts für Islamische Theologie gibt es am Montag, dem 15. Juni, eine Diskussionsveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Der Staatssekretär für Wissenschaft, Steffen Krach, diskutiert mit zentralen Akteuren aus der muslimischen Gemeinschaft, Wissenschaft und Politik und dem Publikum. – 18.00 Uhr bis 21.30 Uhr im Konferenzsaal der Friedrich-Ebert-Stiftung im Haus 1, Hiroshimastraße 17.

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