Bewusstsein kann man nicht auf Prozesse in der Hirnrinde reduzieren

Seite 3 von 3
Körper und Seele : Wie der Geist entsteht

Während Koch glaubt, dass Tononis Theorie „einen gigantischen Schritt in Richtung einer endgültigen Lösung des Körper-Seele-Problems“ darstellt, sind manche seiner Kollegen weniger überzeugt. „Der Begriff ,Information‘ erklärt nichts“, kontert der Hirnforscher Roth. Er hebt die Bedeutung der Evolution hervor. Aus seiner Sicht ist das Bewusstsein von Vorteil, um als „neu“ und „wichtig“ erkannte Aufgaben zu meistern.

Mentale Felder schaffen eine virtuelle Gesamtwelt

Denn es schaffen nur sehr wenige der im Gehirn eintreffenden oder erzeugten Informationen, ins Bewusstsein „vorgelassen“ zu werden. Den routinemäßigen Weg zur Arbeit beherrscht der Pendler wie im Schlaf und meistert ihn beinahe unbewusst. Raubt ihm aber ein anderer Autofahrer die Vorfahrt, ist er plötzlich aufmerksam und konzentriert.

Obwohl Bewusstsein ein Produkt kommunizierender Nervenzellen ist, ist es nicht mit dieser Aktivität identisch, argumentiert Roth. Synchron feuernde Neuronen erzeugen in der Hirnrinde elektromagnetische Felder und diese wiederum „mentale“ Felder. Geist und Bewusstsein lassen sich „als ein immaterielles System verstehen, das aus ,mentalen Feldern‘ aufgebaut ist“. Sie erschaffen eine virtuelle Gesamtwelt, die aus der Wahrnehmung der Umwelt, unseres Körpers und des Geistes besteht, vermutet Roth.

Elektromagnetische Felder in der Hirnrinde sind zwar erforderlich, um Bewusstsein zu erzeugen, dieses geht aber über sie hinaus. Roth spricht von „Emergenz“, also dem Herausbilden neuartiger Eigenschaften. Bewusstsein ist ein Produkt des Gehirns. Aber es ist nicht auf Prozesse in der Hirnrinde reduzierbar, auch wenn es von diesen hervorgebracht wird. Daraus folgt für Roth, dass der Geist zumindest teilweise autonom ist.

Wie ein Schreibtisch, auf dem sich die Akten stapeln

Woraus Bewusstsein besteht, diese Frage sei vielleicht niemals befriedigend zu beantworten. „Das ist keine Besonderheit des Geist-Gehirn-Problems“, sagt Roth. „Ein Physiker ,versteht‘ auch nicht, was Quanten sind.“ Es komme auf die präzise Beschreibung an. „Die Suche nach dem Wesen des Geistes haben die Naturwissenschaften sich abgewöhnt, darin besteht ihr Vorteil.“ Auch John-Dylan Haynes kann gut damit leben, dass die Hirnforschung keine letzten Wahrheiten erlangen kann. Diesseits von ihnen gebe es eine Menge Fragen, die die Wissenschaft aufklären könne. Etwa die, wann Bewusstsein auftrete – ein Problem, das Haynes im Labor untersucht.

Unter den vielen Theorien, die das Bewusstsein und seine Entstehung zu erklären versuchen, hat sich bislang keine als allgemeingültig erwiesen. Den größten Einfluss hat seit einigen Jahren das Modell der „globalen Arbeitsfläche“ (global workspace). Es geht auf den Psychologen Bernard Baars zurück. Nach dieser Theorie ähnelt das Bewusstsein einem Schreibtisch, auf dem sich Akten stapeln. Nur jeweils eine von ihnen ist aufgeklappt, steht damit im Zentrum des Interesses und ist „bewusst“.

Das Modell der „globalen Arbeitsfläche“ ist mit einem Theater verglichen worden: Auf der Bühne des Bewusstseins werden jene Schauspieler in gleißendes Licht getaucht, die gerade unsere Aufmerksamkeit fesseln. Im Hintergrund stehen Regisseur, Autor, Bühnenbildner parat – also jene Teile des Gehirns, ohne die das Theaterstück namens Bewusstsein nicht möglich wäre. Und das Publikum? Ist bewusstlos.

Artikel auf einer Seite lesen

Twitter

Folgen Sie unserer Wissen und Forschen Redaktion auf Twitter: